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Wutdampfer schlägt wieder zu

Paradebeispiel: Wie politische Auseinandersetzungen scheitern müssen

  • Blogger greift dpa Redakteur persönlich an
  • Mutmaßungen sind schlichte Falschaussagen
  • Porzellan zerschlagen anstatt konstruktiver Diskurs

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Gestern Abend wurde ich auf einen Blog Beitrag aufmerksam gemacht, der einen Redakteur der Deutschen Presseagentur wegen eines Beitrags zur E-Zigarette persönlich angreift.

Und tatsächlich: Mein ehemaliger Lieblingsblogger Daniel Hagemeister-Biernath, der Archetyp des Wutdampfer, hat wieder zugeschlagen.
Da ich die Aussendungen, die aus dieser Blase der hobbymäßigen Dampfblogger kommen, eh nicht mehr für voll nehmen, rezipiere ich sie auch nicht mehr.

Doch immer wenn ich denke, schlimmer kann es nicht mehr werden, wird noch einer drauf gesetzt.

Nun bin ich in einer schwierigen Lage. Denn einerseits möchte ich dem geneigten Leser erklären, warum solche Beiträge mehr schaden als nutzen. Andererseits möchte ich solche Ergüsse nicht auch noch fördern, indem ich sie überhaupt erst interessant mache. Denn wirklich gelesen werden sie nur von einer Handvoll von Menschen, die ebenso ticken wie Hagemeister-Biernath.

Vor allem möchte ich mich nicht auf irgendwelche Maulfechtereien einlassen. Die einigen Lesern vielleicht Spaß machen, am Ende des Tages aber nur Zeit kosten.
Ich werde mir also „Ziegenpisse“ und anderen Klamauk ersparen.

Doch bevor ich weiter auf den Artikel eingehe, möchte ich einmal etwas ausholen. Damit klar wird, was ich tatsächlich kritisiere.

Kritik 2.0

Wir leben im Zeitalter von Netz 2.0. Das bedeutet, Nutzer können ohne tiefere Kenntnisse von Programmierung Beiträge ins Netz stellen. Beispielsweise über Kommentarspalten auf Social Media oder in eigenen Blogs.

Seitdem es dieses Netz 2.0 gibt, gibt es auch eine Verrohung der Sprache. Und es gibt eine Verflachung der politischen Argumentation.
Was früher am Stammtisch oder im Pausenraum in der Frühstückspause beim Lesen der Bildzeitung abgelaufen ist, findet heutzutage öffentlich vor Hunderttausenden im Netz statt. Und viele Kommentatoren sind dann erschrocken, wenn sich auf ihre Meinung dann tatsächlich mal Fachleute melden und widersprechen.
Denn eine Meinung hat nun einmal jeder. Aber Meinungen sind emotional basiert und halten selten einer faktischen Prüfung stand.

In politischen Diskussionen findet man daher immer die gleichen Argumentationsformen zu den üblichen Aufregern. Das kann dann durchaus auch mal Tierschutz oder Kinderschutz sein. Meist sind es aber Kommentarspalten, die von Rechtspopulisten und so genannten Wutbürgern besetzt werden.
Aktuell sind das beispielsweise die Seenotrettung, Flüchtlinge im Allgemeinen oder auch Brexit. Etwas aus der Mode sind gerade  islamistische Attentäter oder die Gelbwesten in Frankreich. Und Weihnachten und Silvester ist auch schon wieder nix passiert.

Diese Argumentationsformen folgen immer den gleichen Mustern, die man im Prinzip an einer Hand abzählen kann. Gemeinsam haben sie alle, dass sie nicht konstruktiv sind. Es werden keine Lösungen angeboten, sondern es wird nur Protest geäußert.

Beim Beispiel der Seenotrettung wird in fast jeder Kritik das Verbringen der geretteten Flüchtlinge nach Europa kritisiert und mit der Rettung gleichgesetzt. Es werden aber nie praktikable und umsetzbare Alternativen genannt, was ansonsten mit den Flüchtlingen passieren sollte. Der Hinweis, dass es nicht möglich ist, sie zurück nach Libyen zu bringen, wird ignoriert.

Beim Beispiel des Brexit wird gerne angebracht, dass die Briten damit eine demokratische Entscheidung getroffen haben. Dass die Briten in der Masse aber vielleicht gar nicht über die möglichen Folgen informiert sind und der Brexit stark durch die Lobbyarbeit von Interessensvertretern befeuert wurde, wird dann ebenso negiert. Stellt man die Kompetenz der Bürger in Frage, kommen die Wutbürger erst richtig in Fahrt.

Es wird emotional geurteilt, diese Meinung wird dann öffentlich geteilt und über die Umsetzbarkeit des Protestes wird gar nicht nachgedacht.

Erwachsene Diskussionen

Das Problem daran ist, dass Demokratie so nicht funktioniert.
Man darf, soll und muss streiten. Doch das muss auf einem anderen Niveau passieren. Man muss die Argumente der Gegenseite kennen, sie abwägen und dann darauf eingehen. Anders kann eine Diskussion nicht stattfinden.
Doch selbst diese Einsicht wird verweigert. Weil es psychologisch einfacher ist, anderen die Schuld zu geben.

Nach Auffassung der Betroffenen wird Pegida auch nicht daran gescheitert sein, dass sie zu keinem Zeitpunkt in eine vernünftige Diskussion eingestiegen sind oder produktiv Alternativen aufgezeigt haben. Sondern wegen „denen da oben“.
Demokratie bedeutet, dass jeder einer von „denen da oben“ werden kann. Aber dazu braucht es nun einmal etwas mehr als eine Meinung und ein Schild.

Das hat auch wenig mit Links und Rechts zu tun. Diese Einordnung ist nur dem Zeitgeist geschuldet.
Die RAF ist gescheitert, weil sie gar kein Konzept dafür hatten, wie es nach ihrer Revolution weitergehen soll. Sie haben nicht verstanden, dass selbst die damals noch linke SPD sie scharf bekämpft hat.

Für mich persönlich sind dabei zwei Faktoren auf psychologsicher Ebene sehr spannend.
Zum ersten wird sehr häufig eine Verballhornung genutzt. Beispielsweise haben einige Menschen die „ersten“ Flüchtlinge aus Syrien am Bahnhof begrüßt. Also wird daraus seit heute die Bezeichnung „Bahnhofsklatscher“. Das ist nicht nur maximal unlustig, sondern im hohen Maße infantil.

Der zweite Faktor ist, dass diese Art des Protestes scheinbar umso häufiger und akzeptierter wird, umso weiter man Richtung Osten kommt. Das korreliert auch mit der Tatsache, dass umso weniger Menschen in Vereinen und Parteien Mitglied sind oder Unternehmen gründen, umso weiter man nach Osten kommt.
Ich könnte mir vorstellen, dass durch die DDR bestimmte Grundlagen der Teilhabe und Diskussionskultur der Demokratie weniger erlernt wurden als im Westen.

Spannend zu sehe ist allgemein, dass die Kritik an der Kritik häufig gar nicht verstanden wird. Schnell wird nach Meinungsfreiheit gerufen. Es wird nicht verstanden, warum vieles als Hetze empfunden oder man als Gesprächspartner nicht ernst genommen wird.

Wutdampfer

Deshalb nenne ich solche Konsumenten von E-Zigaretten „Wutdampfer“. In Anlehnung an die Wutbürger.
Das hat nichts damit zu tun, ob ich sie nun Rechts oder Links verorte. Dampfen und Harm Reduction haben nichts mit der politischen Ausrichtung zu tun. Geschweige denn mit Ost oder West.

Einige Dampfer bilden sich eine Meinung. Meist ohne wirkliche Expertise.
Sie sitzen zu Hause an ihrem Rechner, lesen oder sehen irgendetwas und sind dagegen. Und glauben dann es wäre ein Mittel der Demokratie, das öffentlich zu äußern.

Das ist tatsächlich auch der Kern dessen, was ich immer an der IG-ED kritisiert habe.
Nach meinem Kenntnisstand hat die IG-ED nie mit irgendwelchen für die E-Zigarette relevanten Menschen gesprochen. Keinem Händlerverband, keinem Politiker. Diplomatie funktioniert anders.

Und gerade im Bereich der E-Zigarette sind solche Menschen dann natürlich erstaunt bis vor den Kopf geschlagen, wenn andere Dampfer ihnen widersprechen.

Der Artikel, um den es hier geht, ist in meinen Augen ein Paradebeispiel dafür, wie man es nicht macht.
Ein Lehrstück dafür, wie man nicht sich für jeden ernstzunehmenden Gesprächspartner ausschließt.



Unqualifiziert Qualifikationen hinterfragen

Hagemeister-Biernath hat gestern auf seinem Blog „Dampfdruckpresse“ einen Beitrag veröffentlicht, der sich offenbar auf einen aktuellen Artikel vieler Medien bezieht. Dieser ist auf eine Aussendung der Deutschen Presseagentur zurückzuführen. Er wurde in vielen großen Medien veröffentlicht, unter Titeln wie „Wie gefährlich ist die E-Zigarette wirklich“.

Genau nachzuvollziehen ist das nicht. Da Hagemeister-Biernath weder einen Artikel konkret verlinkt, noch ihn inhaltlich kritisiert.

Der betreffende Redakteur ist Tobias Hanraths, der inzwischen Redakteur der dpa im Ressort Gesundheit ist.

Hagemeister-Biernath bezeichnet ihn bereits in der Überschrift als „Computer-Kid“. Er verwendet den ganzen Artikel im Grunde genommen nur dazu, Hanraths in seiner Person anzugreifen.

So verweist er darauf, dass Hanrath zwar Politologie, Kommunikationswissenschaft und Geschichte studiert habe. Aber nirgendwo etwas über einen Abschluss stehe.
Dieser Fehleinschätzung unterliegen vor allem Menschen, die selber nie eine Hochschule besucht haben. Denn es gibt nicht den einen Studienabschluss, der dann als Äquivalent zu einer Berufsausbildung erst zu einem Beruf befähigt. Solche Abschlüsse sind lediglich für bestimmte Studiengänge wichtig, wenn man später auch mit einer gewissen Qualifikation eine Berufsbezeichnung führen will. Also beispielsweise als praktizierender Rechtsanwalt.
Die Unternehmen sind voll von Juristen, die nie einen „Abschluss“ gemacht haben. Trotzdem können sie auch als Rechtsberater tätig sein.

Für die Tätigkeit als Journalist ist es also nicht entscheidend, ob der Redakteur Hanraths einen Abschluss gemacht hat.
Natürlich kann man kritisieren, dass ein Journalist nicht vom Fach ist. Das kritisiere ich auch. Beispielsweise wenn ein Korrespondent der ARD als gelernter Politikwissenschaftler sich inhaltlich (sic!) zu Gesundheitsthemen äußert.
Aber zum ersten steht es mir deshalb nicht zu, den Korrespondenten persönlich anzugreifen. Und zum zweiten kann ich deshalb noch lange nicht über seine Tätigkeit als Journalist urteilen.

Auch das lässt Hagemeister-Biernath nicht aus. Er bezweifelt die Qualifikation als Redakteur.
Auch da fehlt offenbar die Einsicht, was die Kernkompetenz eines Redakteurs eigentlich ist.
Denn die ist nicht, sich in einem Thema besonders auszukennen. Sondern zu veröffentlichen, Quellen zu nutzen, zu schreiben, Abläufe der Publizistik zu kennen und so weiter. Und das zu vielen Themen.
Wenn also ein Hanraths Kommunikationswissenschaften studiert hat, traue ich ihm eine weit höhere Qualifikation zu, als einem Menschen, der in Ungarn sitzt und hobbymäßig einen Blog über ein Nischenthema in Deutschland schreibt.

Entgegen der Darstellung von Hagemeister-Biernath ist Hanraths ja auch nicht gerade aus der Uni gefallen. Sondern er publiziert seit mindestens drei Jahren bereits bei der dpa. Artikel von ihm finden sich zu vielen Themen. (Ja, auch Gaming, auch das ist inzwischen eine Qualifikation.) Unter anderem bei der Morgenpost und der Rheinsichen Post. Zum Teil auch ohne Verweise auf die dpa, was bedeutet, dass er sich wohl tatsächlich auch als freier Journalist Brötchen verdient hat.
Dass in seiner Vita, die Hagemeister-Biernath zerlegt, auch ein Volontariat beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin findet, wird natürlich nicht erwähnt. Statdessen wird darauf hingewiesen, dass der Redakteur auf seiner privaten Web Seite in seinem „Über mich“ Computerspiele anführt und zeitlich zuordnet. (Ich habe Witcher 3 übrigens geliebt! Zweimal!)

Gemutmaßte Falschaussagen

Völlig ins Abseits stellt sich Hagemeister-Biernath aber mit der Mutmaßung, bei dem Artikel habe ein Praktikant etwas gegoogelt („zusammengegockelt“… da ist er wieder, der infantile Humor) und dann etwas daraus gestrickt.
Auch diese Darstellung des Praktikanten findet sich derzeit in der rechtspopulistischen Blase sehr häufig.

So glaubt Hagemeister-Biernath zu wissen, dass Hanraths nie mit Frau Dr. Schaller vom DKFZ gesprochen habe. Sondern dass er irgendwo ein Zitat gefunden und ohne Quellenangabe geklaut habe. Und das dann so aussehen lässt, als habe Katrin Schaller mit ihm gesprochen.
Das gleiche Vorgehen unterstellt er bezüglich eines Zitates des Händlerverbandes BfTG:

„Über das BfTG stolpert er bei der Gockel-Suche auch noch… die sagen was von 95% weniger schädlich?
Daniel Hagemeister-Biernath, Dampfdruckpresse, 03.01.2020

Das Problem daran ist, dass Hanraths eben kein Praktikant ist. Sondern ein Redakteur der Deutschen Presseagentur. Und dass die Menschen tatsächlich mit ihm sprechen.
Die dpa ist das Leitmedium in Deutschland schlechthin. Sie erwirtschaften ihren Umsatz vor allem dadurch, dass andere Medien ihre Beiträge kaufen. Und das tun sie offenbar so erfolgreich, dass sie knapp 100 Millionen im Jahr damit umsetzen. Nicht durch Werbung, nur durch Inhalte.

Das kann der Hobby-Blogger Hagemeister-Biernath nun mögen oder nicht, aber zumindest mit dem BfTG hat Hanraths tatsächlich gesprochen. Persönlich. Und zwar schon vor einem Monat.
Das weiß ich, weil auch ich einfach nachgefragt habe. Persönlich.

Ich habe auch schon mit der Frau Dr. Mons korrespondiert. Der Leiterin der Abteilung von Frau Dr. Schaller. Deshalb halte ich es für durchaus denkbar, dass die Frau Dr. Schaller auch mit der dpa gesprochen hat. Wäre ja möglich.

Hagemeister-Biernath verbreitet hier also gemutmaßte Falschaussagen aus dem Exil.

Ein Elefant im Porzellanladen

Da sitzt also ein Blogger ohne relevante Kontakte und ohne Expertise im Ausland, und redet sich ein, für die E-Zigarette oder für deutsche Konsumenten zu sprechen.

Diesen Eindruck seiner Selbsteinschätzung muss man haben, da Hagemeister-Biernath ja nicht nur für mehrere Internetseiten verantwortlich zeichnet, sondern auch schon eine sinnfreie und beeindruckend gescheiterte Petition lanciert hat.
Nun, für mich als Konsumenten spricht er sicher nicht.

Dieser Blogger greift einen Redakteur der dpa an.
Aber nicht inhaltlich, was man durchaus machen könnte. Auch wenn dieser Redakteur aus journalistischer Sicht wohl alles richtig gemacht hat. Auch diese Einschätzung von „richtig“ kann man kritisieren.
Ich selber kritisiere immer wieder, dass Artikel mit zu weiten Teilen ungeprüften Aussagen das Bild der E-Zigarette verzerrend darstellen.

Aber Hagemeister-Biernath bezeichnet diesen Redakteur als „Computer-Kid“, „Bübchen“ und (mit ironischen Anführungszeichen) als „Herr Redakteur“.
Mehr noch, er verlinkt sein Profilbild mit dem Hinweis, man solle nicht lachen. Er versucht also gezielt, die Privatperson lächerlich zu machen.

Da frage ich mich doch, was Hagemeister-Biernath glaubt, wie das wohl ankommt. Ob das die E-Zigarette oder seinen Protest irgendwie vorwärts bringt. Und ob der Redakteur Hanraths demnächst wohl zugänglicher für die Anliegen von Dampfern sein wird. Denn ich bin recht sicher, er wird das mitbekommen.

Persönlich glaube ich eher, Menschen wie Hagemeister-Biernath sind es, die aufgrund des eigenen Sendungsbewusstseins, der völligen Überschätzung ihrer Relevanz und einer eingebildeten Maßgeblichkeit Porzellan zerschlagen. Letztendlich muss man Hagemeister-Biernath Inkompetenz unterstellen.

Diese Wutdampfer erschweren den engagiert und vernünftig für die E-Zigarette arbeitenden Lobbyisten ihre Arbeit.

Deshalb hat eine wirkliche Auseinandersetzung mit solchen Menschen auch keinen Sinn. Denn es erfolgt nie konstruktiv.
Ihnen reicht es, ihren Frust rauszuhauen. Ihre Meinung mit den Realitäten abzugleichen, geschweige denn sich konstruktiv einzubringen, ist nicht das Ziel.

Ausnahmsweise verlinke ich den Beitrag direkt. (Link unten)
Denn der Blog hat eine Kommentarfunktion. Vielleicht möchte ja jemand sich dazu äußern, was er von dieser Form der Meinungsäußerung hält.


Der Artikel auf Dampfdruckpresse: https://dampfdruck-presse.hu/2020/01/03/computer-kid-macht-meinung-zum-e-dampfen/

Informationkrieg: Die Gegner der E-Zigarette – Teil 1

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Joey Hoffmann

Begründer und inhaltlich Verantwortlicher bei vapers.guru
Freier Redakteur, zuvor angestellter und selbstständiger Marketingberater und Mediengestalter, Fachbereich Facebook und Wordpress. Mitglied des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes.

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