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Ich lasse mich nicht von Euch durchgendern

Von der Freiheit der Gleichgültigkeit

In der vergangenen Woche wurde ich zum ersten mal öffentlich als rassistisch bezeichnet.

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In einem Facebook Posting schwadronierte ich ein wenig über den Zerfall unserer Gesellschaft. Da wir durch den Zerfall von Strukturen orientierungslos geworden sind. Als ein Erklärungsansatz diente die Überwindung mittelalterlicher Strukturen in Europa und Nordamerika.

Daraufhin attestierte eine Kommentatorin mir rassistisch zu sein, da ich aus der „weißen Sicht“ schreiben würde. Weil ich angeblich anderen abspreche, ebenfalls diese Strukturen überwunden zu haben. Und das sei rassistisch.

Unter dem gleichen Beitrag wagte ich einer Nutzerin zu widersprechen, nicht alle Probleme unserer Gesellschaft seien am Patriarchat festzumachen. Weshalb mir unterstellt wurde frauenfeindlich (misogyn) zu sein. Es schaltete sich noch eine andere Kommentatorin ein, eine Tierärztin und Bloggerin, die sich vor allem mit „Interdisziplinärer Patriarchatskritikforschung, Matrifokalitätsforschung und Politischem Mütterbewusstsein“ beschäftigt. Sie bescheinigte mir geschichtliche Lücken, immerhin sei Matrifokalität die menschliche Ordnung. (Ja, ich musste es auch erst googeln.)
Man verblieb mit einer anthropologischen Debatte und mit dem Hinweis, ich solle nicht nur „Männerbücher“ lesen.

Ähnlich erging es mir unter einem Artikel auf der Facebook Fanpage einer großen deutschen Zeitung.
Nachdem ich das Interview eines britische, schwarzen Sozialarbeiters zu seinem neuen Buch angelesen hatte, war mir plötzlich eingefallen, dass es mich einen Scheißdreck interessiert. Ganz einfach weil es mich einen Scheißdreck interessiert, ob britische, schwarze Sozialarbeiter glauben, dass Männer öfter Gefühle zeigen sollten.
Ich meine, da bin ich ja ganz bei ihm. Desinteresse für sein Buch ist ja auch ein Gefühl.

Gestolpert war ich beim weiterscollen nur über den Kommentar einer jüngeren Frau, die das Buch ganz toll fand und es „Teenager*innen“ empfahl. Worunter sich eine Diskussion und Meme Show entfaltete.
Ich fragte, ob sie Jugendliche meinte. Oder Adoleszente. (Wahrscheinlich meine sie Heranwachsende.)
Denn es wurde nicht nur ein Wort gegendert; es wurde extra eins gesucht, das man gendern konnte.

Ich habe lakonisch reagiert, weil mich First World Problems wenig interessieren. Woraufhin mir bescheinigt wurde, Rücksichtnahme und Anerkennung als First World Problems abzutun.

Auf meinen Hinweis, dass hier nicht nur die deutsche Sprache verhunzt wird, sondern auf der Suche nach einem genderfähigem Begriff sogar ein ausländischer Begriff über die Germanisierung hinaus verhunzt wird, wurde nicht eingegangen.

Ich wage zu zweifeln

Solche immer häufiger werdenden Diskussionen wecken Zweifel in mir.

Beispielsweise wage ich zu bezweifeln, ob es für einen Mitarbeiter eines afghanischen Clanchefs oder einen somalischen Warlord eine so gute Idee wäre, mehr Gefühle zuzulassen.
Klar, wir alle wollen mal kuscheln. Auch ein Warlord. Aber ob das seine soziale Stellung verbessert, sehe ich eher skeptisch.

Es geht nicht darum, ob ich nun ein grumpy, old, white man bin, der tradierte Rollenmodelle aufrechterhalten will.
Ich rege mich einfach nur nicht darüber auf, ob man heute noch Zigeunerschnitzel sagen darf. Aus dem sehr einfachen Grund, weil ich eh nie Zigeunerschnitzel sage. Weil Zigeunerschnitzel einfach scheiße schmecken.
Echte Zigeunersauce ist übrigens mit Weißwein und Trüffel. Von mir aus sollte man dieses Zeug, das in der Mensa oder Pommesbude auf Schnitzel geklatscht wird, „Instant-Tomatenzeug-mit-verkochtem-Paprika-Pamp“ nennen.

Selbstverständlich ist es zu akzeptieren, wenn eine Minderheit nicht mehr mit einer rassistisch belegten Fremdbezeichnung betitelt werden will. Selbst wenn „Zigeuner“ etymologisch nicht, wie meist falsch vermutet, von umherziehenden Gaunern stammt. Aber es ist doch ein Unterschied, ob ich einen Menschen oder eine Gruppe so bezeichne, oder ein Schnitzel.
Ich kann auch nicht 2000 Jahre europäischer Geschichte auslöschen, nur weil ich als Atheist die christliche Kirche für eine der größten Verbrecherbanden der Menschheit halte.

Ganz sicher werde ich nicht in dieses hanebüchene Umkehrargument der Rechtspopulisten verfallen, die sich plötzlich in einer Minderheit sehen wollen. Die sich selber zum Opfer stilisieren.
Ich nehme für mich nur das Recht in Anspruch, dass mir solche Diskussionen ziemlich egal sind.
Denn mein Weltbild, meine Sozialisation und mein Respekt vor anderen Menschen wird nicht dadurch bestimmt oder verändert, dass ich ein bestimmtes Wort nicht mehr benutze.
Lasst mich in Ruhe mit euren Negerküssen.

Es ist bedenklich

Solche Diskussionen werden vor allem von Akademikerinnen der Wohlstandsgesellschaften geführt. Vegane Tanzpädagogikstudentinnen mit Auslandssemester in Lissabon, die ihre Mate Tee Tasse mit zwei Händen festhalten und selbstgemachte Armbänder aus Katsuki Perlen auf Instagram verkaufen.
Ich bin ja eh misogyn, also kann ich es auch ruhig aussprechen.
Oder von Männern mit Schmucktattoos, Dutt und Holzfällerhemd, die noch nie einen Baum gefällt haben.

Das bedenkliche daran sind zwei Aspekte.

Zum ersten ist bedenklich, dass die Menschen nicht mehr lernen Konflikte auszutragen und zu scheitern. Sie bekommen immer weniger Grenzen aufgezeigt. Diese Grenzen werden aber durch sehr viel mehr bestimmt, als durch einen sozio-kulturellen Kontext.
Niemand ist wirklich frei. Wir alle sind unwichtige Teile der Gesellschaft, in der wir leben wollen. Wenn man nur lang genug in einer Holzhütte im Nordwest Territorium sitzt, wird es eines Tags klopfen und jemand wird fragen, ob man sein Snowmobil mal beiseiteschieben kann.

Selbstverständlich muss man Teenagerinnen dazu erziehen, selbstbewusste und selbstbestimmte junge Frauen zu werden. (Jungen übrigens auch. Also zu Männern, Ihr wisst was ich meine.) Aber man muss ihnen auch verdeutlichen, dass nicht jeder Mensch auf sie Rücksicht nehmen wird, nur weil sie Frauen sind.
Man muss dafür nicht gleich die Maximalhypothese aufstellen und Fallbeispiele von Gruppenvergewaltigungen heranziehen. Es reicht schon eine Absage bei einem Bewerbungsgespräch, um das Selbstbewusstsein eines jungen Menschen nachhaltig zu erschüttern.

Doch wenn man einem Menschen immer nur Verständnis und Rücksicht entgegengebracht hat, dann wird er darauf nicht vorbereitet sein. Dann wird er keine Konfliktlösungsstrategien erlernen können.
Und im schlimmsten Fall wird er nicht verstehen, warum es keine gute Idee ist, einen Autospiegel abzutreten, nur weil er gerade voll Bock darauf hat. Oder eine Harley vor einem Rockerclub umzutreten. Oder bei einem Autounfall ein Selfie zu machen.



In Elfenbeintürmen lässt sich trefflich philosophieren

Zum zweiten ist bedenklich, dass Menschen offenbar vergessen, dass sie in einem Elfenbeinturm leben. Denn in Eritrea, Libyen oder Papua-Neuguinea gibt es sicher keine Diskussionen der Interdisziplinären Patriarchatskritikforschung.
Über zwei Milliarden Menschen haben keinen durchgängigen Zugang zu Trinkwasser. Etwa 80 Millionen Menschen sind gerade auf der Flucht. Derzeit werden über 160.000 pro Jahr in bewaffneten Konflikten getötet.

Natürlich kann man sein Leben damit verbringen, sich mit „Politischem Mütterbewusstsein“ zu befassen. Aber man muss Menschen doch zugestehen, wenn sie andere Probleme für dringlicher halten.

Durch das Netz 2.0 wandelt sich die Kommunikation nachhaltig. Wir werden den ganzen Tag wie unter einem Stroboskop mit Problemen konfrontiert. Und wir verlieren die Fähigkeit, diese Probleme einordnen zu können.
Doch als wenn das nicht reicht, wird immer häufiger das Argument verwendet: Wenn du nicht für mich bist, bist du gegen mich.
Gendersternchen scheiße zu finden ist plötzlich gleichbedeutend mit Frauenfeindlichkeit.

Ne, tschuldigung. Meine Empathie und meine Konfliktbereitschaft ist einfach nur begrenzt.
Es ist mir als Mensch unmöglich, gleichzeitig Empathie für 12.000 Flüchtlinge in Moria, Millionen unterdrückte Rohingya und stillende Mütter in der Eifel zu empfinden.

…und jetzt geh mir nich auf den Sack

Diese Seite heißt VAPERS.GURU. Genauso wie es einen handwerker.guru und einen tits.guru gibt.
Das Logo zeigt einen stilisierten Guru mit Vollbart und Turban, der eine Dampfwolke ausstößt.

Vor einigen Jahren schrieb mich auf Facebook jemand an, der sich selber als Sikh auswies. Er fühlte sich durch das Logo diskriminiert und forderte mich auf es zu ändern.
Ich erklärte ihm, dass „.guru“ eine weltweite Top Level Domain ist, der Turban seit Jahrtausenden von Milliarden Menschen getragen wird und sogar im alten Rom mal in Mode war.
Daher gab ich ihm höflich zu verstehen, dass er mir nicht auf den Sack gehen soll.

Ich lasse mich nicht durchgendern. Und ich lasse mich nicht dazu erpressen, mich mit irgendwelchen First World Problems auseinanderzusetzen. Vor allem aber lasse ich mich nicht dafür instrumentalisieren, dass auf einmal jeder Hinz und Kunz versucht einen psychologischen Benefit daraus zu generieren, sich in Opferpose zu werfen.

Wenn ich das Netz ausmache, berührt mein Erlebnishorizont niemals den von Sikh, Teenagerinnen oder Interdisziplinären Patriarchatskritikforschung. Aber nur dann könnten wir herausfinden, wie diskriminierend, misogyn, rassistisch oder rücksichtslos ich tatsächlich bin.

Bis dahin erlaube ich mir, ziemlich entspannt zu bleiben. Und nicht alle Probleme der Welt zu meinen zu machen. Das kann ich nämlich nicht.

Vielleicht koche ich mal ein Zigeuner*innenschnitzel. Ich habe noch Weißwein und eingelegte Trüffel. Muss ja was dran sein.
Ich verspreche auch, es nicht als solches anzusprechen.


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Joey Hoffmann

Begründer und inhaltlich Verantwortlicher bei vapers.guru
Freier Redakteur, zuvor angestellter und selbstständiger Marketingberater und Mediengestalter, Fachbereich Facebook und Wordpress. Mitglied des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes.