Kein Jahresrückblick: Die gespaltene Gesellschaft

Jahresabschlussmontagsphilosophie

Einen Jahresrückblick auf das Jahr 2020 kann man sich sicher ersparen. Denn er würde auf eine Postkarte passen. „Alles scheiße“.

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Wir befinden uns einer angespannten gesellschaftlichen Situation. Um es mal milde auszudrücken.
Ich sehe es nicht so, dass die Gesellschaft sich spaltet. Sondern dass ein Teil der Gesellschaft versucht sich abzuspalten. Das wird sicherlich nicht zu einem Zerfall führen, kann aber ernsthafte Probleme mit sich bringen.

Eigentlich weiß ich nicht, woran es liegt. Ob es an meiner Ausbildung liegt, meiner anerzogenen Sicht der Dinge oder ob ich einfach so ein Typ bin. Aber was mich immer sofort beschäftigt ist die Diagnose. Die Frage nach dem Warum.

Ich streite mich gerne und gehe in virtuelle Diskussionen mit denen, die sich selber als Opposition definieren. Die sich selber als Querdenker bezeichnen, die von anderen als Covidioten gesehen werden und die gerne mit dem Begriff „Mainstream“ um sich schmeißen.

Und dabei sind mir einige Symptome aufgefallen, die ich als sehr persönlichen Jahresabschluss mit in das neue Jahr nehmen werden.

Der gemeinsame Gott

Unsere Gesellschaft in Europa und Nordamerika hat einen Gott. Und dieser Gott heißt Individualismus.
Seit etwa 100 Jahren bekommen wir eingebläut, dass das Individuum der Kern der Gesellschaft ist. Das hat viele Auswirkungen.

Das fängt bei der Sucht zur Selbstoptimierung an und endet bei tätowierten 16-Jährigen. Annähernd alle privaten Profile auf Instagram haben die gleiche Kernaussage: Seht mich an, ich bin einzigartig!
Das bedeutet aber auch, dass viele sich der Illusion hingeben, die Meinung jedes Menschen sei gleich viel Wert. Dieser Traum einer anarchistischen Gemeinschaft, in der jeder Einzelne ein gleich wertvoller Teil ist.
Schließlich haben wir Meinungsfreiheit und vor Gericht sind alle Menschen gleich. Dafür haben unsere Vorfahren spätestens seit Sturm und Drang und Aufklärung gekämpft.

Die Realität sieht freilich anders aus. Denn der Mensch ist ein Rudeltier. Und in jedem Rudel gibt es Regeln und Hierarchien. Das Recht des Individuums muss immer an den Grenzen der Gesellschaft enden. Ein Zusammenleben ohne solche Regeln ist schlicht unmöglich.

Aber das wurde uns immer mehr aberzogen. Und deshalb begreifen wir es nicht mehr.
In einer Welt aus frei wählbaren Autofarben, Helikoptereltern und individualisierbaren Handys aber einheitlichen Schulmäppchen haben wir das völlig aus dem Blick verloren.
Genau deshalb sind offenbar viele Menschen damit überfordert, wenn dann plötzlich jemand kommt und ihnen sagt, dass sie ein Lätzchen anzuziehen haben oder ihr Geschäft schließen müssen. Dass sie einfach die Klappe zu halten und zu funktionieren haben. Dass auf ihre individuellen Bedürfnisse keine Rücksicht genommen wird.

An dieser Krankheit der Sucht nach Individualität leiden fernöstliche Gesellschaften nicht. Man kann es gut oder schlecht finden, aber es ist eine unumstößliche Tatsache, dass Gesellschaften umso besser funktioniert und umso erfolgreicher sind, je mehr sie darauf verzichtet auf Individualbedürfnisse Rücksicht zu nehmen.

In Japan leben auf zum Teil engstem Raum etwa eineinhalb Mal so viele Menschen wie in Deutschland. Doch während in Deutschland bis heute fast 24.000 Menschen an Corona gestorben sind, sind es in Japan nicht einmal 1000. Und das obwohl die Alten dort länger leben und seltener in Altenheime abgeschoben werden. Die Petrischalen unserer Gesellschaft.
Ähnliches gilt für Südkorea. Uns sogar China hat Corona weit besser im Griff. In Nordkorea wurde Corona kurzerhand verboten, Diktaturen haben auch Vorteile.

Ostzonale Desorientierung

Nun haben wir in Deutschland eine sehr besondere Situation. Denn die Wiedervereinigung ist kaum eine Generation her. In einer Nacht- und Nebelaktion wurden 16 Millionen Bürger mit einem völlig anderen Weltbild und einer anderen Sozialisation aufgekauft. Erschlagen mit dem Hammer der freien Marktwirtschaft.
Die Auswirkungen spüren wir gerade.

Denn diese Menschen sind ja nicht nur aufgewachsen mit einer pauschalisierten Skepsis gegenüber jedem Staat und jeder Obrigkeit. Und einer pervertierten Vorstellung von Links und Rechts. Ihnen wurde auch über 40 Jahre erzählt, dass im Westen die totale Freiheit wartet.

Und dann wurden sie in die Demokratie geworfen und merken erst so langsam, dass diese Freiheit eben doch nicht total ist.
Nicht nur, dass eine demokratische Gesellschaft den gleichen Regeln wie jede andere unterliegt. Ihnen wurde auch sehr deutlich gemacht, dass es auch in der Freiheit Hierarchien gibt. Weshalb ich immer wieder Volker Pispers zitiere: „Im Kapitalismus kann es jeder schaffen. Jeder… aber eben nicht alle.“

Anstatt ihre eigenen Bilder von Demokratie und Gesellschaft zu hinterfragen, anstatt zwischen erträumtem Ideal und Realismus zu trennen, kommen nun einige zu dem Schluss, dass auch die Demokratie eine Diktatur ist.
Und dann wird opponiert auf Teufel komm raus. Da sieht man dann seine Meinungsfreiheit beschränkt, weil man im Internet nicht sagen darf, was einem gefällt. Da wählt man dann auch gerne mal Rechtsradikale, um es „den Altparteien“ zu zeigen. Und da fängt man an, alles und jeden zu hinterfragen, außer sich selbst.

Volkskrankheit Kompetenzmangel

Natürlich sagt es kein Politiker laut. Aber die Wahrheit ist nun einmal, dass die allermeisten Menschen keinerlei Kompetenz besitzen, um über Infektionsschutzmaßnahmen zu diskutieren. Menschen bilden sich nun einmal eine Meinung zu allem, was nicht bei Drei auf dem Baum ist. Und so verschwimmen in vielen Debatten die Grenzen zwischen Meinungen und Fakten.

Das ist vor allem auch deshalb ungünstig, weil es in unserer durchindividualisierten Gesellschaft ungehörig ist, es jemandem zu sagen.
Hauptschülern wird erzählt, dass sie alles auf der Welt erreichen können. Und erst mit den ersten Bewerbungsgesprächen beginnt ein Lernprozess, dass diese Vorstellung wohl doch nicht so ganz richtig ist.



Natürlich sollte man nicht jedem Schüler einbläuen, dass er der nächste Pommesbudenverkäufer ist und in einer Mietwohnung sterben wird. Aber vielleicht wäre es pädagogisch sinnvoller, den Menschen zu vermitteln, dass sich zu begnügen mehr Erfolg auf ein glückliches Leben verspricht, als Influencer oder Rapper werden zu wollen.

Niemand kann in allem kompetent sein. Tatsächlich haben wir alle von den allermeisten Dingen absolut keine Ahnung.
Aber vor dem Informationszeitalter hat es keiner bemerkt. Nun hat jeder die Chance, seine dahergelaufene Meinung öffentlich zu machen. Social Media ist ja so toll.

Immer wieder stellt man fest, dass es Querdenkern gar nicht um Sachargumente geht. Sondern darum gehört zu werden. Dabei sind die allermeisten nicht einmal in der Lage, eine erwachsene Diskussion zu führen. Weil sie nie gelernt haben eine These zu formulieren.

Querdenker erkennt man häufig daran, dass sie irgendwelche Informationen in die Debatte werfen. Aber mehr auch nicht. Den Rest muss man sich dann denken. Hinzu kommt ein sehr infantiler, aufgesetzter und pseudo-ironischer Humor.
So funktioniert Demokratie nun einmal nicht.

Die Kompetenzdiktatur

Ich habe es einmal so formuliert, dass wir keiner Merkel-Diktatur leben, sondern in einer Kompetenzdiktatur. Das wurde von einigen falsch verstanden und führte zu vielen bösen Kommentaren. Was häufig daran lag, dass viele den Begriff der Kompetenz im psychologischen Sinne nicht kannten.

Will ich an einer Demokratie teilhaben, muss ich es zumindest schaffen mir eine Hose über den Arsch zu ziehen und mit meinem gültigen Ausweis zum Wahllokal zu gehen. Das setzt bereits viele Kompetenzen voraus.
Will ich sogar konstruktiv demokratisch mitwirken, muss ich vieles mehr aufbringen. Ich muss in eine Partei oder einen Verein eintreten oder sowas gründen. Ich muss Thesen formulieren und mich streiten lernen. Ich muss lernen zu erdulden unterlegen zu sein. Ich muss Forderungen klar und falsifizierbar formulieren. Ich muss konstruktiv sein, anstatt nur gegen etwas. Und ich muss ein Mindestmaß an sozialer Intelligenz besitzen.

Die Querdenker Bewegung wird, wie Pegida und viele andere, verpuffen. Weil sie es bis heute nicht geschafft haben, klare und vor allem im Rahmen des Grundgesetzes umsetzbare Forderungen zu formulieren. Denn dann würden sie sich dem Risiko der Widerlegbarkeit aussetzen.
Sie verstehen sich selber als demokratisches Ausdrucksmittel, dabei sind sie weit von Demokratie entfernt.
Selbst wenn sie das schaffen würden, sieht man an den ständigen internen Streiereien der AfD, was passiert, wenn der einzige gemeinsame Konsens aus „Dagegen“ besteht.

Wenn man nur einen Hammer hat, ist es verlockend, jedes Problem als Nagel anzusehen.
Und wenn man Demokratie nicht gelernt hat, ist es verlockend, alles als Diktatur anzusehen.

Der Vorwurf des Nachplapperns

Argumente gegen die Corona Maßnahmen sind Moden unterlegen. Irgendjemand setzt alle Nase lang ein Argument in die Welt, und wie ein Meme verbreitet es sich. Und irgendwann wird es wieder unmodern, manchmal weil es einfach oft genug widerlegt wurde.

Fragt man jemanden, warum PCR Tests seiner Meinung nach nicht funktionieren, merkt man recht schnell, dass derjenige nicht ein Mindestmaß an Ahnung von PCR Tests hat. Er hat etwas im Internet aufgeschnappt und tratscht das nun weiter. Also genau das, was den „Schlafschafen“ und „Mitschwimmern des Mainstreams“ vorgeworfen wird.
Das Gleiche gilt für die angeblichen Spätfolgen von mRNA Impfungen, die Diskussion ob jemand mit oder an Corona gestorben ist oder wer die Regierungen berät.

Nach meiner Erfahrung haben die meisten der selbsternannten Querdenker den demokratischen Prozess nicht verstanden. Sie sehen Drosten und Bhakdi auf YouTube, und konstruieren sich daraus das Bild, dass die Wissenschaft aus zwei gleichwertigen Positionen besteht, von denen die eine von der Merkel-Regierung abgelehnt wird. Aus Gründen.

Sie bekommen gar nicht mit, dass es eine breite wissenschaftliche Position gibt. Wie auch? Sie lesen keine Studien oder Wissenschaftsmagazine und wissen meist nicht einmal, wer die Leopoldina ist.
Oft haben sie nicht einmal verstanden, dass wir in einer föderalen Republik leben und Merkel für das allermeiste gar nicht zuständig ist. Sondern insgesamt 17 Regierungen.

Dabei ist heutzutage alles leicht im Internet zu finden. Man müsste sich nur die Zeit nehmen, sich vorher selber einmal zu informieren.

Die Demokratie und die Ampel

Der Philosoph Richard David Precht sagt gerne, dass wir als Staatsbürger zu funktionieren haben. Das beschreibt er öfter mit einem Beispiel:
Man steht nachts vor einer roten Ampel. Weit und breit kein Auto. Es macht für das Individuum keinen Sinn, an der roten Ampel zu warten. Trotzdem „nötigt der Staat es uns ab“ stehen zu bleiben.

Das Bild finde ich hervorragend. Weil es die Regeln beschreibt, die uns dieser Staat auferlegt hat. Oder um es noch genauer zusagen, die wir uns demokratisch gegeben haben.
Es steht uns nicht frei, darüber zu befinden, ob das für uns Einzelne nun Sinn macht.

Nun empfinden einige es als unzumutbare Einschränkung, an der Ampel stehen zu bleiben. Und empfinden es als undemokratisch.
Demokratie bedeutet aber nicht, dass jeder für sich selber entscheidet, wann es Sinn macht an einer Ampel zu warten. Demokratie bedeutet im Stadtrat den Antrag einzubringen, an der Ampel eine Kontaktsteuerung anzubringen.

Diese Grundprämisse des demokratischen Zusammenlebens ist offenbar verlorengegangen. Und das erfüllt mich mit Sorge.
Denn die Disziplin, ehemals eine deutsche Tugend und heute ein Reizwort, wird zu Obrigkeitshörigkeit umgedeutet. Dabei war sie es, die Deutschland seit dem zweiten Weltkrieg zu einer der erfolgreichsten, reichsten und sichersten Nationen der Welt gemacht hat.

Noch vor dem Ende dieses Jahrhunderts werden die Asiaten die Führungsrolle dieser Welt übernehmen. China wird die neue USA. Das ist längst ausgemacht. Wer jetzt nach Arabien guckt und Angst vor einem Bevölkerungsaustausch hat, sollte seine Kinder lieber zum Mandarin Kurs anmelden.

Denn wir entscheiden jetzt, wie wir mit diesem Wandel umgehen werden. Der Zusammenhalt, die Disziplin und die Zuversicht entscheiden in den kommenden Jahrzehnten darüber, ob wir demnächst noch nach unseren soziokulturellen Regeln leben werden, oder ob wir eher zur zweiten bis dritten Welt werden.

Die soziale Schere

Auch sehr akut ändert sich etwas. Nämlich die Art, wie wir miteinander umgehen.
Bei aller Geduld und allem Verständnis geht mir die Lust verloren, Menschen solche Grundlagen zu erklären. Und zu argumentieren, warum wir nun nicht in einer Diktatur leben und warum PCR Tests vielleicht doch Sinn machen.

Das ist deshalb so tragisch, weil es vielen so geht. Und weil es andererseits von den Querdenkern nicht verstanden wird, oder verstanden werden will. Wer lässt sich schon gerne sagen, dass er selber nur eine Ameise in einem Haufen und für die Gesamtgesellschaft völlig unwichtig ist?
Die Menschen fühlen sich dadurch nur noch mehr abgehängt und ungehört. Das Problem ist aber, dass Zuhören ja auch nichts bringt. Über Jahre hinweg wurde ganz viel zugehört. Mit dem Ergebnis, dass wir eine Partei im Bundestag haben, die gerichtlich bestätigt als rechtsradikal bezeichnet werden darf.

Nach großen Fortschritten im vergangenen Jahrhundert geht die soziale Schere immer weiter auseinander. Die soziale Schere, nicht nur die finanzielle. Und diese Entwicklung wird das verstärken, nicht umkehren.

Eines scheint sehr vielen nicht bewusst zu sein. Und dazu gibt es sehr viele Studien.
Wer gerade an der Regierung ist, hat so gut wie keine Auswirkungen darauf, auf welcher Sprosse der sozialen Leiter jemand steht.
Wer sich einredet, für ihn würde irgendetwas besser, wenn er diesen oder jenen wählt oder diese oder jene hasst, muss zwangsläufig enttäuscht werden. Er wird sich über kurz oder lang Neue suchen. Man darf gespannt sein, wer nach der nächsten Bundestagswahl das Narrativ der Merkel-Diktatur ersetzen wird.

Für den eigenen Erfolg oder das persönliche Lebensglück, das letztendlich größte Ziel unser aller Leben, ist jeder fast ausschließlich selber verantwortlich.

Die Frage stellt sich also in der Realität gar nicht.
Die Frage ist eher, ob jemand seine persönlichen Chancen darauf verbessert oder verschlechtert, wenn er sich nicht selber bildet, informiert und die Regeln des Zusammenlebens akzeptiert. Wenn er sich abschottet in einer Filterblase, für Argumente unzugänglich wird oder den „Mainstream“ als Feind ausmacht.

Ich denke, die Zusammenfassung ist schon sehr passend:
2020 war scheiße.


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Joey Hoffmann

Begründer und inhaltlich Verantwortlicher bei vapers.guru
Freier Redakteur, zuvor angestellter und selbstständiger Marketingberater und Mediengestalter, Fachbereich Facebook und Wordpress. Mitglied des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes.