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Big Tobacco im Kostüm eines Konsumentenverbandes

Weltweites Astroturfing

Derzeit macht die World Vapers‘ Alliance auf sich aufmerksam. Die „Welt-Dampfer-Allianz“… das macht schon etwas her.

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Seit einigen Wochen verstärkt sie ihre Social-Media-Aktivitäten auf Twitter, Facebook und Instagram. Sie hat eine schicke Homepage. Und sie hat inzwischen mit Prof. Dr. Bernd Mayer einen sehr prominenten Harm Reduction Befürworter als „Scientific Advisor“ gewinnen können, der bereitwillig sein Gesicht auf der Homepage hergibt.

Jeder, der sich einmal mit Lobbyismus und Verbänden auseinandergesetzt hat, weiß, dass es das wichtigste ist, sich an den richtigen Stellen zu positionieren. Auch das hat die WVA besser als andere geschafft.

Im Dezember hat der selbstbezeichnete Konsumentenverband die öffentliche Konsultation der EU zur Besteuerung von E-Zigaretten beantwortet, aktuell auch zum Beating Cancer Plan.
Nachdem der Lobbyverband „Tobacco Free Kids“ (Bloomberg) Google aufgefordert hatte, alle Vape Apps zu löschen, hat sie Google aufgefordert, das nicht zu tun. Damit hat die Allianz Eingang gefunden in die Berichterstattung der Vaping Post, einer der weltweit relevantesten Plattformen zu dem Thema. Zuzüglich zu einigen anderen Medien.

Zeit, einmal genauer hinzuschauen.

Wer sind die Organisatoren?

Jeder, der sich einmal mit Lobbyismus und Verbänden auseinandergesetzt hat, weiß auch, dass es Kompetenzen und Kapazitäten benötigt.
Eine Homepage kostet Geld, Grafiken für den Social Media Auftritt kosten Geld, alleine die Kommunikation eines international aufgestellten Verbands untereinander kostet Geld. Und vor allem Zeit.

Bemerkenswert ist in einer so überschaubaren Szene wie der E-Zigarette, wenn dann sowas plötzlich von Menschen kommt, von denen auch Branchen Insider vorher nie gehört haben.

Verantwortlich schein der Wiener Michael Landl zu sein. Der nach eigenem Bekunden leidenschaftlicher Dampfer ist.
Genau kann man das nicht sagen, denn auf der Homepage wird lediglich ein „Advisory Board“ ausgewiesen, so etwas wie ein anleitender Beirat. Bei dem Landl ohne klare Angabe der Funktion auftaucht. Ebenso wie Prof. Dr. Bernd Mayer, der als „wissenschaftlicher Berater“ bezeichnet wird.

Auf der Business Plattform Xing gibt Landl auf seinem Profil an, Freiberufler und „Leiter“ der World Vapers‘ Alliance zu sein. Zuvor war er persönlicher Referent des stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der FDP Frank Sitta im deutschen Bundestag.

Wo es dann spannend wird, ist, wenn man versucht herauszufinden, wodurch der Verband sich finanziert. Und noch spannender, wer die Mitglieder in diesem Weltverband sind.

Wer sind die Mitglieder?

Man sollte glauben, große und öffentlichkeitswirksame Konsumentenverbände wären Mitglied in einem weltweiten Verband. Wie beispielsweise die New Nicotine Alliance NNA aus Großbritannien, die inzwischen auch Ableger in anderen Ländern hat.
Betrachtet man die Mitgliederliste der Wold Vapers‘ Alliance näher, findet man jedoch vor allem Verbände aus Afrika und Südamerika.

Prof. Dr. Bernd Mayer verliest eine Erklärung, veröffentlicht durch die World Vapers’ Alliance. (18.01.2021)

Nun gut, mag man denken, das muss ja nichts Schlechtes sein. Ein weltweiter Verband muss ja irgendwo anfangen. Und gerade Schwellenländer sollten ja von der Tobacco Harm Reduction profitieren.

Von 20 Mitgliedsverbänden der Allianz stammen fünf aus Afrika, plus einem sechsten gesamt-afrikanischem Verband. Alle fünf vertretenen afrikanischen Nationen gehören zu den 30 ärmsten Ländern der Welt.

Um nur mal ein Beispiel zu nennen: Mitglied in der Wold Vapers‘ Alliance ist der Verband „Tobacco Harm Reduction Malawi“. Es gibt aber keine Informationen darüber, ob überhaupt jemand in Malawi E-Zigaretten nutzt. Gemäß Gerüchten scheint es im ganzen Land einen einzigen Laden mit entsprechenden Produkten in der Hauptstadt Lilongwe zu geben.

Bemerkenswert ist auch, dass gleich vier Verbände aus Südamerika ein identisches Logo haben. Aber nicht einmal alle über eine Homepage verfügen.
Und interessant ist auch die Mitgliedschaft eines Konsumentenverbandes aus Taiwan, wo E-Zigaretten schlicht komplett verboten sind. Taiwan hat die härteste Anti-Vaping-Gesetze weltweit. Es scheint eher ein Blog als ein Verband zu sein, ebenso wie eine spanischsprachige Homepage, die als Mitglied angegeben wird. Das Gleiche gilt für ein Mitglied aus Kanada.
Teilweise ist nicht einmal ersichtlich, aus welchem Land die Verbände stammen oder wen sie vertreten.

Wer finanziert den Verband?

Aus dem Rahmen fällt dann ein Mitglied: Das Consumer Choice Center.

Auf Anfrage bestätigte Michael Landl, dass das Startkapital für die World Vapers‘ Alliance vom Consumer Choice Center kam. Man wolle die Finanzierung „verbreitern“ und „weitere Mittel und Spenden von Partnern und einzelnen Spendern sowie über den Verkauf von Merchandise in der Zukunft generieren“.

„Consumer Coice Center“ bedeutet übersetzt „Zentrum Konsumentenentscheidung“. Das ist ein üblicher Euphemismus für radikalen Marktliberalismus. Jedes Unternehmen, das möglichst unreguliert seine Produkte an den Markt bringen will, argumentiert das mit der freien Entscheidung des Konsumenten.

Laut mehrerer Quellen ist das Consumer Coice Center ein Lobbyverband. Oder, wie es heute gerne ebenso euphemistisch genannt wird, ein Think Tank oder eine Kommunikationsagentur. Die Begriffe sind austauschbar. Die Eigenbezeichnung ist „Consumer Advocacy Group“, was man mit „Konsumenten Interessengruppe“ übersetzen könnte.
Die Schwerpunkte des CCC liegen auf der Deregulierung von Produkts Standards und Dienstleistungsbestimmungen, sowie der Befürwortung von Freihandel.

So gibt das CCC an, sich nur aus privaten Geldern zu finanzieren. Doch im Deutschen kann das schnell missverständlich sein. Denn „nur aus privaten Geldern“ bedeutet nicht, dass nur Privatpersonen spenden. Sondern dass keine staatlichen Gelder fließen. Auch Gelder von Unternehmen sind in dem Sinne „privat“.



Woher bekommt das CCC sein Geld?

Einer der Hauptgeldgeber des CCC scheint Koch Industries zu sein.
Koch Industries hat 2019 mehr als 115 Milliarden Dollar Umsatz gemacht und ist damit größer als Siemens und Adidas zusammen.

Der in den USA beheimatete Konzern ist unter anderem für sein Engagement für eine radikalfreien Markt bekannt, leugnet den Klimawandel und ist Unterstützer der erzkonservativen Tea Party.
Das CCC wurde offenbar über verschiedene Organisationen finanziert, die alle wiederum durch Koch Industries finanziert werden.
Laut der Plattform opensecrets.org hat Koch Industries alleine 2019 knapp 11 Millionen Dollar für Lobbyarbeit ausgegeben. Zusammen mit seinen angeschlossenen Tochtergesellschaften soll Koch Industries 2012 allerdings über 400 Millionen an Non Profit Organisationen gezahlt haben.

Und so beruft sich das CCC inzwischen auf über 1100 „Media Hits“, unter anderem in der New York Times, auf Politico, Le Monde, Guardian und im Handelsblatt.
Der Senior Advisor des CCC Adam Cleave war zuvor Chef Lobbyist beim Tabakkonzern Imperial Brands (West, Gauloises), zu dem auch Reemtsma gehört (My Blu).

Wer sind weitere Geldgeber?

Inzwischen ist das CCC auch in Europa aktiv.
Obwohl auf der Homepage keine Adresse in Brüssel zu finden ist, gab es einen „Launch Event“. Der von Japan Tobacco finanziert wurde, einem der größten Tabak Konzerne der Welt. (Camel, Winston)

Laut Transparenz-Register der EU waren 2020 sieben Personen vollzeitlich und zwei halbzeitlich für das CCC beschäftigt. Obwohl die angegebene Adresse – trotz „Launch Event“ in Brüssel – in Alexandria, Virginia, angegeben wird. Die Adresse auf der Homepage ist in Washington angegeben.
Das Budget von 06/2019 bis 12/2019 belief sich auf glatte 1.000.000 Euro. Wohlgemerkt nur des europäischen Ablegers. Die Plattform corporateeurope.org gibt das Gesamtbudget allerdings mit 3.652.198 Euro an.

Recht eindeutig wird es, wenn das CCC sich auf seiner Homepage bei British American Tobacco für die Unterstützung im Bereich des Harm Reduction Engagements bedankt.

British American Tobacco gehört mit geschätzten 26 Milliarden Umsatz ebenfalls zu den größten Tabak Konzernen weltweit. (Lucky Strike, Pall Mall)
Szenekennern ist bekannt, dass BAT sich massiv in den Markt der Harm Reduction einkauft.
Bereits 2018 hatte BAT die deutschlandweit größte Vape-Shop-Kette Highendsmoke übernommen und versucht offenbar, daraus eine Ladenkette nach Vorbild der IQOS Stores von Philip Morris zu schmieden. So wie BAT dem Branchenriesen insgesamt gerne nachzulaufen scheint: zuletzt mit der Glo, einer preiswerten Variante des Tabakerhitzers IQOS.

Da Snus in der EU verboten ist, versucht BAT derzeit den so genannten „weißen Tabak“ an den Mann zu bringen: Nikotin getränkte Zellulose, die man ähnlich wie Snus in kleinen Beutelchen auslutschen kann.
Ihre Hausmarke bei E-Zigaretten ist die Vype, die inzwischen an allen Tankstellen steht.
Und BAT ist Mitglied der deutschen Händlerverbandes VdeH und BVTE.

Lobbyverbindungen in den Bundestag

Der WVA verkauft nach außen den Eindruck einer weltweiten Vereinigung von Dampfern oder Dampferverbänden.
Betrachtet man das aber einmal näher, bekommt man einen anderen Eindruck.

Offenbar wurde ein Konsumentenverband mit entsprechender finanzieller Hilfe aus der Retorte gehoben. Leiter ist ein ehemaliger persönlicher Referent eines FDP-Abgeordneten.
Die Nähe der FDP Fraktion zum deutschen Cheflobbyisten der Tabakindustrie Jan Mücke ist in Berlin bekannt. Dieser ist Hauptgeschäftsführer des jüngsten Industrieverbandes BVTE, des Bundesverbandes der Tabakwirtschaft und für neuartige Erzeugnisse. In dem wiederum BAT, der Deutsche Zigarettenverband, Japan Tobacco, Niko Liquids, Quantus (Highendsmoke), Reemtsma (My Blu) und Riccardo Mitglied sind.
Darüber hinaus ist Jan Mücke Sprecher und Geschäftsführer des Deutschen Zigarettenverbandes, der auch über einen Hausausweis für den Bundestag verfügt.

Volle Auflösung bei Klick. (PDF, 1,8MB)

Mehr Astroturfing als Grassroot

Das wäre alles nicht skandalös. Denn solche Verknüpfungen gibt es in der Wirtschaft und in der Politik immer wieder.
Das Verwerfliche ist das Astroturfing.

Dampfen ist Grasroot. Also eine Graswurzelbewegung. Das ist ein feststehender Begriff. Etwas, das sich aus den Initiativen der Bevölkerung entwickelt hat. Oder in diesem Fall aufgrund der Initiative von Konsumenten.

AstroTurf ist der Name eines Herstellers von Kunstrasen. Und von dem leitet sich der Begriff des Astroturfings ab. Es ist eine „künstliche Graswurzelbewegung“, die für eine PR Maßnahme den Eindruck erweckt, es handele sich um eine Graswurzelbewegung.

Ein Dampfer initiiert einen weltweiten Konsumentenverband. Er war zuvor persönlicher Referent des stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der FDP. Der gleichen Oppositionspartei, der der Cheflobbyist der Tabakindustrie angehört.

Die Gelder für diesen Verband kommen von einer angeblichen Interessenvertretung der Konsumenten mit Sitz in den USA.
Diese Interessenvertretung von Konsumenten wird jedoch Maßgeblich durch einen Konzern mit erzkonservativen Interessen gesponsert. Sie tritt vor allem für einen radikalen Marktliberalismus ein.

Die Eröffnungsfeierlichkeit für den europäischen Ableger dieser Interessensvertretung wird durch Japan Tobacco finanziert. Auf der Homepage bedankt sie sich für die Unterstützung in diesem Bereich bei British American Tobacco. Der Konzern, der wiederum dafür bekannt ist, dass er sich massiv in dem Markt der E-Zigarette engagiert und Mitglied mehrerer Verbände ist.

Als Mitglieder werden Verbände aus den ärmsten afrikanischen Ländern gewonnen. Sowie Organisationen, von denen nicht einmal klar ist, ob es Konsumentenverbände sind. Sowie einige Verbände aus Südamerika, von denen einige nur auf dem Papier zu existieren scheinen.

Und als Juwel der Krone ernennt man einen angesehenen, bekannten und renommierten Wissenschaftler zum wissenschaftlichen Berater. Der dann auch ein Video Statement für den Verband macht, das man auf Social Media veröffentlicht.

Es fällt schwer, das alles mit dem Bild von Grasroot oder einem Konsumentenverband in Übereinstimmung zu bringen.


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Joey Hoffmann

Joey Hoffmann

Begründer und inhaltlich Verantwortlicher bei vapers.guru
Freier Redakteur, zuvor angestellter und selbstständiger Marketingberater und Mediengestalter, Fachbereich Facebook und Wordpress. Mitglied des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes und des Bündnis für Tabakfreien Genuss.
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