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Ärzteblatt missinterpretiert Studie

Und sogar das Gesundheitsministerium steigt ein

Gestern erschien eine Studie zum Dampfen unter Jugendlichen im Deutschen Ärzteblatt. Doch was diese Studie gemäß Medien, Gesundheitsministerium und sogar dem Ärzteblatt selber zeigen soll, steht da gar nicht drin.
Im Gegenteil, die Forscher haben es in eben dieser Studie ausgeschlossen.
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Das Deutsche Ärzteblatt wurde bereits 1872 gegründet. Es ist das offizielle Organ der bundesdeutschen Ärzteschaft und wird von der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung heraus gegeben.

Die Printausgabe wird an alle Ärzte Deutschlands verschickt und ist mit einer Auflage von über 350.000 Stück wöchentlich die größte Ärztezeitschrift im deutschsprachigen Raum.
Aufgrund dieser Reichweite und Geschichte darf man es also durchaus als wirkmächtiges Medium ansehen.
Es veröffentlicht sowohl Berichte zu Themen die Ärzte betreffen, wie auch wissenschaftliche Arbeiten.

Kieler Studie veröffentlicht

Gestern veröffentlichte es auf seiner Online Plattform und in der Printausgabe eine Studie des Instituts für Therapie- und Gesundheitsforschung in Kiel.
Wie zu erwarten wurde dies über die üblichen Meldewege der Medien aufgegriffen und rezipiert. Noch am gleichen Tag erschienen bereits kurze Artikel in der Welt und einigen anderen.
Sogar das Bundesministerium für Gesundheit griff die Studie auf.

Kiel, Heimat des Instituts für Therapie- und Gesundheitsforschung

Offenbar steckte in der Informationskette der Wurm.
Zwar könnte man annehmen, dass die Meldung durch eine Presseagentur verteilt wurde. Doch die Vereinfachung, die sich in den Medien findet, steckt bereits in der Meldung des Ärzteblattes selber.

Wie häufig handelt es sich dabei nicht um einen Fehler der wissenschaftlichen Arbeit. Sondern der Rückschlüsse, die daraus gezogen wurden.
Scheinbar wurde die Studie von keinem der Beteiligten gewissenhaft gelesen. Geschweige denn geprüft.

Nur eine Datenerhebung

Die Forscher Morgenstern, Nies, Goecke und Hanewinkel wollten im Auftrag des Instituts für Therapie- und Gesundheitsforschung einmal in einer so genannten Kohorten Studie Zahlen zur Nutzung der E-Zigarette unter Jugendlichen erheben. Einfach um eine Grundlage zu haben, worüber man überhaupt spricht.
Eine solche Studie ist keine medizinische Ursachenforschung, sondern lediglich eine Zahlensammlung.

Dazu nahmen in den Jahren 2015 und 2016 insgesamt 4.163 Schüler der zehnten Klasse im Durchschnittsalter von 15,5 Jahren teil. Die Erhebung fand durch Fragebögen statt, die an Schulen in Schleswig-Holstein und Niedersachsen verteilt wurden.

Das Ergebnis wird in der Studie bereits in der Einleitung festgestellt. Dort heißt es „Junge Nie-Raucher experimentierten häufiger mit konventionellen Zigaretten, wenn sie zuvor E-Zigaretten konsumiert hatten. Der Einfluss scheint stärker zu sein für Jugendliche, die ein generell niedrigeres Risiko haben, mit dem Rauchen zu beginnen.“

Im Zitat schon Weglassung

Das Gesundheitsministerium gestern auf ihrer Facebook Seite

Der Geschäftsführer des Instituts, Reiner Hanewinkel, wird interessanterweise im online Artikel des Deutschen Ärzteblattes mit fast wörtlicher Übereinstimmung zitiert.
Allerdings wird hier auf den nächsten Satz der Zusammenfassung der Studie verzichtet: „Die 6-monatige Beobachtungszeit erlaubt keine Aussage darüber, ob die Nutzung von E-Zigaretten mit der Entwicklung von Tabakabhängigkeit verbunden ist.“

Es geht also, wie so häufig in Meldungen zur E-Zigarette, wieder um die übliche methodische Ungenauigkeit.
Zu implizieren, die Jugendlichen würden dadurch „anfangen zu rauchen“, ist schlicht und ergreifend falsch. Denn sehr viele Jugendliche experimentieren in der Adoleszenz mit vielen Drogen und Genussdrogen. Dass sie dadurch süchtig werden, ist damit noch lange nicht plausibel nachgewiesen.
Beispielsweise gibt über ein Viertel aller Bundesbürger an, einmal Cannabis ausprobiert zu haben. Wäre dieses Experimentieren also relevant, müsste jeder vierte Erwachsene regelmäßig kiffen.
Experimentieren ist nicht gleichzusetzen mit dem dauerhaften Konsum. Geschweige denn einer Sucht.

Grundsätzlich nicht plausibel

Doch die Vereinfachung, Jugendliche würden durch die E-Zigarette eher anfangen zu rauchen, ist auch aus einem zweiten Grund nicht plausibel. Der wird allerdings erst offensichtlich, wenn man sich ein wenig mit der Psychologie der Süchte auseinander setzt.




Heranwachsende haben ein unterschiedliches Risiko, an Drogen zu geraten oder eine Sucht zu entwickeln. Nicht nur, dass inzwischen sogar genetische Vorbedingungen auf eine Prädisposition hinweisen. Es ist von vielen Faktoren abhängig, wie beispielsweise der Zukunftserwartung, dem Elternhaus, dem sozialen Umfeld, etc.
Suchtforscher können aufgrund eines Profils eines Kindes recht sicher prognostizieren, ob das Kind irgendwann einmal anfängt zu rauchen oder Drogen zu sich nimmt. Oder gar eine Sucht entwickelt.

Ein wichtiger Faktor ist dabei der Grad der Bildung. Der Bildung der Jugendlichen und des Umfeldes.
Gymnasiasten rauchen weniger und entwickeln seltener Süchte. Deshalb müsste man also folgerichtig erwarten, dass auch weniger Gymnasiasten, die eine E-Zigarette probieren, nachher an konventionelle Zigaretten geraten.
Dies ist aber nicht der Fall. Es wird in der Studie ausdrücklich ausgeschlossen. „Der Zusammenhang zwischen E-Zigaretten-Nutzung und der Initiierung des Rauchens war jedoch für Gymnasiasten und Nicht-Gymnasiasten in etwa gleich hoch und kann daher als unabhängig vom Schultyp betrachtet werden.“

Vereinfacht gesagt…

Das bedeutet im Grunde vereinfacht Folgendes.
Nimmt man eine Gruppe Jugendliche, dann kann man feststellen, wie viele anfangen zu rauchen. Man kann auch feststellen, wie viele mit der E-Zigarette experimentieren und danach Tabak Zigaretten ausprobieren. Und natürlich kann man das vergleichen mit einem Durchschnitt. Fangen mehr Jugendliche als sonst üblich an zu rauchen, die Vorher eine E-Zigarette ausprobiert haben?

Man kann aber nicht feststellen, wie viele von denen die anfangen zu rauchen, weil sie eine E-Zigarette ausprobiert haben. Denn man kann ja niemals ausschließen, wie viele von denen auch geraucht hätten, wenn sie keine E-Zigarette ausprobiert hätten.
Aber es liegt ja nahe, dass ausgerechnet die, die eh Rauchen würden, auch die E-Zigarette ausprobieren.

Das ist mit einer solchen Erhebung überhaupt nicht möglich festzustellen.

Das steht aber auch in der Studie

Zur Ehrenrettung der Studie aus Kiel muss man jedoch hinzufügen, dass die Wissenschaftler das auch ganz klar so benannt haben.

„Die Gateway-Hypothese lässt sich aus ethischen Gründen nicht mittels experimenteller Anordnung untersuchen. Beobachtungsstudien sind generell anfälliger für systematische Verzerrungen als randomisierte klinische Studien und erlauben keine unmittelbaren kausalen Schlussfolgerungen. […] Es ist auch nicht gänzlich auszuschließen, dass die Nutzer/innen von E-Zigaretten zu einem späteren Zeitpunkt ohnehin mit dem Rauchen von konventionellen Zigaretten begonnen hätten.“
Morgenstern M, Nies A, Goecke M, Hanewinkel R: E-cigarettes and the use of conventional cigarettes—a cohort study in 10th grade students in Germany. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 243–8. DOI: 10.3238/arztebl.2018.0243

Das steht sogar grafisch hervorgehoben noch einmal in den Kernaussagen. „Kausale Schlussfolgerungen sind aufgrund des Studiendesigns nicht möglich.“
Selbst der Hinweis, dass die Jugendlichen die Angaben ja selber gemacht haben und gelogen haben könnten steht dort. („Das Konsumverhalten wurde nicht objektiv erfasst, wodurch die Antworten systematisch verfälscht sein könnten.“)

Neutraler Bericht oder Meinungsmache?

Man muss also davon ausgehen, dass die Verfasser der Artikel und Berichte die Studie entweder nicht gelesen haben. Oder die Ergebnisse absichtlich falsch darstellen. Absichtlich implizieren, hier ginge es um eine Gefahr und die Studie würde diese belegen.

Angesichts der Tatsache, dass selbst das Bundesgesundheitsministerium mit einer solchen Vereinfachung in ihrem Beitrag auf Facebook aufwartet, darf man also getrost davon ausgehen, dass hier Politik betrieben wird. So darf auch der obligatorische und oft wiederholte Hinweis nicht fehlen, dass es am gesündesten ist, gar nicht erst mit dem Rauchen oder Dampfen anzufangen.
Dabei wird wieder der Jugendschutz nach vorne gestellt und ignoriert, dass Dampfer fast ausschließlich ehemalige Raucher sind.

Gateway auf vielen Ebenen widerlegt

Prof. Dr. Linda Bauld
Prof. Dr. Linda Bauld (Foto: Universität Stirling)

Es gibt viele Untersuchungen zur Gateway Theorie. Doch diese Hypothese ist inzwischen generell umstritten. Sogar bei ihrer „Erfinderin“, der Psychologin Prof. Dr. Denise B. Kandel.

Eigentlich hieß diese Hypothese Gateway Drug Theory. Und sie besagte, dass viele Drogenabhängige mit leichteren Drogen angefangen hätten. Und so verfestigte sich die Vereinfachung der so genannten Einstiegsdrogen. Doch das bedeutet ja nicht, dass jeder, der vermeintlich leichte Drogen nimmt, zwangsläufig später auch harte Drogen konsumiert.
Das trifft aber beispielsweise auf Japan nicht zu, denn dort sind harte Drogen weit beliebter als leichte Drogen. Und die oben genannten Argumente zeigen, auf welchem Stand die Wissenschaft tatsächlich inzwischen ist.

Eine Eindrucksvolle Erhebung wurde im vergangenen Jahr von Prof. Dr. Linda Bauld von der Universität Stirling in Schottland durchgeführt. In der Metastudie wurden die Daten von 600.000 Schülern über drei Jahre hinweg gesammelt und verglichen.

Dort zeigte sich, dass nur zwischen 0,1% und 0,5% der Jugendlichen anfangen zu dampfen, ohne zuvor geraucht zu haben. Und dass eine Bewegung von der E-Zigarette zu einem dauerhaften Tabak Konsum de facto nicht vorhanden ist.
Doch diese Studie wird von den Medien ganz einfach ignoriert.


Studie von Prof. Dr. Linda Bauld: https://www.vapers.guru/2017/09/01/studie-widerlegt-gateway/
Aktuelle Studie im Original (Print): https://www.aerzteblatt.de/pdf.asp?id=197188
Artikel des Ärzteblattes: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/sw/E-Zigaretten?nid=92239

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Joey Hoffmann

Begründer und inhaltlich Verantwortlicher bei vapers.guru
Freier Redakteur, zuvor angestellter und selbstständiger Marketingberater und Mediengestalter, Fachbereich Facebook und Wordpress. Mitglied des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes.

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