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Was ich gegen die Tabakindustrie habe

Schwarz und weiß und viel dazwischen

Ich habe eine sehr differenzierte und pragmatische Einstellung zur Beteiligung der Tabakindustrie an der E-Zigarette.

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Viele Diskussionen der vergangenen Wochen haben mir gezeigt, dass sie erklärungswürdig ist. Denn niemand liest dutzende Artikel auf VAPERS.GURU, um sich ein umfassendes Bild meiner Perspektive zu machen. (Auch wenn das selbstverständlich jeder sollte!)

Daher möchte ich das einmal kompakt klarstellen und zusammenfassen. Auch, um mir spätere Debatten zu ersparen und einen Link kopieren zu können.

tl;dr:
Ich lehne die Beteiligung der Tabakindustrie in der politischen Diskussion um die E-Zigarette ab. Und ich lehne es ab, dass die Branche der E-Zigarette sich vereinnahmen lässt.

Das hat einen sehr einfachen Grund.

BigT, E-Zigarette und die Politik

Was mich daran stört ist ausschließlich, dass Politiker die Kommunikation mit der Tabakindustrie ablehnen.
Nichts anderes. Keine moralischen Motive, keine Entrüstung.

Wenn Menschen über Jahrzehnte hinweg schädliche Glimmstängel konsumieren, sind sie es selber schuld. Niemand anders. Und das schließt mich selber ein.
McDonalds ist auch nicht dafür verantwortlich, wenn Menschen fett werden. Es ist ein Unternehmen, das Burger verkauft. Bestellt jemand acht Burger im Sparmenü, dann verkaufen sie es einem.

Ein Unternehmen will Umsatz machen. Das ist der Zweck eines Unternehmens.
Es ist Aufgabe der Politik, es im Zaume zu halten. Und Aufgabe der Kunden, selbstbestimmt darüber zu entscheiden, ob sie dem Unternehmen ihr Geld geben. Und ob sie acht Burger fressen sollten.

Offenbar unterschätzen sehr viele innerhalb dieser Branche – Konsumenten wie Unternehmer – wie abschreckend auch nur die Nähe zur Tabakindustrie für Politiker ist. So etwas verschließt Türen in Berlin, in Ämtern und in den Landeshauptstädten. Und bei Journalisten.
Mir sind zwei Redaktionen deutscher Medien bekannt, die a priori nichts Positives über die E-Zigarette berichten. Die Sprechen nicht einmal mit einem.

Deshalb ist die E-Zigarette, sind die Unternehmen, Konsumenten und Verbände, meiner Meinung nach gut beraten, sich in der politischen Diskussion möglichst weit und deutlich von der Tabakindustrie zu distanzieren.

BigT, E-Zigarette und die Öffentlichkeit

Gegenüber der Öffentlichkeit ist das wieder ein völlig anderes Thema. Die meisten Konsumenten und Umsteigern interessiert es nicht, wer ihre E-Zigarette herstellt.
Es sind viele Unternehmen bekannt, die mit der Tabakindustrie kooperieren oder sogar von ihr gekauft wurden. Ich habe noch nie davon gehört, dass deren Umsätze deshalb gelitten hätten. Trotzdem berichte ich darüber, weil es mein Job ist.

Innerhalb der online aktiven Dampferblase gibt es eine breite Ablehnung gegenüber der Tabakindustrie. Was ich nicht so recht nachvollziehen kann. Weil es die Mehrheit der Dampferinnen und Dampfer nicht nur nicht zu stören scheint, sondern gar nicht weiter interessiert.
Ich nehme an, da spielen zwei Faktoren eine Rolle.

Zum einen der Erhalt eines Selbstwertgefühls der Dampfer. Denn indem man die Tabakindustrie verteufelt, muss man sich selber nicht eingestehen, dass man lange Zeit ziemlich bescheuert war. Oder erst bescheuert, dann abhängig.
Zum anderen hält sich bis heute hartnäckig das Bild der Tabakindustrie, die der E-Zigarette schaden will. Vor allem befeuert durch Untergangspropheten der ersten Jahre, als die Dampfe populär wurde. Und als die Tabakindustrie noch nicht spürbar in den Markt eingestiegen ist. Es ist ja auch die naheliegendste und scheinbar plausibelste Erklärung.
Seitdem ich VAPERS.GURU betreibe, versuche ich dieses Bild zu widerlegen. (Link unten)

Die Tabakindustrie versucht selber, in diesen Markt der gesundheitsbewussten Konsumenten Fuß zu fassen. Das war absehbar. Und inzwischen haben alle großen Tabakkonzerne, die so genannten Big 5, eigene Harm Reduction Lösungen am Markt.



BigT, E-Zigarette und die Wissenschaft

Der Wissenschaft ist es vollkommen egal, wer was herstellt. Oder wer welche Studien durchführt.
Zumindest der seriösen Wissenschaft.
Es gibt immer wieder versuche, Studien der Tabakindustrie zu diskreditieren. Oder ihnen eine Nähe zu unterstellen. Was ich genauso schlimm finde. Viele Wissenschaftler lehnen solche Studien ab, ohne sie gelesen zu haben.

Denn die Tabakindustrie hat unfassbar viel Geld. Sie kann sich Dinge leisten, von denen andere Unternehmen, Ämter und Universitäten nur träumen können. Ich selber konnte mir ein Forschungszentrum anschauen, begleitet von einem befreundeten Arzt. Es ist gigantisch.

Und man sollte eines nicht vergessen: Würde ein Tabakkonzern Unfug veröffentlichen, würde er in der Luft zerrissen werden. Moralapostel und Gegner der Harm Reduction würden noch in Jahrzehnten alte Studien aus dem Hut zaubern, um die Tabakindustrie anzugreifen.

Aus wissenschaftlicher Sicht sind E-Zigaretten von Tabakkonzernen nicht besser oder schlechter als E-Zigaretten von chinesischen Produzenten oder europäischen Manufakturen.

BigT, E-Zigarette und die Wirtschaft

Geht es um die Wirtschaft, muss man die Beteiligung der Tabakindustrie am Markt der E-Zigarette wieder völlig anders beurteilen.

Tabakkonzerne machen das, was Tabakkonzerne können. Am hart umkämpften Zigarettenmarkt geht es nicht mehr um Zuwächse, sondern darum anderen Konzernen ein paar Promille abjagen zu können. Deshalb setzen Tabakkonzerne auf Kundenbindung. Nur 20 Prozent aller Raucher wechseln im Leben die Zigarettenmarke.

Und genau das versuchen Tabakkonzerne bei der E-Zigarette umzusetzen. Deshalb bringen sie eigene Systeme mit vorbefüllten Pods heraus. Ein Tabakkonzern käme nie auf die Idee, offene Systeme zu produzieren. Das widerspräche völlig allem, was sie seit über 100 Jahren tun. Ein Hersteller von Tiefkühlpizza bringt auch nicht plötzlich Mehl oder Gemüse zum selber belegen heraus. Es macht keinen Sinn.

Deshalb läuft das Ziel der Tabakindustrie der Idee eines vielfältigen Marktes fundamental entgegen. Was ein weiterer Grund ist, warum Verbände sich meiner Meinung nach von der Tabakindustrie möglichst fernhalten sollten. Das Ziel der Tabakindustrie widerspricht dem Ziel vieler ihrer Mitgleider aus der Branche.

Sicher ist ein freier, vielfältiger Markt besser für Konsumenten. Es ist besser für die Tobacco Harm Reduction. Es steigert die Chance, Raucher abholen zu können.
Aber es ist keineswegs sicher, dass dafür geschlossene Systeme besser sind, weil sie anwenderfreundlicher sind und man sie an jedem Kiosk bekommt. Oder ob offene Systeme durch ein vielfältigeres Angebot besser sind.

Deshalb sehe ich das entspannt. Der Markt wird das weitestgehend selber regeln.
Weshalb ich auch das Gejammer einiger Hardcore-Dampfer nicht verstehe, die offenbar nur diejenigen für „echte“ Dampfer halten, die Nebelschwaden ausstoßen und mindestens zwei Akkus im Träger haben. Irgendwer scheint diese Convenience Produkte ja zu kaufen.

Ich bin auch deshalb sehr entspannt, weil ich selber ja kein Händler bin. Meine Aufgabe kann also höchstens sein, darüber zu berichten und zu informieren. Wenn die Unternehmer dann trotzdem in ihr vermeintliches Unglück laufen, dann kann mir das ziemlich egal sein. Ich bin nur der Passant, der im Vorbeigehen Kinder toben sieht und sich denkt „Gleich heult wieder einer“.

BigT, E-Zigarette und das Astroturfing

Was ich persönlich so gar nicht leiden kann, ist Astroturfing. Wenn also Unternehmen versuchen, gezielt und geplant den Eindruck einer Graswurzelbewegung oder eines „organischen“ Wachstums vorzutäuschen.

Beispiele dafür wären British American Tobacco, das sich strategisch in Verbände einkauft und eine Ladenkette übernimmt, die Verluste macht. Oder die Gründung eines weltweiten Konsumentenverbandes, der tatsächlich aber durch eine millionenschwere Lobby Agentur befeuert wird.

Aber meine persönliche Abwehrhaltung hat gar nichts mit Tabakindustrie und E-Zigaretten zu tun. Ich halte so etwas grundsätzlich für unehrlich, da sträubt sich etwas moralisch in mir.
Ein schönes Beispiel ist auch der Pharmariese Novartis, der über eine Agentur den Wissenschaftlichen Aktionskreis Tabakentwöhnung hat gründen lassen. In dem u.a. die bekannte Harm Reduction Gegnerin Dr. Pötschke-Langer Mitglied ist. Das ist zwar nicht wirklich Astroturfing. Aber ich denke, es wird klar, was ich meine.

Auch da beschränkt sich meine Aufgabe höchstens darauf, zu informieren. Ich bin ja nicht naiv, sowas hat es immer gegeben und wird es immer geben. Wäre das mein Job, ich würde es genauso machen.

BigT, E-Zigarette und VAPERS.GURU

Wer mir nun unterstellen will, ich würde mit verschiedenem Maß messen oder mit Pathos und Aktionismus irgendetwas verteufeln, dem kann ich das nicht besser erklären. Meine Einstellung hat sich nie geändert. Sie ist nur differenzierter als schwarz und weiß. Wie bei vielen Dingen im Leben.

Mir ist vollkommen bewusst, dass ich deshalb von allen Seiten angegriffen werde. Aber das ist nun einmal mein Job.
Diejenigen, die die Tabakindustrie verteufeln, finden meinen Pragmatismus scheiße. Und diejenigen, die sich bei BigT anbiedern oder glauben, das dicke Geld könnte etwas ändern, schimpfen natürlich auch.

Ich gehöre nicht zu denen, die alles ablehnen oder alles gutheißen. Das meiste ist mir sogar überraschend egal.

Nur nach sechs Jahren habe ich auch keine Lust mehr, ständig Diskussionen zu führen. In denen ich häufig erstmal meine Position klarstellen muss.
Aber dafür habe ich ja demnächst diesen Artikel zum Verlinken. *swinkersmiley


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Joey Hoffmann

Joey Hoffmann

Begründer und inhaltlich Verantwortlicher bei vapers.guru
Freier Redakteur, zuvor angestellter und selbstständiger Marketingberater und Mediengestalter, Fachbereich Facebook und Wordpress. Mitglied des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes und des Bündnis für Tabakfreien Genuss.
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