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Kundgebung des VdeH in Berlin

Und dafür die Zankerei?

Ich weiß nicht, was ich berichten soll. Ich weiß nicht einmal, was ich schreiben soll.
Ich kann nicht einmal vermitteln, wie sprach- und ratlos ich bin.

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Nach der Vorgeschichte in den vergangenen Tagen muss ich etwas zu der Aktion des VdeH veröffentlichen. Eigentlich hatte ich einen neutralen Nachrichtenbeitrag vorbereitet.

Tief in mir drin bin ich offenbar ein Mädchen. Mein Instinkt will trösten und beschwichtigen. Und ein Pony. Während mein Hirn schreit: „Hau drauf! Du kannst sie nicht vor sich selber retten! Sie wollten es doch so!“
Ich bin völlig überfordert. Kognitive Dissonanz nennt man sowas.

Ich mache jetzt mal Gonzo-Blogger. Ich erzähle einfach mal subjektiv, nachdem ich den Live Stream von der Aktion des VdeH gesehen habe.

Die Evolution einer Kundgebungswahrnehmung

Der Händlerverband VdeH hat soeben seine angekündigte Kundgebung am Reichstag abgehalten, anlässlich der geplanten Liquidsteuer.

Der durch das Finanzministerium unter dem SPD Kanzlerkandidaten Olaf Scholz vertretene Gesetzesentwurf soll am Donnerstag in der ersten Lesung ins Parlament eingebracht werden. Das nahm der Verband des eZigarettenhandels zum Anlass, eine Aktion am Reichstag zu planen.

Aufmerksam wurde ich durch einen Aufruf eines Mitglieds des VdeH.
Am 9. April rief der Veranstalter der Hall of Vape auf seiner Facebook Fanpage Dampfer dazu auf, Videos einzuschicken, in denen sie ihre Meinung zu der geplanten Liquidsteuer darlegen. Social-Media-wirksam über den Facebook Messenger, per WhatsApp oder per Mail. Für die Seriosität hätte noch Telegram gefehlt.

Für sowas ist meiner Meinung nach notwendig, den Menschen sehr klar mitzuteilen, wer diese Videos bekommen soll. Denn juristisch gibt man damit seine Eigenbestimmung de facto ab, die Rechte hat dann jemand anderer.
Das habe ich kurz nach dem Aufruf öffentlich in der Facebook Gruppe von VAPERS.GURU kritisiert und dazu aufgerufen, keine Videos zu schicken.

Später erklärte die Hall of Vape dann in einem Kommentar, dass die eingesendeten Videos für einen Videobeitrag auf einer Kundgebung verwendet und Politikern und Pressevertretern zur Verfügung gestellt würden. Erst am Ende wurde erwähnt, dass die Kundgebung vom Händlerverband VdeH organisiert würde.
Die von mir kritisierten Probleme, vor allem wer damit die Rechte erhält und was überhaupt wo veröffentlicht werden soll, waren damit nicht beantwortet.

Alleine dafür wurde ich bereits angefeindet. Was mich allerdings kalt lässt. Weil die Datensicherheit und die digitale Selbstbestimmung für mich weit wichtiger sind, als es die E-Zigarette jemals sein könnte.
Die Hall of Vape war immer meine „Hausmesse“, ich habe sie immer supportet und sogar schon Reisen dorthin (auf eigene Kosten!) ausgespielt. Wer sachliche Kritik nicht versteht, mit dem kann ich auch nicht diskutieren.

Veranstaltung durch einen Händlerverband

Am 17. April, also nur wenige Tage vor der Aktion und über eine Woche nach dem Aufruf der HoV, wurden dann genauere Informationen veröffentlicht. Aber wieder nicht durch den VdeH, sondern über das ihm nahestehende Dampfer-Magazin.
Der VdeH bringe Wissenschaftler und Konsumenten direkt vor den Reichstag, stand dort vollmundig zu lesen.

In einer Info-Veranstaltung wolle der VdeH einen Tag vor der ersten Lesung des Gesetzes im Bundestag eine Kundgebung starten. Bei dieser Aktion solle ein „Hydroshield“ über der Spree installiert werden und von einem „riesigen Hydrobeamer“ aus die Videobotschaft verteilt werden.

Der Begriff des „Hydroshield“ und erst recht des „Hydrobeamers“ ist mir unbekannt. Allerdings kenne ich so genannte Waterscreens.
Die Ankündigung war beeindruckend. Die Waterscreen sollte Maße von 20 x 35 Metern haben.
So steht es bis heute auf der Homepage des VdeH zu lesen.

Natürlich habe ich am gleichen Tag eine Kurzmeldung dazu veröffentlicht. In der ich eher beiläufig im letzten Absatz schrieb „Nichts sagt beeindruckender „von Tabakkonzernen bezahlt“, als eine riesige Wasserleinwand am Reichstag.“ Denn Mitglied und Hauptsponsor des VdeH ist der Tabakkonzern British American Tobacco. Und die Politiker, die angeblich Adressaten sein sollten, wissen das.

20 x 35 Meter

Meine Reaktion ist durchaus erklärlich, wie ich finde. Denn eine Projektionsfläche von 20 x 35 Metern wäre gigantisch. Sie würde die Höhe des Reichstages bis fast zum ersten Dach (Dachtraufe) erreichen.

Durch eine private Frage kam mir der Gedanke, dass viele nicht abschätzen können, wie riesig das ist. Also habe ich mir den Spaß gemacht, und die Fläche einmal proportional in Fotos des Reichstags gesetzt. Dieses Bild hatte ich nur als Gag in der Facebook Gruppe von VAPERS.GURU veröffentlicht.

Volle Auflösung und andere Perspektive auf Klick. (JPG, 2MB)

Aufgrund der vollmundigen Ankündigung musste ich also davon ausgehen, dass so etwas nur mit einem enormen Aufwand zu bewerkstelligen ist. Denn die kleinen Lösungen, die man für wenige tausend Euro für Messen mieten kann, sind alle Indoor. Hier sollte aber laut Ankündigung eine riesige Fläche über der Spree bespielt werden. Und somit musste sie auch beschallt werden. Was wieder weitere Kosten für eine Sound Anlage bedeutet hätte.

Leider habe ich mich zu der lapidaren Formulierung hinreißen lassen, dass eine solche Aktion locker tief in den fünfstelligen Bereich geht. Auch dass ich meinen Zusatz „eher in den sechsstelligen Bereich“ gelöscht hatte, half wenig.

Es war deshalb ein Fehler, weil es ein Argumentationsfeld öffnete. Denjenigen, die die Aktion klasse fanden. Und dem VdeH, das herunterzuspielen. Denn so konnten sie über die Kosten diskutieren, anstatt über meine tatsächliche Kritik. Nämlich, dass eine solche Gigantomanie völlig über die Stränge schlägt, politisch wirkungslos bleibt und von einem Verband mit einem Tabakmulti als Mitglied als Astroturf der Tabakindustrie interpretiert würde.



Irgendetwas zwischen Fremdscham, Mitleid und Wut

Nun ist die „Kundgebung“ gelaufen. Und ich sitze hier und weiß nicht, was ich dazu schreiben soll.
Es war wie ein Verkehrsunfall: Grauenvoll, aber man kann nicht weggucken. Irgendetwas zwischen Fremdscham, Mitleid und Wut.

Die Zuschauer während der Präsentation. (Screenshot Live Stream Steamshots)

Der meines Wissens nach einzige Live-Stream dazu kam von Thomas „Steamshots“ Frohnert, der vom VdeH eingeladen wurde. Ohne die Veröffentlichungen der Hall of Vape, von Thomas Frohnert und von mir (ich Idiot) wüsste innerhalb der Blase kaum einer etwas davon.

Aber Konsumenten sind ja nicht der Adressat einer solchen politischen Kundgebung. Sie sind ja nur schmückendes Beiwerk. Es sollen Politiker und Journalisten erreicht werden. Es soll etwas Berichtenswertes geschaffen werden.

Und für die Ausgangssperre kann der VdeH ja auch nichts. Umso weniger dafür, dass kurz zuvor noch irgendwelche Querdenker aus dem Regierungsviertel gescheucht werden mussten und vieles weiträumig abgesperrt war.

Nur dass dann tatsächlich so gar keiner da war, war sicher nicht nur für mich überraschend. Und ich meine gar keiner. Keiner. Soll ich es nochmal sagen? Keiner.
Ein umherlaufender FDP Mann wurde gesichtet. Und das Team vom Aufbau.
Das ist auch mit Corona Demo und Ausgangssperre nicht mehr zu erklären. Und selbst ein Aufmacher in einem großen Medium in den nächsten Tagen reißt das nicht mehr raus.

Das ist kein Scherz: Ich saß hier erstmal mit offenem Mund vorm Monitor. Und wer den Mund aufhat, hat keinen Platz mehr für Gehässigkeit oder Schadenfreude. Das passt nicht mehr ins Nervensystem.

Wie die Vollidioten im Kino sind Passanten gelangweilt-desinteressiert durch die Projektion gelaufen. Und gefahren. Mit Fahrradhelm.
Ja.
Mit Fahrradhelm.
Über dieses Niveau sprechen wir.

Bei den Bässen kann die Nadel springen

Aus einer Projektionsfläche „über der Spree“ war eine Projektionsfläche „neben der Spree“ geworden. Aus 20 x 35 Metern waren höchsten 5 x 9 Meter geworden. Aus einer Waterscreen mit „Hydrobeamer“ eine aufblasbare, mobile Projektionsfläche.

Not a single fuck was given: Passanten bei der Präsentation. (Symbolbild)

Aus den Beiträgen von Wissenschaftlern sind Beiträge aus Filmen geworden, die längst öffentlich zugänglich sind. Und ich gönne dem VdeH wirklich nicht, dass der Sender Phoenix Copyright geltend macht. Für die Ausschnitte aus der vergangenen Anhörung, die einen Großteil der Videoeinspielung ausgemacht haben.

Aus Video Beiträgen von Konsumenten sind Ausschnitte aus einem öffentlich zugänglichen Film auf YouTube geworden. Das alles wurde zusammengeschustert. Recycling ist in.

Und welcher Vollprofi stellt bitte einen Strahler aus Sicht des Zuschauers hinter das Rednerpult? Jetpiloten kommen aus der Sonne, um nicht gesehen zu werden. Was stimmt denn mit Euch nicht?
Mal davon abgesehen, dass mir jemand mal den Sinn der etwa 20cm hohen Bühne erklären müsste. Federung, damit die Nadeln nicht von den eigenen Bässen springen, dürfte es nicht gewesen sein. Und damit die hinteren Reihen etwas sehen können ja auch nicht. Es gab keine hinteren Reihen. Es gab ja nicht mal eine erste Reihe.

Für einen Monty Python Sketch fehlte nur noch einer mit Chullo und einem Schild „Ich will mein Fischbrötchen“. Oder „Ich kann nicht so lange, Game of Thrones kommt um 10“.
Was soll man den da noch ernsthaft zu sagen?

Nein, sorry, sowas kann auch mal so schlecht laufen, dass kein noch so wohlwollender Redakteur da noch etwas draus machen kann. Und ein guter Schreiber kann Scheiße in Puderzucker wälzen und als Donut verkaufen.
Nach einer Pressemeldung ist bisher lediglich eine lustlose Meldung in den Finanznachrichten erschienen, inklusive Absatzfehler. Autor nicht genannt. In der von einer 120m² Leinwand gesprochen wird. (Zwingt mich nicht es abzumessen. Ich bin ehemaliger Luftbildauswerter.)

Einfach mal nüchtern betrachten

Ich möchte auch wirklich niemanden persönlich angreifen. Aber ich habe Vorlesungen in biologischen Grundlagen der Hirnfunktion gehört, die mitreißender waren, als dieser Vortrag.

Ich kann ja nachfühlen, wie so etwas zu Stande kommt.
Irgendwer kommt auf eine vermeintlich geile Idee. Und dann redet man sich gegenseitig heiß. Keiner sagt mehr „Moment“, das ist Sozialpsychologie. Man ist ganz besoffen von der eigenen Kreativität. Man kündigt große Dinge an. Und am Ende steht dann ein armer Mensch da und muss den Kopf reinhalten. Vor einer großen, aufgeblasenen Luftmatratze, auf der zusammengeschnittene YouTube Videos abgespielt werden. In der Kälte des Regierungsviertels muss er sich bei Zuhörern bedanken, die gar nicht da sind. Wie der amerikanische Präsident, der beim Einsteigen in den Helikopter immer winkt. Obwohl jeder weiß, dass da keiner ist, dem er winkt.

YouTube Videos von Konsumenten werden abgespielt. (Screenshot Live Stream Steamshots)

Andererseits denke ich mir, dass es doch genau diese Menschen sind, die mit dem Multimilliarden-Tabak-Konzern kooperieren und sich ein fürstliches Gehalt auszahlen lassen. Sie rühren ja vorher die Werbetrommel und kündigen vollmundig an.

Dann denke ich wieder an die Konsumenten. Die das in der Kommentarspalte live für eine „geile Aktion“ halten. Und ernsthaft nachfragen, ob Thomas Frohnert auch eine Rede hält.
Und ich denke an die kleinen Unternehmen, die dem VdeH Mitgliedsbeiträge zahlen. Und einfach nur hoffen, dass die Kohle von British American Tobacco ihnen irgendwie weiterhilft. Wofür ich völliges Verständnis habe.
Die in ihrer Hoffnung vielleicht die Distanz verlieren, das nüchtern zu betrachten.

Glaubt mir einfach nichts

Das war es? Das war die groß angekündigte Aktion am Reichstag? Dafür das Gezanke vorher?

Ein Mensch in Turnschuhen, der vor einer „riesigen“ Luftmatratze eine ellenlangen Vortag vorliest, unterbrochen von YouTube Videos? Während Passanten mit Fahrradhelm durchfahren?
Das soll die professionelle Präsentation der Tobacco Harm Reduction für Millionen Menschen in Deutschland sein? Und dass finden einige toll?
Ich habe Nagelstudios gesehen, die besser präsentiert wurden.

Aufgrund der nicht zu erwartenden politischen Wirkung habe ich das als VdeH Aktion gewertet. Für den VdeH. Als PR Aktion, die mehr in die Branche strahlt als nach außen.
Hätte ich das so kommen sehen, ich Naivling, hätte ich kein Wort darüber verloren. Ich möchte da auch nicht mehr drüber sprechen. Es wird mir eine Lehre sein.

Glaubt mir einfach nichts. Glaubt nichts von dem, was ich schreibe.
Schaut es Euch selber an. Ich verlinke Euch widerwillig den Live Stream. (Link unten)

Meinen Kritikern muss ich aber Recht geben: Sowas kostet sicher nicht tief fünfstellig. Das nehme ich offiziell zurück.


Stream auf Twitch: https://www.twitch.tv/videos/995735169

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Joey Hoffmann

Joey Hoffmann

Begründer und inhaltlich Verantwortlicher bei vapers.guru
Freier Redakteur, zuvor angestellter und selbstständiger Marketingberater und Mediengestalter, Fachbereich Facebook und Wordpress. Mitglied des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes und des Bündnis für Tabakfreien Genuss.