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Nonsens-Studie: E-Zigaretten schädigen die Knochen

Schlagzeilen sind besser als Fakten

Eine Studie will nachgewiesen haben, dass E-Zigaretten die Knochen schädigen. Medien berichten, Schlagzeilen werden gemacht… Dabei ist die Studie schlicht nichts wert. Was man merkt, wenn man sie denn liest.

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Es ist sicher besser, wenn ich diesen Artikel als Kommentar schreibe. Denn ich bin nicht in der Lage, mit angemessenem Abstand auszudrücken, wie abgefressen ich bin.
Ich entschuldige mich vorab bei geneigten Fachlesern. Aber man muss Dinge auch mal so aussprechen, wie sie nun einmal sind.

Da werden Studien rausgehauen, für die jeder Student schlicht durchfallen würde. Und Fachmedien springen darauf an und veröffentlichen wilde Überschriften. Ohne den Scheiß jemals gelesen zu haben.
Man darf sich über Vertrauensverlust nun wirklich nicht wundern.

Das wäre nichts Neues, Redakteure prüfen eh nie. Aber diese „Knochenstudie“ war überhaupt nicht auffindbar. Man konnte sie gar nicht selber überprüfen.

Jetzt ist sie aufgetaucht. Und es zeigt sich: es ist so dermaßen Schwachsinn… Schlimmer als erwartet.

Ok, ok, ich werde es erklären. Ich reiße mich ja schon zusammen.

Das Peer-To-Peer-Review

Zunächst sollte man vielleicht erklären, wie wissenschaftliche Veröffentlichungen normalerweise laufen. Sehr vereinfacht.

Irgendwer stellt eine These auf. Dann sammelt er Daten. Wenn die Daten seine These belegen, schreibt er dazu eine Studie.
Diese Studie reicht er bei einem Fachjournal ein, um sie veröffentlichen zu lassen. Das ist für Wissenschaftler wichtig, veröffentlichte Studien sind sowas wie Projektarbeiten in einem Lebenslauf.

Das Journal prüft diese Studie dann, ob sie formal den allgemeinen Regeln genügt. Wird sie dann veröffentlicht, stürzen sich nochmal andere Wissenschaftler darauf und versuchen sie zu widerlegen. Diesen Vorgang nennt man Peer-To-Peer-Review, es ist die Qualitätssicherung der Wissenschaft.

Hau raus, Kapelle!

Dieses Prinzip wird immer häufiger unterlaufen. Das passiert vor allem dann, wenn Wissenschaftlern gar nicht so wichtig ist, ob sie nun wirklich Wissen schaffen. Beispielsweise wenn Sie sich für gewünschte Ergebnisse bezahlen lassen, mal in der Zeitung stehen oder an Forschungsgelder kommen wollen.

Dann reicht man die Studie ein und gibt möglichst zeitnah eine Pressemitteilung heraus, bevor andere Wissenschaftler den Mist prüfen. Man kann auch eine Pressekonferenz geben oder selber einen Artikel auf „EurekAlert!“ veröffentlichen.

Der geneigte Leser merkt: Es geht da schon Richtung PR. Schmissige Überschrift, Medien gezielt ansprechen, Clipping, Conversion, Erwähnungen… Ob die Studie später zerrissen wird, ist dann egal. Was einmal im Netz steht, ist raus und bleibt auch. Wissenschaft kommerzialisiert sich.

Das Prinzip Glantz

Nach dem gleichen Prinzip funktionierte auch die Herzinfarktstudie von Glantz.

Prof. Dr. Stanton Glantz von der University of California in San Francisco wurde massiv durch Johnson & Johnson unterstützt. Also dem Pharmakonzern, der Nicorette herstellt.
Der Mann hatte eine Professur einer medizinischen Fakultät, ist aber eigentlich Ingenieur. Der hat sicher nie einen Patienten von Nahem gesehen.

Prof. Dr. Stanton Glantz

Glantz behauptete in einer „Studie“, dass E-Zigaretten das Herz schädigen.
Dafür hatte er sich die Zahlen einer allgemeinen, regelmäßigen Umfrage angesehen. Und da zeigte sich seiner Meinung nach eine Korrelation zwischen Dampfen und Herzinfarkten. Weil diejenigen, die angaben eine E-Zigarette zu nutzen, überproportional häufig einen Herzinfarkt hatten.

Das wurde dann in einem Fachjournal veröffentlicht, in dem er selber praktischerweise auch Editor war. Es wurde eine Mitteilung auf „EurekAlert!“ veröffentlicht, Pressemitteilungen gingen raus… Die Aussage war sehr schnell in vielen großen Medien. Sogar in Europa. „E-Zigaretten schädigen das Herz“.

Nach der Veröffentlichung wurde dann schnell klar: Das ist fundamentale Ziegenpisse. Bei der Prüfung der Daten durch andere Wissenschaftler fiel auf, dass die Leute teilweise einen Herzinfarkt erlitten hatten, bevor es überhaupt E-Zigaretten gab.
Das Journal musste die Arbeit zurückziehen. Eigentlich eine schallende Ohrfeige für jeden Wissenschaftler.

Den Sympathieträger Glantz störte das wenig. Er lächelte auch später noch in Kameras und vertrat seine krude These. Unter anderem auch ausgestrahlt in einer Dokumentation des sonst eher intellektuellen Senders arte. Sie wird bis heute als Referenz genutzt, sogar von Politikern im Bundestag.



Die unauffindbare Knochenstudie

Das Gleiche ging diese Woche ab. Nur noch besser.
Am Montag wurde auf verschiedenen Kanälen veröffentlicht, dass eine neue Studie raus ist. Und die will nachgewiesen haben, dass E-Zigaretten die Knochen schädigen. So auch der Text auf „EurekAlert!“.

Ab Dienstagmorgen war ich dann mit mehreren Leuten auf der Suche.
Ein Bekannter aus der Branche hatte sogar schon pressetext.com angeschrieben und darauf hingewiesen, dass der Link zu der Studie tot ist. Die Antwort zeigte, dass es pressetext.com scheißegal ist.
Immer mehr Medien veröffentlichten, dass die E-Zigarette die Knochen schädigt. (Daily Mail, Health Europa, MSN Health Titelseite, etc.)

Am Dienstagabend fragte ich auch zwei mir bekannte Doktoren. Die fanden auch nix.
Die üblichen Quellen, die aktuelle Studien für die Medien aufarbeiten, waren auch leer. Eine Phantomstudie. Ein Wissenschaft-Ninja, keiner hat ihn gesehen.

Durch einen Link in einer neuen Veröffentlichung fand ich dann die Studie. Da sie offen ist, lade ich sie auf den Server. (Link unten)

Ein Arzt in den USA, ein Arzt in Kamerun

Über den Leiter der Studie, Dr. Dayawa D. Agoons, findet sich überraschend wenig. Nur, dass er Arzt in einem 409-Betten-Krankenhaus in Harrisburg, Pennsylvania ist.
Spannenderweise ist als zweiter Autor Batakeh B. Agoons genannt. Als wenn die Namensgleichheit nicht auffällig genug wäre, wird er als Mitarbeiter der Universität Yaoundé (Jaunde) in Kamerun ausgewiesen.

Die beiden haben als letztes eine Studie herausgebracht zu dem Thema, ob der Proteinkomplex Ferritin im Kaffee zu einem erhöhten Harnsäurewert (Hyperurikämie) bei Frauen in den USA führt. Verwendet wurden die Daten des National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES).
Die Daten stammen von 2003 bis 2006, die Studie wurde veröffentlicht 2021.

Bei aller journalistischen Sorgfalt und Neutralität: Da betreiben ein paar Leute lustig Wissenschafts-Limbo.

Dampfer haben ein geringeres Risiko als Aufhörer

Genau die gleiche Erhebung „NHANES“ haben sich die Agoons für die aktuelle Studie angeguckt. Allerdings von 2017/2018. Wenigstens halbwegs aktuell.

Nur um das an dieser Stelle für Laien ganz deutlich zu sagen: Die haben niemanden untersucht, keinen Patienten gesehen, kein Blut abgenommen, keine Röntgenaufnahme gemacht. Nix.
Die ganze „Studie“ ist Statistikauswertung. Einer Statistik, die auf Selbstauskunft beruht.

Sie haben schlicht verglichen, wie viele Leute angaben schon einmal eine E-Zigarette gedampft zu haben und schon mal einen Knochenbruch hatten. Das verglichen sie mit denen, die noch nie gedampft haben. Und siehe da: Knochenbrüche waren in der Gruppe der Leute, die schon einmal gedampft haben, um 46 Prozent erhöht.

Richtig verstanden. Es wurde weder abgefragt, wie lang die Leute schon dampfen. Noch wieviel sie dampfen. Geschweige denn, ob sie vorher geraucht haben.
Es wurde nicht einmal abgefragt, wann der Bruch passiert sein soll.

Wenn also jemand 2006 einen Knochenbruch hatte und 2017 einmal für drei Wochen eine E-Zigarette probiert hat, landet er in der Statistik.

Es kommt noch besser. Laut den Zahlen hat jemand, der aktuell dampft, ein geringeres Risiko, als jemand mal gedampft hat und es nicht mehr tut.

Es steht sogar drin!

Die Autoren wissen das alles. Es steht sogar drin.
In den „Limitations“ steht, dass sie durch die Daten keinen kausalen Zusammenhang herstellen können, dass die Brüche auch vor der Nutzung von E-Zigaretten passiert sein können und dass nicht abgefragt wurde, ob die Nutzer vorher geraucht haben.

„Die Mechanismen, durch die E-Zigaretten die Gesundheit der Knochen schädigen könnten, sind unbekannt.“

Association between electronic cigarette use and fragility fractures among US adults, American Journal of Medicine Open, 13.11.2021

In der Pressemitteilung sagt Dr. Agoons allen Ernstes über die Studie: „Sie füllt eine wichtige Wissenslücke […] Unsere Ergebnisse zeigen Daten, um Forscher, Gesundheitspolitiker und Tabakregulatoren über den möglichen Zusammenhang zwischen E-Zigarette und reduzierter Knochengesundheit zu informieren.“

Man darf also erwarten, dass in der Zukunft von der WHO, dem ABNR oder einem Politiker mal nebenbei erwähnt wird, dass E-Zigaretten ja die Knochen schädigen.

Ob alle bekloppt geworden sind, hab ich gefragt.

Die Studie im Original: https://www.vapers.guru/wp-content/uploads/2021/11/Knochenstudie.pdf


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Joey Hoffmann

Begründer und inhaltlich Verantwortlicher bei vapers.guru
Freier Redakteur, zuvor angestellter und selbstständiger Marketingberater und Mediengestalter, Fachbereich Facebook und Wordpress. Mitglied des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes.