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E-Zigarette explodiert in Idaho

...und was die Medien daraus machen

Der dreifache Familienvater Andrew Hall aus Idaho stand am vergangenen Samstag vorm Spiegel und wollte dabei schön ein wenig dampfen. Es tat einen Schlag, seine E-Zigarette explodierte ihm im Mund und der Tag endete in der Notaufnahme, mit ein paar Schmerztabletten mehr und sieben Zähnen weniger.
Das Ganze postete er dann auf Facebook, von wo aus diese Meldung jetzt gerade viral geht.
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Eigentlich ist so etwas keine Meldung wert. Aber hier sind die Quellen so offen, dass sie ein wundervolles Lehrstück über die Arbeits- und Funktionsweise der Medien abgeben. Denn in einigen Stunden wird diese Meldung sicher auch durch die breitere Presse gehen.

Schauen wir uns aber zunächst einmal an, was tatsächlich passiert ist. Andrew Hall hat nämlich dankenswerter- und anerkennenswerterweise die meisten Infos selber gegeben.

Auf den Fotos, die er selber veröffentlicht hat, ist zu sehen, dass die E-Zigarette tatsächlich völlig zerfetzt ist. (Titelbild) Bei genauerer Betrachtung fällt aber auf, dass sie nicht explodiert sein kann. Denn der Tubus, in dem der Akkus steckt, scheint intakt zu sein. Lediglich die Außenhülle liegt zerfetzt daneben.
Selbstverständlich möchte man so etwas trotzdem nicht in seinem Mund haben wenn es hoch geht. Es geht aber erst einmal um die Feststellung, dass die Meldung die E-Zigarette sei “explodiert” – zumindest im deutschen Sprachgebrauch- falsch ist.

In der Notaufnahme (Foto: Andrew Hall/Facebook)

Auf dem einen Bild kann man auch erahnen, dass es offenbar das Verbundstück zum Verdampfer demoliert hat. Der Verdampfer selber ist nicht auf dem Bild zu sehen, der ist Andrew offenbar in den Mund geschossen. Aber auch das Bodenstück, wo bei solchen ungeregelten Mods üblicherweise der Taster sitzt, scheint komplett zu fehlen.
Man kann also davon ausgehen, dass der Akku entgast ist.

Wie kann es dazu kommen?

Kommt es zu einer starken Entladung, beispielsweise zu einem Kurzschluss oder einem Betrieb bei zu wenig Widerstand des Coils, kann der Akku sich erhitzen. Der schaukelt sich dann hoch und entgast. Was in seiner Wirkung dann einer Explosion schon recht nahe kommt.
Diese Reaktion ist auf allen Videos zu sehen, die so von explodierenden E-Zigaretten in der Hand- oder Hosentasche durch die Medien gehen. Da passiert so etwas nämlich, wenn beispielsweise durch einen Schlüssel in der Hosentasche ein Kurzschluss am ungeschützt eingesteckten Akku entsteht. Dann entgast der fast augenblicklich, weil dann sehr viel Leistung auf einmal abgerufen wird. Das erinnert dann aber eher an eine Silvesterrakete als an eine Handgranate. (siehe Video unten)

Das kann ausschließlich bei ungeregelten Akkuträgern vorkommen. Alle anderen handelsüblichen Geräte haben (teils mehrfache) Sicherungen.

Das Modell ist fast egal

Der Twisted Messes RDA

Hierzu hat Andrew Hall selber auch zwei entscheidende Angaben gemacht, als er gestern wieder halbwegs von den Happy Pills ausgenüchtert war.
Er hat LG HG2 Akkus verwendet. Was schon einen Hinweis gibt, denn diese haben einen maximalen Entladestrom von 20 Ampere. Nur um eine Relation zu geben: Einige Sony Konion haben eine maximalen Entladestrom von 50% mehr. Und das sind tatsächlich auch Leistungsbereiche, in die man sogar schon mit einem Smok TFV8 kommen kann.
Den zweiten Hinweis gibt Andrew mit dem Verdampfer, den er betrieben hat. Nämlich einen Twisted Messes RDA. Und das ist ein Tröpfler für Dual Wicklungen, den man ausschließlich selber wickeln kann. Also mit sehr wenig Ohm, also im ganz oberen Leistungsbereich. (Zum Verständnis auch hier…)

Leider sind diese Geräte gerade in den USA offenbar sehr beliebt und verbreitet. Und genau eine solche Kombi hat auch zu der Pressesensation im vergangenen Januar (vapers.guru berichtete hier…) geführt, als einem jungen Chabbo in einem Store in Köln sein Verdampfer wuchtig durch die Zahnleiste ging.
So ein Verdampfer zusammen mit so einem Akkuträger ist ganz oberste Liga. Da muss man sich schon mit auskennen und wissen, was man da tut.
Und Andrew wusste das nicht.

Zwei Möglichkeiten was passiert ist

Badezimmer Renovierung mit ungeregeltem Akkuträger (Foto: Andrew Hall/Facebook)

Zwei Dinge können hier mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit passiert sein.
Entweder bei dem Gerät ist ein Kurzschluss entstanden. Denn bei solchen Geräten liegt oftmals der Pol des Verdampfers unmittelbar auf dem Akku auf. Ist die Polschraube zu weit eingedreht, kann das dazu führen, dass beide Pole den Akku berühren und man hat in Sekunden ein wundervolles Feuerwerk.
Die zweite Möglichkeit ist, dass der Verdampfer zu niedrig gewickelt wurde. Der Entladestrom hat die Kapazität des Akkus überstiegen. Mit dem gleichen Ergebnis.
Das Resultat ist bei beiden Möglichkeiten identisch. Der Akku schaukelt sich hoch und entgast, der Druck im Akkuträger steigt, macht das Teil damit zu einer Art Rohrbombe und entweicht durch die jeweils schwächste Stelle. Nämlich am Kopf und am Bodenstück.
Auf dem Foto des Verdampfers ist auch zu sehen, dass das Gewinde offenbar abgerissen ist. Es ist nämlich nicht, wo es sein sollte.
Das zeigt sich auch an den Beschädigungen an Andrews Badezimmer. Offenbar ist dann nämlich der Taster abgeschossen und hat die Ecke des Waschbeckens zertrümmert, nach oben ging der Druck dann durch sein Gesicht und bis an die Decke des Bads.

Es ist dennoch keine Erbsenzählerei hier zu sagen, dass es keine wirkliche Explosion war. Denn dann wäre von Andrews Gesicht nicht mehr sehr viel übrig, sein Unterkiefer wäre irgendwo in der Schublade unterm Waschbecken gefunden worden.

Das Facebook Posting mit dem es anfing.

Läuft bei Qualitätsmedien

Irgendwie stieß die Daily Mail dann auf Andrews Geschichte und veröffentlichte am vergangenen Montag (16. Januar) offenbar als erste die Story. Allerdings noch recht faktisch.
Hierzulande wurde sie gestern in der Chip online veröffentlicht. Aber eigene Recherche war hier offenbar zu aufwendig. Denn es wird darauf hingewiesen, dass sie nur von Focus online abgeschrieben ist. Und Focus Online ist ja mehr so die Bildzeitung des Internet.
Beide Pulitzer Preis verdächtige Veröffentlichungen gehören übrigens ganz zufällig zum Burda Verlag. Der auch für solche Qualitätsmedien wie Superillu, Freizeit Revue und Mein schöner Garten verantwortlich zeichnet.

Meldung auf Focus Online

Interessant ist hier auch zu sehen, dass der Focus nur auf die Daily Mail verweist und auch für den kurzen Video Beitrag ausschließlich Archivmaterial und die Fotos der Daily Mail verwendet. Natürlich nicht ohne das dramatische Schlußwort zu vergessen, für Hall stünde bereits fest, dass er die Finger von E-Zigaretten lassen würde. Was er wörtlich nirgendwo geäußert hat.
Was nichts anderes heißt, als dass der Focus sich nicht einmal die Mühe gemacht hat, selber den Facebook Account zu suchen. Denn hier hatte Andrew zu dem Zeitpunkt bereits weitere Informationen veröffentlicht.

Es wird spannend sein, in den nächsten Tagen zu beobachten, wer sich da noch rein hängt und was dabei herauskommt. Eskalation mit Ansage.

Interessanterweise stellt Andrew selber das irgendwie ganz anders dar. Noch vom Krankenhaus aus veröffentlichte er am Montag ein Statement, das mit folgenden Worten schließt:

thanks again for your patience and again, not against vaping 100%, just letting you know this is clearly a possibility. Thank you!
(Danke für Eure Geduld und nochmals: [Ich bin] Nicht gegen das Vaping, 100%. Ich wollte Euch nur wissen lassen, dass dies klar passieren kann. Danke Euch!)
Andrew Hall, auf Facebook

Die Schuld liegt ganz wo anders

Da wird man sich jetzt fragen, wie der Mann noch so lässig sein kann.
Aber offenbar sieht Andrew das durchaus ausgewogener und die Verantwortung ganz wo anders.
Die FDA, die amerikanische Behörde für die Regulierung von Tabak, Medikamenten, etc., hat nämlich gerade erst die Regulierungen zur E-Zigarette geändert. (Der Guru berichtete hier…)
Und nach diesen neuen Regulierungen ist es Mitarbeitern in Vape Shops untersagt zu helfen oder zu beraten. Kein Scherz.
Dazu einmal hier das Zitat, was Andrew dann nachträglich unter sein entscheidendes Posting von Sonntag eingefügt hat:

[…] Ich habe dies hier eingefügt um klar zu sagen, dass bevor die Gesetze geändert wurden, es für mich einfacher war sie [die Verkäufer im Shop, Anm. d. Red.] meine Coils wickeln zu lassen. Nachdem die Gesetze geändert wurden, habe ich es gemacht und ich habe alles alleine gemacht.
Ich hatte niemals Probleme oder Sorgen mit Überhitzung bevor das Unglück passierte. Ich weiß dass Dampfen den Menschen hilft aufzuhören Zigaretten zu rauchen und das ist fantastisch.
Ich wollte nur zeigen, dass es möglich ist, dass sie [E-Zigaretten, Anm. d. Red.] ohne Warnung explodieren können. […]
Andrew Hall, auf Facebook

Offenbar sieht er es so, wie viele Dampfer es auch bewerten würden. Durch die Regelung der FDA und der völlig skurrilen und schwachsinnigen Vorschriften werden Dampfer ohne Hilfe mit ihren Geräten alleine gelassen. Die in diesen Kombinationen dann tatsächlich Gesundheitsrisiken bergen können.

Wohl falsch gewickelt

Nach unbestätigten Informationen, die vapers.guru vorliegen, hat Andrew selber angegeben, dass der erste Coil beim Kauf der E-Zigarette vor einem Jahr im Shop eingebaut wurde. Er hatte keine Ahnung davon und wusste auch nicht wie viel Ohm der Coil hatte.
Da er aber weiß, dass die Gesetze sich geändert haben und die Verkäufer keine Beratung oder Hilfe mehr anbieten dürfen, hat er ja offenbar nachgefragt.
Dies legt den Schluss nahe, dass hier aufgrund fehlender Information falsch gewickelt und der Akku dann überlastet wurde. Der Mann wurde alleine gelassen.

Damit ist Adrew Hall nicht ein Opfer der E-Zigarette, sondern das erste Opfer der Regulierungspolitik, die angeblich die Menschen schützen will.

Schade, dass das so nicht in den Mainstream Medien dargestellt wird.

Video: Eine E-Zigarette entgast in der Tasche. (Toulouse, Frankreich)


Anm.: Wie im Screenshot zu sehen liegen vapers.guru Account und Postings vor. Auch wenn das Original inzwischen über 400.000 Mal geteilt wurde, macht es keinen weiteren Sinn es zu verlinken. Der Mann hat mit seiner Kauleiste erstmal genug zu tun. Wer sensationsgeil unbedingt mehr erfahren will, soll selber suchen.
Gute Besserung, Andrew!

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Joey Hoffmann

Joey Hoffmann

Begründer und inhaltlich Verantwortlicher bei vapers.guru
Freier Redakteur, zuvor angestellter und selbstständiger Marketingberater und Mediengestalter, Fachbereich Facebook und Wordpress. Mitglied des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes und des Bündnis für Tabakfreien Genuss.
Joey Hoffmann

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