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Schützt Nikotin vor Corona?

Was Medien daraus machen und warum ich nicht berichte

In den vergangenen Tagen wurde darüber berichtet, dass Nikotin eventuell vor Corona schützen könnte. Denn die Zahlen der Raucher unter den Corona Patienten sind weit niedriger als im Bevölkerungsdurchschnitt.

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Nicht nur Prof. Dr. Bernd Mayer, Leiter der Pharmakologie der Uni Graz, hat etwas dazu auf seinem YouTube Kanal erklärt. Das Thema hat es auch in die großen Medien geschafft.
Und so findet eine weite Diskussion zu dem Thema statt. Einige Kollegen und Leser haben mir Hinweise geschickt oder gefragt, warum ich nicht darüber berichte. Oder was ich davon halte.

Die Antwort ist eigentlich sehr leicht: Weil es mir als Thema für meinen Blog zu dünn ist.
Das Thema hat mich nicht mitgenommen, gepackt, agesext, eingekauft.

Ich hatte die Behauptung, Raucher würden ein 14fach höheres Risiko auf einen schweren Krankheitsverlauf haben, als Überschrift verwendet. Das war schon ein Fehler.
Im Artikel hatte ich es zwar vollkommen korrekt dargestellt. Und auch nur als eine von mehreren Nachrichten. Aber es hatte schon ausgereicht, um einige Diskussionen führen zu müssen. Über die Datenlage, die Instrumentalisierung durch die Gesundheitslobby, Clickbaiting und ähnliches.

Darauf habe ich keine Lust.
Denn Kern meines Blogs ist die Tobacco Harm Reduction, mit Schwerpunkt E-Zigarette. Die protektive Wirkung von Nikotin wäre also weniger eine Weltsensation, sondern eher erzählenswert.

Doch bevor da noch mehr Hinweise und Diskussionen kommen, möchte ich erklären, warum ich das alles für dünn halte.

Das böse Nikotin?

Zunächst muss man vielleicht noch einmal erklären, was es überhaupt mit Nikotin auf sich hat. Denn dass Nikotin vor irgendetwas schützen könnte, ist für viele sicher erstmal irritierend.

Nikotin ist eine chemische Verbindung wie jede andere auch.
Nikotin macht keinen Krebs und in Abwesenheit von Tabak wahrscheinlich nicht einmal süchtig. Es gibt keine Nikotinkaugummisüchtigen auf der Welt.

Jede Verbindung kann sowohl schädlich wie auch heilsam sein.
Atropin wird als Gegengift verwendet, beispielsweise bei chemischen Kampfstoffen. Trotzdem sollte man davon absehen die Tollkirschen zu essen, in denen es vorkommt.
Quecksilber ist in einigen Impfstoffen enthalten. Und in Fisch. Aber trotzdem sollte man nicht unbedingt ein Thermometer austrinken. (Ein Prinzip, dass Impfgegner gerne unterlassen zu verstehen.)

Und Nikotin hat offensichtlich auch eine protektive Wirkung u.a. gegen Alzheimer. Das ist derzeitiger Forschungsstand. Der bereits soweit ist, dass schon an Präparaten gearbeitet wird. Es ist mehr als ein Verdacht.
Man forscht auch bei anderen degenerativen Erkrankungen und bei psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie.
Es ist also vollkommen denkbar, wenn Nikotin auch vor einer Infektion mit einem Virus schützen könnte.

Zahlenspiele

Trotzdem sind die Anhaltspunkte dafür derzeit gering.
Denn Anlass, da überhaupt nachzuschauen, sind lediglich Zahlen. Die sich Mediziner und Wissenschaftler derzeit nicht erklären können.

Der unter Dampfern recht bekannte Dr. Konstantinos Farsalinos hatte als erster darauf aufmerksam gemacht, dass Raucher unter den an CoVid-19 Erkrankten unterrepräsentiert sind.

Man geht erst einmal davon aus, dass alle Menschen das gleiche Risiko haben, mit einem Virus infiziert zu werden. Also wäre auch zu erwarten, dass die Gruppe der Infizierten genauso aufgeteilt ist wie die Gesamtbevölkerung.
Genauso viele Linkshänder, Briefmarkensammler, Alte und Junge, Männer und Frauen.

Doch das scheint bei Rauchern nicht der Fall zu sein. Denn der Anteil der Raucher unter den Erkrankten ist deutlich geringer als in der Bevölkerung. (In Deutschland: ca. 24%)
Und das ist für Wissenschaftler natürlich Anlass genug, da genauer nachzusehen. Zu Recht.

Genau das soll jetzt in Paris gemacht werden. Denn eine Auswertung der Zahlen des Krankenhauses La Pitié-Salpêtrière hatte ebenfalls dieses Ungleichgewicht gezeigt.
Prof. Dr. Jean-Pierre Changeux, seines Zeichens mehrfach ausgezeichneter Fachmann für molekulare Neurobiologie, will dies nun genauer untersuchen. Er hat dazu eine Hypothese veröffentlicht, die einen möglichen Mechanismus zeigen.

Und das hat es dann in die Medien geschafft. Die das natürlich entsprechend ausschlachten.
Beispielsweise wird die Hypothese als „Studie“ bezeichnet, doch die einzigen Studien dazu sind die Zahlenvergleiche. Beispielsweise wird gleich mit einer „Nikotintherapie“ getitelt, obwohl es überhaupt erstmal um eine Erklärung geht. Beispielsweise werden häufig Bilder von Rauchern verwendet, denn offenbar können viele Redakteure nicht zwischen Tabakzigaretten und Nikotin unterscheiden. Oder es gibt wenig aussagekräftige Bilder von farblosen Flüssigkeiten.

Unwägbarkeiten

Ich habe überlegt, wie ich grafisch darstellen könnte, welche Unwägbarkeiten es gibt.
Doch es gibt so viele Unwägbarkeiten, dass sich das grafisch gar nicht vernünftig darstellen lässt.
Daher gehe ich mal einiges schriftlich durch.

Kleine „Versuchsgruppe“
Die Anzahl der untersuchten Infizierten ist sehr gering. In Paris sind es wohl lediglich 22 Raucher.
Das bedeutet, wenn die Daten nur bei ein oder zwei Patienten irgendwie falsch sind, ist das natürlich prozentual schon ein riesiger Unterschied.

Keine Zahlen der Infizierten
Es gibt gar keine Zahlen zu Infizierten. Sondern höchstens Zahlen zu den Erkrankten oder Getesteten.
Wir wissen nach wie vor nicht verlässlich, wie viele Menschen tatsächlich infiziert sind oder waren.
Man geht also nur von den nachgewiesen durch das SARS-CoV-2 Virus an CoVid-19 Erkrankten aus. Aber das ist ja nur eine Teilmenge.
Das könnte beispielsweise bedeuten, das Nikotin nicht vor der Infektion schützt, sondern nur vor der Erkrankung. Träger und damit Verbreiter könnte man trotzdem sein.

Konsumdauer
Konsumenten von Nikotin konsumieren üblicherweise seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten.
Deshalb müsste der biologische Mechanismus genau erforscht werden, wie Nikotin vor dem Virus (oder der Erkrankung) schützt.
Denn selbstverständlich soll niemand wegen dieser Vermutung nun anfangen zu Rauchen oder zu Dampfen. Oder sich Nikotinpflaster auf den Pöppes kleben.
Es ist daher ebenso absurd zu behaupten, dass das damit erreicht werden soll. Die mögliche protektive Wirkung von Nikotin ist sicher nichts, was „von der Tabakindustrie lanciert“ wurde. Wie einige Verschwörungstheoretiker sofort öffentlich gemutmaßt haben.
“Nikotin konsumieren” ist eben nicht “Rauchen”. Aber das Verständnisproblem kennen wir ja von der E-Zigarette.



Noch mehr Zahlenspiele

Der Altersdurchschnitt von Rauchern ist ab der Pubertät relativ verteilt. (Einstiegsalter in den Tabakkonsum in Deutschland 14,7 Jahre)
Er fällt ab dem 40sten Lebensjahr deutlich ab.
Dafür sind viele Faktoren entscheidend. Beispielsweise die gesundheitliche Belastung. Hinzu kommt, dass Raucher im Schnitt zehn Jahre früher sterben.
Frauen rauchen im Schnitt nicht nur deutlich weniger und seltener, sondern leben auch länger. Es gibt also im hoheren Alter automatisch weniger Raucher, weil die ja schon tot sind.

Das durchschnittliche Alter der Erkrankten liegt bei 45. Das durchschnittliche Sterbealter bei CoVid-19 Patienten liegt bei etwa 82. Also im Durchschnitt 14 Jahre über dem Alter, wann männliche Raucher üblicherweise das Zeitliche segnen.
Mein weiß also nicht nur wenig über die Raucherzahlen unter Infizierten, sondern auch wenig über die Raucherzahlen über 65 bei den Gesunden.
An Corona sterben wohl ausschließlich Vorerkrankte; häufig Menschen, die bereits im Krankenhaus sind. Wo eh nicht geraucht werden darf.

Wie kleinteilig das ist, kann man an den Raucherstatistiken sehen.
Im Durchschnitt geht man von etwa einem Viertel Rauchern in der Bevölkerung aus. Bei männlichen Rauchern geht man aber zwischen 21 und 24 Jahren von 36 Prozent aus, zwischen 30 und 39 Jahren von 35 Prozent. Also deutlich über einem Drittel. Was eine ganz andere Hausnummer ist.

Man müsste also nicht die Zahl der durchschnittlichen Raucher in der Gesamtbevölkerung betrachten. Sondern die Zahl der Raucher in der Gruppe der potentiellen CoVid-19 Erkrankten. Und selbst das wäre ja nur ein Hilfsmittel, weil man die Zahl der tatsächlich Infizierten noch nicht hat.
Es wäre nach bisherigem Wissensstand also theoretisch auch möglich, dass die Zahl unter den Infizierten (und nicht Erkrankten) aber der Normalverteilung entspricht.

Empirische Wissenschaften sind spannend, oder?

Auf gut Deutsch heißt das: Es ist möglich, dass die Zahl der Raucher unter den Untersuchten nur deshalb so gering ist, weil die meisten Raucher eh schon gestorben sind, im Krankenhaus oder Altenheim nicht rauchen dürfen oder vor Jahren schon wegen COPD oder Herzinfarkt aufgehört haben.

Nicht richtig, nicht falsch, einfach nur zu früh

Nur um das nochmal klar zu stellen:
Ich halte es für vollkommen denkbar, dass Nikotin vor Corona schützen könnte.
Das kann ich mir sowohl für eine Infektion mit dem SARS-CoV-2 vorstellen. Also dass das Nikotin in einem biologischen Mechanismus das Andocken des Virus verhindert. Als auch für eine Erkrankung mit CoVid-19, weil das Virus bestimmte Zellen, wie Lungenzellen, nicht befallen kann. (Was grundsätzlich weniger wahrscheinlich ist, aber hier den Rahmen sprengen würde.)
Ich kann mir sogar vorstellen, dass Nikotin gegen eine Erkrankung hilft. Also therapeutisch einsetzbar wäre. Was wieder zwei Schritte weiter wäre.

Es würde mich keine Sekunde lang verwundern, wenn es so wäre.

Und ich finde es völlig in Ordnung, dass beispielsweise der Händlerverband BfTG darüber berichtet. Denn sie kämpfen ja vollkommen zu Recht gegen das falsche Bild von Nikotin in der Öffentlichkeit.
Was ich ja auch thematisiere.

Leider ist es auch normal, dass Medien eine solche Meldung wie aus Paris aufgreifen und daraus eine Schlagzeile machen.
Und leider ist es auch normal, dass das sofort wieder Halbinformierte, Helikoptereltern, Tiefbegabte und Verschwörungstheoretiker auf den Plan ruft. Die alle an ihrer unfundierten Meinung teilhaben lassen müssen.

Mir ist das Thema zum jetzigen Zeitpunkt aber ganz einfach zu dünn.
Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.
Warten wir einfach mal ein paar Wochen ab. An heißen Corona Meldungen mag ich mich nicht beteiligen.

Zumindest hat es für diesen Kommentar gereicht, um die Zusammenhänge einmal erklären zu können.
So konnte ich mal schreiben, warum ich nichts schreibe. Zwinkersmiley.


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Joey Hoffmann

Joey Hoffmann

Begründer und inhaltlich Verantwortlicher bei vapers.guru
Freier Redakteur, zuvor angestellter und selbstständiger Marketingberater und Mediengestalter, Fachbereich Facebook und Wordpress. Mitglied des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes und des Bündnis für Tabakfreien Genuss.