Gastbeitrag durch die Lobby: Professor verbreitet Falschaussagen

Ein Taschenspielertrick

Das untermauert er mit der Aussage „Jugendliche E-Zigarettenraucher steigen vermehrt auch auf Tabakzigaretten um.“ Auch das ist „nicht belegt“ wie Wissenschaftler sagen, „an den Haaren herbeigezogen“ wie der Volksmund sagt.
Eine solche Bewegung konnte bisher in keiner Erhebung nachgewiesen werden. Und es waren wirklich große dabei, unter anderem durch Prof. Dr. Linda Bauld, die sich die Daten von über 60.000 Schülerinnen und Schülern angesehen hat.

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Die Gegner der Harm Reduction bedienen sich bei diesem Argument eines Taschenspielertricks.
Es ist richtig, dass viele Jugendliche, die einmal eine E-Zigarette probiert haben, auch Tabakzigaretten probieren. Doch das bedeutet eben nicht, dass die E-Zigarette das auslöst.
In der Wissenschaft gibt es den Grundsatz „correlation is not causation“, eine Korrelation ist noch lange keine Ursache.
Tatsächlich ist es so, dass Jugendliche einen hohen Probierkonsum haben. Und bereits früh durch andere Faktoren angelegt ist, ob sie bestimmte Dinge einmal ausprobieren werden. (Elternhaus, sozio-kultureller Kontext, Bildung, etc.) An Hauptschulen wird weit mehr geraucht als auf Gymnasien.

Aktuelle Umfragen zeigen, dass viele der Jugendlichen, die E-Zigaretten nutzen, gleichzeitig auch rauchen. Und das sind derzeit 0,5 Prozent. Rauchen tun tatsächlich 8,7 Prozent. (DEBRA)

Die üblichen fehlenden Langzeitstudien

Es wäre müßig, den gesamten Beitrag Satz für Satz zu analysieren. Zumal Pankow sich immer weiter in solche Falschaussagen versteigt.

So behauptet er, die besagten 95 Prozent geringere Schädlichkeit würden von der „Tabakindustrie“ behauptet, nicht von Wissenschaftlern des britischen Gesundheitsministeriums. Und selbstverständlich darf das Argument der fehlenden Langzeitstudien nicht fehlen. Obwohl er als Mediziner wissen müsste, dass es solche „Langzeitstudien“ gar nicht gibt. Auch nicht für Tabakzigaretten oder Medikamente.

Allerdings gibt es bei hunderttausenden Nutzerinnen und Nutzern in Deutschland einen recht zuverlässigen Indikator. Denn Pankow selber sagt, dass „annähernd 130.000 Menschen jährlich als Folge des Tabakrauchens“ sterben. Das bedeutet, dass in den letzten zehn Jahren, in denen die E-Zigarette am deutschen Markt Relevanz bekommt, deutlich über eine Millionen Menschen an den Folgen des Rauchens gestorben sind. An den Folgen des Dampfens keiner.

Wer ist dieser Pankow überhaupt?

Es kann also allemal spannend sein, genauer zu hinterfragen, wer dieser Dr. Wulf Pankow eigentlich ist.
Der letzte Absatz seines Beitrages gibt eine Ahnung. Dort lenkt er das Thema fast unbemerkt weg von der Harm Reduction hin zum Rauchstopp. Was nun einmal etwas anderes ist. Denn jemand der aus gesundheitlichen oder monetären Gründen umsteigt, muss ja nicht zwangsläufig aufhören wollen Nikotin zu konsumieren.
Er verweist er auf die WHO und medizinische Fachgesellschaften. Und er empfiehlt für den Rauchstopp „verhaltenstherapeutische Entwöhnung mit Unterstützung geprüfter Medikamente“. Also Nichtraucherkurse und Medikamente der Pharmaindustrie.

„Professor Dr. Wulf Pankow ist Internist und Pneumologe und war bis zur Berentung Chefarzt der Klinik für Innere Medizin – Pneumologie und Infektiologie im Vivantes Klinikum Neukölln. Er vertritt die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin im Aktionsbündnis Nichtrauchen.“

Tagesspiegel Background, „Sind E-Zigaretten geeignet zur Tabakentwöhnung?“, 11.03.2022

Das Vivantes Klinikum Neukölln unterhält ein „Institut für Tabakentwöhnung und Raucherprävention“, das eben solche Entwöhnungskurse anbietet. Für 370,- Euro pro Person für acht Sitzungen. Die Leiterin Dr. Karin Vitzthum singt exakt das gleiche Lied der Entwöhnung, mit den gleichen Noten der Argumente. Die empfohlenen Nikotinpflaster gibt es in der hauseigenen Apotheke käuflich zu erwerben, zwischen 30,- und 50,- Euro pro Packung.



Die Gesundheits- und Pharmalobby

Darüber hinaus vertritt Pankow „die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin im Aktionsbündnis Nichtrauchen.“
Das Aktionsbündnis Nichtrauchen ist ein Lobbyverband der Gesundheitsindustrie, der zumindest mit einer Starthilfe aus der Pharmaindustrie gesponsert wurde. Die Vorsitzende Dr. Martina Pötschke-Langer ist vielen Konsumentinnen und Konsumenten als wirkmächtigste Gegnerin der E-Zigarette in Deutschland bekannt.
Sie ist auch Mitglied im Wissenschaftlichen Aktionskreis Tabakentwöhnung WAT e.V., der verdeckt über eine Agentur vom Pharmariesen Novartis gegründet wurde.

Dieses ABNR ist als Lobbyvertretung maßgeblich dafür verantwortlich, dass die scheidende Bundesregierung unter Merkel in ihren letzten Tagen noch schnell die Übernahme solcher Entwöhnungskurse durch die Krankenkassen durchgewunken hat. Damit haben diese professionellen Entwöhner Zugang zu einem Markt, der nach Expertenmeinung einige hundert Millionen Euro pro Jahr schwer sein dürfte.

In der Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin sind indes 4300 Lungenärzte organisiert. Und die veröffentlicht gerne Aussagen gegen die Tobacco Harm Reduction.
Würden viele Menschen auf die deutlich weniger schädliche E-Zigarette oder Tabakerhitzer umsteigen, wären viele ihrer Jobs bedroht. Denn die Folgen des Rauchens machen leicht 80 Prozent ihrer Kundschaft aus. Rauchen ist für die Pharma- und Gesundheitsindustrie ein mindestens so lohnenswertes Geschäft wie für die Tabakkonzerne.

Und das lässt die Pharmaindustrie sich etwas kosten. So wurde beispielsweise der Jahreskongress der DGP 2018 mit 185.956 Euro gesponsert. Von dem Londoner Konzern GlaxoSmithKline, dem Hersteller der Nikotinersatztherapien Nicotinell und NiQuitin. Das wurde jedoch nicht durch die DGP veröffentlicht, sondern man findet es lediglich in der Jahresbilanz von GlaxoSmithKline. Die DGP muss solche Einnahmen als eingetragener Verein nicht veröffentlichen. Ebenso wenig das ABNR oder der WAT.

Was kann man überhaupt gegen Schadensminimierung haben?

Auf den ersten Blick liest sich der Beitrag von Prof. Dr. Pankow also wie eine ärztliche Einschätzung. Der die allermeisten Menschen in Deutschland vertrauen.
Gleicht man die Aussagen jedoch mit dem tatsächlichen wissenschaftlichen Stand ab, zeigt sich, dass sie auf tönernen Füßen stehen. Macht man sich darüber hinaus klar, dass ein Professor es eigentlich besser wissen müsste, kommt man nicht umhin, es als bewusste Falschaussagen und Manipulation zu bezeichnen.

Betrachtet man dann den Hintergrund von Prof. Dr. Pankow, drängt sich der Eindruck auf, hier sollen eigene Pfründe gesichert werden.

Der Tobacco Harm Reduction geht es schlicht darum, Raucherinnen und Rauchern eine wissenschaftlich nachgewiesen weniger schädliche Alternative anzubieten. Die E-Zigarette und Tabakerhitzer nehmen gar nicht für sich in Anspruch, eine Ausstiegshilfe zu sein. …schön wenn es klappt, und offenbar funktioniert es zumindest mit E-Zigaretten leichter als mit den Nikotinersatztherapien der Pharmaindustrie. Aber das ist ja gar nicht der Anspruch.

Trotzdem scheint das die Umsätze der Pharma- und Gesundheitsindustrie derart zu bedrängen, dass sie auch nicht davor zurückschrecken zu lügen.
Würde es nur um die Gesundheit der Patienten gehen, müssten sie diese alternativen Produkte zum Umstieg empfehlen. So wie es in Großbritannien durch den Staat passiert. Und wie viele Ärztinnen und Ärzte es inzwischen tatsächlich auch tun.

Abstinenz und Prohibition haben noch nie funktioniert. Nirgendwo, zu keiner Zeit. Jeder, der auf Abstinenz anstatt auf Schadensminimierung pocht, nimmt bereitwillig viele Tote in Kauf.
Zumindest da liegt Pankow ja richtig: Knapp 130.000 jedes Jahr.


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Joey Hoffmann

Begründer und inhaltlich Verantwortlicher bei vapers.guru
Freier Redakteur, zuvor angestellter und selbstständiger Marketingberater und Mediengestalter, Fachbereich Facebook und Wordpress. Mitglied des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes.