Die E-Zigarette und die Pharmalobby

Ein Beispiel für Lobbyarbeit

Immer wieder kommen Verschwörungstheorien auf, dass Pharma- und Tabaklobby etwas gegen die E-Zigarette tun. Die machen auch was, aber das sind keine Verschwörungen.
Um einmal einen kleinen Einblick zu gewähren wie das so funktioniert, gibt es ein aktuelles Beispiel aus einem anderen Bereich.
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Durch Social Media und das Sendungsbewusstsein von Aluhutträgern gehen wir inzwischen viel zu inflationär mit dem Begriff der Verschwörung um.
Verschwörungen hat es schon immer gegeben. Von der Ermordung von Julius Caesar bis Watergate. Aber das meiste, was wir als Verschwörung ansehen, ist keine Verschwörung. Denn eine Verschwörung muss bestimmte Merkmale aufweisen, damit wir sie als solche bezeichnen können.

Zunächst müssen sich verschiedene Verschwörer zusammensetzen und ein gemeinsames Ziel verfolgen. Im Beispiel der E-Zigarette ist das aber schon nicht gegeben. Denn „zusammensetzen“ würde hier bedeuten, dass sich Vertreter der Pharmaindustrie, der Tabakindustrie und der Politik an einen Tisch setzen und gemeinsam etwas Übles planen.
Es ist aber recht ersichtlich, dass die Pharmaindustrie sich wohl kaum zu einer gemeinsamen Strategieplanung mit der Tabakindustrie an einen Tisch setzen würde. Noch unwahrscheinlicher ist, dass sich auch noch Politiker dazu setzen.
In Mitteleuropa und Nordamerika zieht auch das Bild der Bestechung nicht, bei der Geldkoffer in spärlich beleuchteten Tiefgaragen den Besitzer wechselt. Das ist eine Illusion, wie Gretchen Müller sich so etwas vorstellt.

Gemeinsames Ziel und Geheimhaltung

Die falsche Vorstellung von Lobbyarbeit

Hinzu kommt die Struktur der beteiligten Interessensvertretungen. Den Tabakmarkt teilen die größten Konzerne unter sich auf. Es ist mehr als unwahrscheinlich, dass die an einem Strang ziehen würden. Ebenso die größten Pharmaunternehmen. Für Politiker bestünde hier also immer das Risiko, dass einer den anderen verpfeift und man so mit untergeht.

Ein zweites Merkmal ist die Geheimhaltung. Organisationen wie die Watergate Affäre sind viel komplexer als man sich das vorstellt. Viel mehr Menschen sind eingeweiht. Und viele Beteiligte wissen dann nur Bruchstücke. Auch Nixon wird zu keinem Zeitpunkt genau gewusst haben, wer was genau macht. Meist sind es auch einfach Systeme, die so etwas entwickeln. Kein einzelnes Mastermind das die Weltherrschaft anstrebt.
Im Nachrichtendienst gibt es daher den Grundsatz des Need to know. Jeder weiß nur das, was für seine Aufgabe zwingend notwendig ist.
Gäbe es eine Verschwörung gegen die E-Zigarette, wäre das überhaupt nicht lange geheim zu halten. Irgendwer quatscht immer.

Lobbyarbeit ist komplex, aber nicht geheim

Man benötigt auch keine geheime Verschwörung, um sich die Vorgänge erklärbar zu machen. Man muss sich nur einmal vernünftig Informieren.
Verschwörungstheorien sind meist etwas für und von Idioten oder Uninformierten, die fehlendes Wissen durch Mutmaßungen ersetzen. Damit die Welt für sie noch irgendeinen Sinn ergibt.
Aber was tatsächlich abläuft ist vollkommen offen. Es gibt nichts Geheimes.
Gut, die Industrie stellt sich nicht gerade auf den Marktplatz und posaunt heraus was sie vorhat. Aber wenn man mit offenen Ohren durch die Welt geht hört man die Nachtigall trapsen.

Der Arizona Sketch

In den USA ist der Streit um die Freigabe von Marihuana entbrannt. Zunächst nur als Arzneimittel und nun auch als Genussdroge. In acht Bundesländern wie Washington ist es bereits vollkommen legalisiert, in anderen wie Kalifornien ist es zumindest zu medizinischen Zwecken zugelassen. Und es boomt. Die Wirtschaft geht hoch, die Kriminalität zurück, und tot gekifft hat sich immer noch keiner.
In Arizona steht es noch auf der Kippe. Daher wurde von verschiedenen Seiten eine Kampagne ins Leben gerufen, um die Legalisierung von Weed in Arizona zu stoppen. Vor allem durch besorgte Eltern, konservativen Politikern und Gesundheitslobbyisten.

Das in Arizona ansässige Pharmaunternehmen Insys Therapeutics hat für diese Kampagne mal eben 500.000 Dollar locker gemacht. Denn das ist eins der wenigen Dinge, die die USA Deutschland wirklich politisch voraushaben: Spenden und Lobbyarbeit muss dort offen gelegt werden.
Insys hat also etwas gegen die Legalisierung dieser angeblich für Heranwachsende und die Gesellschaft so gefährliche Droge.

Eigenes Interesse vorhanden

Marihuana: Als Pflanze gefährlich, aus dem Labor ok

Vor diesem Hintergrund ist es spannend, dass Insys inzwischen das Medikament Dronabinol zur Zulassung vorgelegt hat. Das soll Krebspatienten gegen Übelkeit, Brechreiz und Gewichtabnahme helfen. Und da man ja weiß, dass Marihuana genau dagegen hilft, hat Insys Therapeutics ein synthetisches Marihuana entwickelt.

Und das muss man sich dann doch einmal auf der Zunge zergehen lassen. Ein Pharmaunternehmen entwickelt ein Medikament, angelehnt an eine Pflanze. Und damit es ein Monopol hat, kämpft es dafür die Pflanze illegal zu halten. Mit einer satten halben Millionen. Nur in Arizona.
Denn sonst könnte ja jeder hingehen, sich etwas Gras im nächsten Shop kaufen und sich einen genauso wirksamen Tee machen.
Das Medikament wurde inzwischen durch die FDA und die DEA zugelassen.

Der Staat räumt damit also ein, dass Marihuana hilft. Aber aus Gründen des Jugendschutzes und der Volksgesundheit bleibt der Naturstoff verboten und das Zeug wird synthetisch hergestellt.

Und so funktioniert Einflussnahme.

Seit mindestens 2014 aktiv gegen die E-Zigarette

Es ist inzwischen bekannt, dass die Pharmalobby seit mindestens 2014 versucht hat EU Politiker beim Thema E-Zigarette zu beeinflussen. Entsprechende E-Mails sind geleaked. Damals ging es noch darum, die E-Zigarette in die Apotheken zu verbannen, was in Deutschland ja gerichtlich abgeschmettert wurde. (Unter anderem wurde die E-Zigarette damals durch Gregor Gysi vertreten.) Hier wurde versucht, den Politikern ins Ohr zu flüstern, wie gefährlich die E-Zigaretten doch ist.
Aber diese Einflussnahme geht noch sehr viel weiter.

Pharmaindustrie und Raucherschutz

Rauchstopptablette mir eigenem Fanclub

Der Deutsche Zigarettenverband DZV gab im vergangenen Jahr eine Pressemitteilung heraus, in der es das Deutsche Krebsforschungsinstitut zur Offenlegung möglicher Interessenskonflikte aufforderte.
Denn eine Reportage der Süddeutschen Zeitung hatte unter anderem einmal den Wissenschaftliche Aktionskreis Tabakentwöhnung e. V. genauer betrachtet. Denn der setzt sich vehement für Nicotin Ersatz Therapien wie Nicotinkaugummis, Nicotin Sprays und ähnlichem ein. [Den sehr guten Artikel findet Ihr hier…]
Dabei kam heraus, dass dieser Aktionskreis von der Firma Novartis Consumer Health gegründet wurde. Und Novartis ist zufällig der Hersteller von Nicotinell.
Mitglied im Wissenschaftlichen Aktionskreis Tabakentwöhnung ist unter anderem die bekannte Dr. Pötschke-Langer, die zu dem Zeitpunkt noch die Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention beim DKFZ war.

Die Tabakindustrie braucht eine solche Lobbyarbeit nicht. Denn wie inzwischen auch offensichtlich geworden ist, springt sie einfach nur auf den Zug der E-Zigarette auf. Mit ihren Heat not Burn Produkten hat sie Beispielsweise in Japan bereits richtig Boden gewonnen.

Es ist offensichtlich

Der Mönch Wilhelm von Ockham hat bereits im 14 Jahrhundert erkannt, dass wenn mehrere Erklärungen zutreffen, die einfachste meist die richtige ist. Man nennt das Prinzip in der Wissenschaft inzwischen Ockhams Rasiermesser, das alle überflüssigen Erklärungen abrasiert.
Man benötigt keine Verschwörungstheorie, um sich die Vorgänge erklärbar zu machen. Keine Bahnhofstoiletten, keine Briefumschläge mit Geld, keine Losungsworte und geheimen Handschläge. Man muss sich nur ansehen was tatsächlich passiert. Es ist offensichtlich.
So funktioniert Lobbyarbeit.

Umsätze ernsthaft bedroht

Weit weniger erfolgversprechend als E-Zigaretten: Nicotine Replacement Therapy

Es war übrigens nur schwer herauszubekommen, wie viel die Industrie mit diesen Nicotin Ersatz Therapien aktuell umsetzt. Alleine in Deutschland wurde 2008 die Marke von 40 Millionen geknackt. Mit zweistelligen Prozentzuwächsen.
Berechnet man ein, wie viel diese Konzerne insgesamt umsetzen und dass sie weltweit tätig sind, dann wird einem klar, dass es hier mitnichten um ein paar Kaugummis geht. Es geht um Milliarden.

Nur etwa 5% aller Menschen die es versuchen schaffen mit diesen Ersatzmitteln vom Tabak loszukommen. Bei der E-Zigarette sind es je nach Befragung mindestens 30%.
Bis 2014 haben gemäß der Auswertung des Eurobarometers durch Prof. Dr. Farsalinos in Europa über 6.000.000 Menschen aufgehört zu rauchen. Über 9.000.000 haben Ihren Tabakkonsum deutlich eingeschränkt. Alle Zahlen rasant ansteigend.
Erst vor kurzem hat die britische Regierung, die die E-Zigarette inzwischen fördert, verkündet, dass so wenig Menschen in England rauchen wie noch nie zuvor.
Und das alles bedroht die Umsätze der Pharmaindustrie in diesem Bereich inzwischen ernsthaft.

Die E-Zigarette ist zu einem Politikum geworden, das nicht nur Dampfer interessiert. Es geht um die öffentliche Gesundheit. Es geht darum, die Menschen zu informieren. Anstatt sich weiter mit Nebenkriegsschauplätzen zu beschäftigen und sich an unsachgemäßen wissenschaftlichen Studien abzuarbeiten.

Der eigentlich größte Umsatzfaktor der Pharmaindustrie ist übrigens ein anderer.
Die Onkologie.

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Joey Hoffmann

Begründer und inhaltlich Verantwortlicher bei vapers.guru
Freier Redakteur, zuvor angestellter und selbstständiger Marketingberater und Mediengestalter, Fachbereich Facebook und Wordpress. Mitglied des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes.