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Offener Brief an DR. FLOJO

Frau Dokta, wir müssen reden

Lieber DR. FLOJO, liebe Frau Dr. Randrianarisoa,

am 09 September hast Du ein Video zu E-Zigaretten auf Youtube veröffentlicht. (Video unten)
Mir brennen da einige Anmerkungen auf der Tastatur, zu Deinen Aussagen in Deinem derbe freshen und jugendaffinen Format vom Südwestfunk.

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Schon gut, schon gut, ich spare mir lakonische Bemerkungen.
So sieht halt das aus, was Verantwortliche von Anstalten des Öffentlichen Rechts für hipp und jugendaffin halten.
Ich bleibe trotzdem mal beim Duzen. Ist mehr streetcredibility style.

Weil die Nummer vom Öffentlich Rechtlichen ist, musst Du möglichst ganz oft vor Nikotin und dem bösen Rauchen warnen. Versteht sich von selbst. Auch, weil der SWR da inzwischen echt eine Welle reitet.
Aber entgegen Deiner Behauptung wissen wir eben nicht alle, das Nikotin abhängig macht.

Zigaretten machen stark abhängig, da brauchen wir gar nicht diskutieren. Aber ob das nur am Nikotin liegt, ist gar nicht so sicher.
Die Tabakbonzen haben bei der berühmten Anhörung damals nicht gelogen. Und unter uns: Ich mag die geldgeilen Säcke auch nicht besonders.
Aber man hätte sie fragen sollen, ob sie glauben, ob Zigaretten abhängig machen. Denn dann hätten sie lügen müssen.

Nicht einmal die Wissenschaft und viele Suchtforscher sind sich so sicher, wie Mediziner gerne behaupten. Es gibt auch nur zwei sehr fragwürdige Studien dazu, die beide nicht reproduzierbar waren.
Deshalb hat die Ikone der Suchtforschung, der Prof. Dr. Fagerström, seinen Test längst von „Test für Nikotinabhängigkeit“ in „Test für Zigarettenabhängigkeit“ umbenannt. Und den müsstest Du als Humanmedizinerin ja kennen.

Vielleicht ist die geringe Suchtwirkung auch eine Erklärung dafür, dass es weltweit keinen dokumentierten Fall einer Sucht nach Nikotinkaugummis oder Nikotinsprays gibt. Und vielleicht zeigen deshalb Zigarrenraucher und gelegentliche Shisha Nutzer wenige bis keine Symptome einer Abhängigkeit.

Hättest Du Dich genauer mit dem Thema befasst, wäre Dir vielleicht auch aufgefallen, dass die Warnungen vor Metallen wie Nickel und Chrom vor allem auf so genannten Kokelstudien beruhen. Die E-Zigaretten so derbe überhitzt haben, dass jeder Student mit einem solchen Versuchsaufbau durch eine Prüfung gerasselt wäre.

Arsen ist gesünder als Zyankali

Spannend ist auch, dass Du mehrfach von „gesünder“ sprichst. Du behauptest sogar selber, E-Zigaretten seien „gesünder“ als Tabakzigaretten.

Dabei ist das Unfug. Denn kein halbwegs mitdenkender Mensch würde von „gesünder“ sprechen. E-Zigaretten sind höchstens weniger schädlich.
Das ist schon ein großer Unterschied, wie Du aus Deinem Studium wissen müsstest. Denn immerhin kostet es sehr viele Professoren viele Nerven, jungen Studenten den Unfug auszureden, den Du nun selber verbreitest.

Aber das ist sicher nur ein Strohmann Argument. Immerhin sagst Du ja auch, es sei „eine beliebte Behauptung“ E-Zigaretten seien „harmlos“. Ich kenne niemanden, der sowas ernsthaft behauptet; und immerhin beschäftige ich mich seit Jahren mit dem Thema.

Gateway: Der Einstieg für harte Junk Science

Was natürlich völlig uncool ist, ist Deine Verbreitung der so genannten Gateway Hypothese (Einstiegsdrogen-Hypothese).

Die stammt von der Psychologin Prof. Dr. Denise Kandel. Und die hat sich schon längst davon distanziert, ungefähr seit vierzig Jahren. Weil sie gemerkt hat, dass ihre Überlegung von vielen Leuten so verballhornt wurde, wie Du es in Deinem Video tust.

Die von Dir zitierte kanadische Studie hat lediglich gezeigt, dass viele Jugendliche, die vorher mal eine E-Zigarette probiert haben, später auch mal geraucht haben. Solche Studien gibt es eine ganze Menge. Die meisten unterscheiden nicht zwischen Dauerkonsum und Probierkonsum, der bei Jugendlichen naturgemäß sehr hoch ist.

Das Doofe daran ist, dass sie nichts beweisen. Denn man könnte ja nie beweisen, wie viele geraucht hätten, wenn es gar keine E-Zigaretten gäbe. Die Schlussfolgerung, sie hätten wegen der E-Zigarette angefangen zu rauchen, ist also Quatsch.
Korrelation sagt nichts über eine Ursache, correlation does not imply causation. Aber auch das kennst Du ja aus dem Studium.

Spannenderweise haben Suchtforscher inzwischen so viele Faktoren ausgemacht, dass sie bei Jugendlichen mit hoher Wahrscheinlichkeit vorhersagen können, ob diese später mal abhängig werden. Und wenn ja, woran. Noch bevor die jemals irgendetwas ausprobiert haben.
Und lustigerweise greifen ganz viele Japaner zu Koks, ohne vorher jemals geraucht oder gesoffen zu haben.
Deine Anmerkung zum Alkohol hinkt also auch. Und nicht alles was hinkt ist ein Vergleich.

Sicher hast Du nichts von der Meta-Studie von Prof. Dr. Linda Bauld gehört. Die hat nämlich schon 2017 die Daten von über 60.000 Schülern ausgewertet. Und die haben gezeigt, dass höchstens 0,5 Prozent der Schüler, die vorher nicht geraucht haben, angefangen haben regelmäßig zu vapen.
Wie viele danach auf Tabakzigaretten umgestiegen sind, war nicht einmal eindeutig messbar.



Aneinanderreihung von Framings

Ich möchte mich wirklich nicht um Kleinigkeiten zanken.
Aber zwei Anmerkungen muss ich noch los werden.

Entgegen Deiner Behauptung ist „Vapen“ nicht ab 18. Nur der Verkauf von bestimmten Produkten an Minderjährige ist untersagt.

Und die Werbung darf sich nicht gezielt an Minderjährige richten.
Eigentlich ist Werbung eh nur noch als Außenwerbung und im Kino zulässig. Und selbst dem wird demnächst ein Riegel vorgeschoben.

Mir geht es um das große Ganze.
Denn neben den ganzen bewussten oder unbewussten Framings ist mir etwas an Deinem Video doch sehr stark aufgefallen.

Obwohl Du selber mit Quellenverweis bestätigst, dass die britische Gesundheitsbehörde Public Health England der E-Zigarette eine mindestens 95 Prozent geringere Schädlichkeit attestiert, stellst Du es anders dar.
Am Ende deines Sechs-Minuten-Clips behauptest Du, E-Zigaretten seien „wahrscheinlich etwas harmloser als klassische Zigaretten“. Sie hätten „trotzdem große Risiken“.

Und damit widersprichst Du ziemlich hart dem, was Du selber vorher gesagt und mit Quelle belegt hast. Und der Wissenschaft eh.

Eine Frage der Perspektive

Das Ganze ist so ein Perspektiven-Ding.
Wahrscheinlich musst Du als Ärztin immer vor allem warnen. Das ist wohl so eine Art berufsbedingter Reflex. (Eher anerzogen, aber sei’s drum.)

Hinzu kommt, dass Du als Ärztin wahrscheinlich viele Deiner Informationen – ebenso wie die Redakteure – von der Pharma Lobby erhältst. Und die haben natürlich etwas gegen die Konkurrenz ihrer ziemlich sinnlosen Nikotinersatztherapien und Rauchentwöhnungsmedikamente.
Immerhin macht Pfizer alleine mit seiner Tablette Champix mehr Kohle als mit Viagra. Und mit den Pflastern und Zeug (Nikotinersatztherapien) machen die Konzerne derzeit über 20 Milliarden im Jahr, mit fetten Zuwächsen.
(Viele der Studien zur E-Zigarette wurden übrigens indirekt von denen bezahlt.)

Nun stell Dir doch mal vor, dass sehr viele Jugendliche eh rauchen werden. Etwa jeder vierte bis fünfte. Auch von Deinen Zuschauern, denn das Einstiegsalter liegt bei bummelig 14,7.
Ach was, stell es Dir nicht nur einfach vor. Nimm es nur mal für einen Augenblick so hin.

Diesen Jugendlichen hast du sechs Minuten lang erklärt, dass sie auch gleich weiter rauchen können. Anstatt auf eine mindestens 95 Prozent weniger gefährliche Alternative umzusteigen.

Und nicht nur denen.
Eigentlich hast Du als Ärztin genau das 12 Millionen Rauchern erzählt.
Weil es Dir wichtiger war, die Illusion zu verteidigen, es verhindern zu können.

Die Sache mit der Harm Reduction

Machen wir doch ruhig einmal die Milchmädchenrechnung auf.
In Deutschland sterben jährlich etwa 120.000 Menschen an den Folgen des Rauchens.
Wenn das, was die Wissenschaft immer deutlicher zeigt und was PHE angibt, stimmt, könnten 95 Prozent dieser Toten verhindert werden. Und wenn schon nicht verhindert, dann doch sehr lange aufgeschoben.

Bei AIDS und Heroin hat Harm Reduction echt was gebracht. Tobacco Harm Reduction wird aber nicht gewollt.

Ich weiß, diesen Gedanken wirst Du nicht gerne zulassen.
Aber genau das ist der Kern der Harm Reduction.

Mach Du ruhig Dein hippes, jugendaffines, südwestdeutsches YouTube-Funk-Ding. Will ich gar nicht weiter drüber urteilen. Bin eh nicht die Zielgruppe.
Und wenn Du auf die Karte Prävention setzt, auch ok. Muss sich ja nicht widersprechen.

Aber es würde sich doch mal lohnen, diesem Gedanken der Harm Reduction einen Augenblick nachzuhängen.

Postscriptum

Das von Dir empfohlene und verlinkte Video von Walulis – ebenfalls vom SWR – habe ich nicht durchgehalten.
Weil der noch freshere und hippere Typ auf Coffein-Überdosis einfach mal behauptet, dass E-Zigaretten generell von den Tabakkonzernen kommen. Die aber tatsächlich nur einen sehr geringen Bruchteil am Markt ausmachen.

Die werden allerdings stark unterstützt. Durch Euch.
Weil durch Euer Framing und der Lobbyarbeit der Pharmaindustrie nämlich als erstes die kleinen und unabhängigen Unternehmen kaputt gehen, die nix mit Tabak am Hut haben.
Aber wegen dem Perspektiven-Ding und Eurer Illusion der Verhinderung versteht Ihr das sicher nicht.


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Joey Hoffmann

Joey Hoffmann

Begründer und inhaltlich Verantwortlicher bei vapers.guru
Freier Redakteur, zuvor angestellter und selbstständiger Marketingberater und Mediengestalter, Fachbereich Facebook und Wordpress. Mitglied des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes und des Bündnis für Tabakfreien Genuss.