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Offener Brief an Tabakverband

Symbiose von Tabak- und Pharmalobby kurz erklärt

Lieber Verband der Deutschen Rauchtabakindustrie,

vielen Dank für Ihre gestrige Erwähnung meines Artikels zu den Gesetzesplänen der hessischen Regierung (Link unten) auf der Seite Ihres Verbandes bei LinkedIn. (Link unten)

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Da Sie offensichtlich etwas desorientiert sind, möchte ich Ihnen gerne helfen. Bevor noch der Eindruck aufkommt, Sie hätten ihre Public Relations und Corporate Communication nicht unter Kontrolle.

Zunächst unterstellen Sie aufgrund meines Artikels, man würde „sich auf Seiten der Industrie der neuartigen Produkte“ über den Gesetzentwurf „echauffieren“.

Das weiß ich ehrlich gesagt nicht. Aber da Sie, oder die von Ihnen beauftragte Kommunikationsagentur, in diesen hektischen Zeiten scheinbar nicht die Zeit gefunden hat die Quelle zu prüfen, möchte ich das an dieser Stelle nachholen.

Dazu darf ich mich zunächst vorstellen.

„Industrie der neuartigen Produkte“

Mein Name ist Joey Hoffmann. Ich bin professioneller Blogger und Fachjournalist.
Ich betreibe den Blog VAPERS.GURU inzwischen seit über sechs Jahren.

Ich darf sicher sagen, dass ich bei regelmäßigen Lesern und innerhalb der Branche für professionelle Recherche, aber auch für die weitgehende Abwesenheit von diplomatischen Lösungen bekannt bin. Hinzu kommen ein nicht immer sozial konsensualer Humor.

Was dazu geführt hat, dass ich mit weiten Teilen der überschaubaren „Industrie der neuartigen Produkte“ verzankt bin. Weil ich auch bei denen nicht mit Kritik spare. „Gespanntes Verhältnis“ wäre geprahlt.
Denn meine Perspektive ist immer die des Konsumenten. Meine Motivation ist Rauchern durch unabhängige Information zur Tobacco Harm Reduction zu helfen.

Natürlich ist meine Seite werbefinanziert. Und naturgemäß buchen üblicherweise Unternehmen aus der Branche Werbeplätze bei mir.
Das bedeutet aber nicht, dass ich zu der „Industrie der neuartigen Produkte“ gehöre. Geschweige denn ihr Sprachrohr bin. Zumal meine Integrität mir mehr wert ist, als der von Ihnen zitierte Blog.

Zudem ist Ihnen offenbar entgangen, dass ich derzeit Kooperationspartner für eine „no branded“ Informationskampagne von Philip Morris bin.
Ich bin nicht ganz sicher, ob Ihre Verortung „Industrie der neuartigen Produkte“ auch auf den weltweit größten privatwirtschaftlichen Tabakkonzern zutrifft.

Geschenkt.

Ja, ich „echauffiere“ mich

Ja, ich „echauffiere“ mich zutiefst über den Gesetzentwurf.
Da er, entgegen Ihrer Darstellung, nämlich nicht nur das Verbot von Produkten der Tobacco Harm Reduction auf Spielplätzen vorsieht. Und auch nicht den Jugendschutz als Begründung aufführt.

Das Rauchen und Dampfen auf Spielplätzen ist üblicherweise eh über das Hausrecht untersagt. Und das ist völlig in Ordnung so.
Zu unterstellen, ich oder die Industrie seien für eine „Dampferlaubnis“ auf Spielplätzen, ist also Unfug.

Der Gesetzentwurf soll vielmehr wissenschaftlich nachgewiesen um Längen weniger schädliche Produkte auf eine Stufe mit Tabak stellen. Selbst wenn sie gar keinen Tabak enthalten.
Beispielsweise auch in Gaststätten.
Was er mit der Falschbehauptung begründet, die Emissionen in E-Zigaretten und Tabakzigaretten seien vergleichbar gesundheitsschädlich für so genannte Passivraucher.

Die staatliche Gesundheitsbehörde Public Health England schätzt das Gesundheitsrisiko von E-Zigaretten auf 95 Prozent geringer, als das von Zigaretten. Das Krebsrisiko sogar auf 99,5 Prozent geringer.
Jeder, der nicht in Biologie den Turnbeutel holen war, kann sich also selber eine Relation davon machen, was wohl „Passivdampfer“ noch an gesundheitsgefährdenden Emissionen aufnehmen könnten. Womöglich unter freiem Himmel.

Zumal aus einer E-Zigarette ja nur etwas herauskommt, wenn man an ihr zieht. Und der Konsument es mit der eigenen Lunge filtert. Im Gegensatz zu Tabak, der durchgehend verglimmt und alles in die Umluft abgibt.



„Neukundenakquise auf dem Kinderspielplatz“

Und zu guter Letzt habe ich nie behauptet, dass „der Dampf gänzlich ungefährlich sei“, wie Sie mir unterstellen. So etwas käme mir nie über die Tastatur.
Es ist ein Strohmann-Argument von Ihnen.

Zum Schluss entblöden Sie sich tatsächlich nicht, von einer „Neukundenakquise auf dem Kinderspielplatz“ zu philosophieren. Denn wir alle kennen die erschütternden Bilder von Sechsjährigen auf einem Klettergerüst mit einer E-Zigarette in der Hand.

Ich weiß ja nicht, was Sie so mit 14,7 Jahren gemacht haben. Ich habe nicht mehr auf Kinderspielplätzen geschaukelt.
Das ist aber das Einstiegsalter für Tabakkonsum in Deutschland. In den Konsum von Produkten, die Ihre Mitglieder herstellen. Denn häufig hochpreisige E-Zigaretten, die dazu noch schwerer zu bekommen sind, führen nur bei etwa 0,3 Prozent der nikotinnaiven Jugendlichen zu einem regelmäßigen Konsum. Die womöglich sonst eh geraucht hätten.

Man muss nicht lange recherchieren, um Angebote ihrer Mitglieder zu finden. Wie Feinschnitttabak plus Hülsen für 500 Zigaretten für unter 40,- Euro. (Stückpreis unter 8 Cent.)
Sollen wir mal diskutieren, womit Jugendliche wohl eher in den Nikotinkonsum einsteigen? Oder reicht Ihnen die Zahl von über 98 Prozent ehemaliger Raucher bei den Konsumenten von E-Zigaretten?

Absurde Argumentation

Glauben Sie mir, ich verstehe Sie ja. Wirklich.
Ihre Mitgliedsunternehmen stellen genau die Produkte her, die Abhängige im Schnitt zehn Jahre früher ins Grab bringen. Da ist es naheliegend plakativ so zu tun, als würde man Regulierungen wie den Jugendschutz begrüßen. „Rauchen nur für selbstverantwortliche Erwachsene“, das Lied wurde inzwischen oft genug gesungen.
Damit die Politik ihnen wenigstens so viel Spielraum lässt, dass diese Unternehmen, von denen Sie ihre Mitgliedsbeiträge bekommen um solche Kommentare zu veröffentlichen, nicht kaputtreguliert werden.

Deshalb bezeichnen Sie auf Ihrer Homepage sicher auch die Steuer als „ausgewogen“.
Ausgewogen wäre sie, wenn sie sich am wissenschaftlich belegbaren Gesundheitsrisiko orientieren würde. Aber das dürfte Ihnen weniger in den Kram passen.

Und da ist es auch selbstverständlich, dass sie diese Produkte der Tobacco Harm Reduction als natürlichen Fressfeind ausgemacht haben. Weil immer mehr Menschen auf diese deutlich weniger schädlichen Alternativen umsteigen. Und somit auf die Produkte ihrer Mitglieder verzichten. Denn die können kaum, wie die Konzerne, auf diese Veränderungen reagieren.

Doch ab da wird es dann doch etwas absurd.
Im nächsten gedanklichen Schritt wollen sie nämlich, dass diese Produkte entgegen der wissenschaftlichen Beweislage genauso reguliert werden, wie die Tabakprodukte, die sie vertreten. Damit sie, über den unbestreitbaren gesundheitlichen Nutzen hinaus, nicht womöglich noch mehr Vorteile haben.
Wenn man Ihr Zeug nicht in der Kneipe rauchen darf, darf man auch nichts anderes inhalieren.

Symbiose zwischen Tabak- und Pharmalobby

Und deshalb biedern Sie sich öffentlich an. Und singen das gleiche Lied wie die Lobbyverbände der Gesundheits- und Pharmaindustrie.

Man kann das nicht deutlich genug sagen:
Sie argumentieren genau so, wie die Interessenvertreter, die Sie gerne kaputtregulieren wollen. Nur damit diese Alternativen Ihnen nicht das Wasser abgraben.
Der Feind meines Feindes ist mein Freund.
Vielleicht wäre US-amerikanische Außenpolitik eher was für Sie. Die dürfte ähnlich nachhaltig sein.

Schöner als an ihrem Kommentar kann man die Symbiose zwischen Tabak- und Pharmalobby gar nicht verdeutlichen. Die man einem halbwegs normaldenkenden Menschen kaum erklären kann.
Sie verdienen Ihr Geld damit gesundheitsschädliche Produkte zu verbimseln, während andere viel Geld damit verdienen, die Folgen des jahrzehntelangen Missbrauchs Ihrer Produkte aufzuräumen.
Weniger schädliche Alternativen wie E-Zigaretten und Tabakerhitzer stören da nur. Und wenn selbst Philip Morris Inernational und British American Tobacco langsam umschwenken, wird es eng für Sie.

Aber es ist schon eine Lachnummer, dass Sie dann ausgerechnet mich, der sich schon mit der halben Branche angelegt hat, öffentlich als Sprachrohr der „Industrie der neuartigen Produkte“ deklarieren.

Das hätten Sie alles mit wenig Aufwand selber herausfinden können.
Weshalb Ihr Kommentar nicht nur ein Abbild des eigennützigen Systems von Tabak und Pharma ist. Sondern auch ein Paradebeispiel für die völlige Abwesenheit von Fachkenntnissen in diesem Bereich.

Wenn Sie demnächst mir oder anderen etwas aus eigenen Lobbyinteressen unterstellen, sollte es wenigstens so logisch sein, dass nicht selbst die versammelte Belegschaft des DKFZ in Personalunion mit Tabakkonzernen sich laut vor die Stirn klatscht.


Kommentar des Verbandes auf LinkedIn (über WaybackMachine gesichert): https://bit.ly/3wwWO2h

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Joey Hoffmann

Begründer und inhaltlich Verantwortlicher bei vapers.guru
Freier Redakteur, zuvor angestellter und selbstständiger Marketingberater und Mediengestalter, Fachbereich Facebook und Wordpress. Mitglied des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes.