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Offener Brief an eine Rauchentwöhnerin

Gezielte Desinformation unter dem Deckmantel der Ärztin

Verehrte Frau Dr. Karin Vitzthum,

ich war über Ihr Interview, das am vergangenen Donnerstag auf Spiegel Online erschienen ist, sehr überrascht.

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Nicht darüber, wie bedenkenlos Sie Werbung für Ihr Unternehmen machen. In einem vermeintlich sachlichen Interview, das sehr wie eine Auftragsarbeit wirkt. Durch den Kulturjournalisten Arno Frank.

Auch nicht darüber, wie selbstverständlich Sie dabei das rhetorische Schild der Ärztin und Heilerin vor sich halten. Das ist mir nach nun über sechs Jahren als Blogger und Fachjournalist im Bereich der Tobacco Harm Reduction gut bekannt.

Ich war überrascht, mit welcher selbstbewussten Leichtfüßigkeit Sie Fehlinformationen verbreiten. Und hoch angesehenen Kollegen widersprechen.

Aber gehen wir das einmal gemeinsam durch. Um dem geneigten Leser in die Lage zu versetzen, ihre Verzerrungen selber zu beurteilen.

Fachkompetenz und Philip Morris

Als Einstieg erklärt Arno Frank, der Tabakkonzern Philip Morris hätte Ihrer Klinik Hilfe bei der Rauchentwöhnung angeboten. Er wollte über risikoreduzierte Alternativen aufklären.
Ich nehme an, das war der aktuelle Aufhänger für das Interview. Das ansonsten zu jedem anderen Zeitpunkt hätte veröffentlicht werden können. Anlasslosigkeit ist ein typisches Merkmal für Content Marketing.

Das Interview auf Spiegel Online (Paywall, Foto: Screenshot)

Sie hätten dieses „absurde Angebot eindeutig zurückgewiesen“. Was daran absurd ist, bleiben sie schuldig.
In jedem Fall war es ein guter Anlass, um Ihr „Institut für Tabakentwöhnung und Raucherprävention“ zu nennen. Bei dem Sie laut Homepage Ihres Arbeitgebers, der „Vivantes – Netzwerk für Gesundheit GmbH“ (1,29 Mrd. Umsatz 2019), die einzige erwähnenswerte Mitarbeiterin sind.

Und so fragt Frank sie, ob „E-Zigaretten“, wie der Konzern sie bewerbe, Ihnen nicht bei Ihrer Arbeit helfen könnten.
Und da hätte ich bereits eine Einordnung von jemandem erwartet, der sich professionell mit Rauchentwöhnung beschäftigt. Denn Philip Morris stellt keine E-Zigaretten her. Er stellt einen Tabakerhitzer her, was ein gravierender Unterschied ist.
Und das mit dem „Bewerben“ ist auch schwierig, weil es ein ziemlich umfassendes Werbeverbot gibt. Aber sei’s drum.

Völlig ohne Zusammenhang verneinen Sie die mögliche Hilfe, mit dem Hinweis auf „Light Zigaretten“. Das wäre „der Vorläufer zu dieser neuen Strategie“. Was natürlich ein Framing ist.
Denn als Ärztin in diesem Bereich wissen sie selbstverständlich, dass Light Zigaretten den Effekt haben, dass Raucher durch den geringeren Nikotingehalt mehr rauchen und dadurch mehr Schadstoffe zu sich nehmen. Was aber bei der E-Zigarette nicht der Fall ist, zumal man die Nikotinstärke variabel selber bestimmen kann. Und diese unabhängig von der Schadstoffbelastung ist. Denn Nikotin ist ja nicht das primäre Problem, sondern die Verbrennungsstoffe. Wie Sie ebenfalls wissen.

Die Mär von den Tabakkonzernen

Auf die nächste „Frage“ geben Sie dann an, Konzerne hätten sich eine neue Strategie überlegt, um den sinkenden Raucherzahlen entgegen zu wirken.

Dieses Narrativ wird von Medien und Menschen wie Ihnen gerne fälschlich kolportiert. Es ist so schön eingängig.
Tatsächlich ist die E-Zigarette eine Technologie, die in einer Grassroot Bewegung – auch durch Konsumenten – entwickelt wurde. Über 90 Prozent des Marktes werden von kleinen und mittelständigen Betrieben beherrscht. Die Geräte kommen meist aus Unternehmen in der Technologiehauptstadt Shenzhen bei Hongkong, die Nachfüllflüssigkeiten werden fast ausschließlich in Deutschland produziert.

Tabakkonzerne wie British American Tobacco oder Imperial Brands bzw. Reemtsma steigen erst seit ein paar Jahren in diesen Markt ein. Hauptsächlich durch Aufkauf von dem, was bereits da ist. Deshalb sind deren Produkte aber nicht besser oder schlimmer.

Nein, die E-Zigarette ist keine Idee der Tabakkonzerne, um weiter Süchtige zu züchten. Wie Sie implizieren. Sie ist nämlich nicht einmal eine Idee der Tabakkonzerne.

„Nur sehr wenige Studienergebnisse“

Immerhin, so stellt Frank richtig fest, fehlen bei der E-Zigarette die schädlichen Verbrennungsstoffe.
Dieses alles entscheidende Argument kontern Sie mit der Behauptung, es lägen nur „sehr wenige“ Studien dazu vor. Und was es gäbe, sei meist von der Tabakindustrie bezahlt und daher „eher Marketing und keine Wissenschaft“.

Damit ignorieren Sie nicht nur hunderte, eigentlich tausende Studien, die es weltweit inzwischen dazu gibt. Von unabhängigen Organisationen und Universitäten. Hajek, Polosa, Bauld, alles mit einem Nebensatz vom Tisch gefegt. PennState, Queen Mary University London, die staatliche Gesundheitsbehörde Public Health England… man muss Ihnen schon glauben, dass das alles nicht stattgefunden hat.

Was mich dabei viel mehr überrascht ist der Lakonismus, mit dem Sie sich eigentlich selber widersprechen. Denn ich habe im Studium gelernt, dass man Studien vor allem nach ihrem Inhalt beurteilen sollte.

Zumal es fast amüsant ist zu glauben, die Tabakkonzerne – die weit mehr finanzielle Mittel haben als alle Universitäten zusammen – wären so dusselig, getürkte Ergebnisse zu veröffentlichen. Meiner Erfahrung nach tun das eher Harm Reduction Gegner wie Stanton Glantz, dessen Arbeiten regelmäßig zerrissen und sogar zurückgezogen wurden.

Dass Sie sich damit ein argumentatives Bein stellen, zeigt sich an der Logik dahinter. Denn damit diskreditieren Sie die Studien von den Einen und befürworten Studien von anderen. Und genau das ist es, was tatsächlich „nicht wissenschaftlich ist“.

Denn selbstverständlich wissen Sie, dass das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte BfArM von jedem Pharmakonzern Studien zu seinen Produkten verlangt. Die scheinen für Sie kein „Marketing“ zu sein. Und die Nachweise, welche die US-amerikanische FDA zu E-Zigaretten verlangt, dürften auch keine sein. Aber die vergleichsweise wenigen von Philip Morris zu seiner IQOS sind anrüchig.

Tatsächlich ist mir nicht eine einzige Studie zur E-Zigarette (nicht Tabakerhitzer) bekannt, die von Tabakkonzernen finanziert worden wäre. Nicht eine. Auch nicht von der Industrie, denn die haben dafür gar kein Geld.

Und wieder: Langzeitstudien

Ebenso wissen Sie als Doktorin sehr gut, dass nichts nachgewiesen werden kann, was nicht da ist. Man kann eine Unschädlichkeit nicht wissenschaftlich beweisen. Ihre Forderung nach Langzeitstudien, die von allen Harm Reduction Gegnern immer wieder heruntergebetet wird, ist also ein Scheinargument. Sie können es noch Jahrzehnte anbringen.
Und ja, es sind krebserregende Substanzen in E-Zigaretten enthalten. Aber das sind sie auch im Trinkwasser. Die Frage ist also die Dosis. Auch das wissen Sie sehr genau.

Und ja, selbstverständlich wird mit dem Konsum die Verhaltensweise aufrechterhalten, worauf Sie hinweisen. (Auch wenn es sich sicher lohnen würde, sich das tatsächliche Suchtverhalten einmal genauer anzuschauen.)
Das ist ja der Sinn von Harm Reduction. Eine weniger schädliche Alternative anzubieten.

Auch der Gateway Effekt, den Sie erwartungsgemäß noch einstreuen, ist inzwischen wissenschaftlich und unabhängig widerlegt.
Je nach Befragung waren etwa 97 bis 99 Prozent aller regelmäßigen Konsumenten von E-Zigaretten vorher Raucher. Und der Rest sind auch nicht alles nikotinnaive und „verführte“ Jugendliche. Die machen laut Studie der Universität Sterling (Linda Bauld, 60.000 Schüler) unter 0,5 Prozent aller Jugendlichen aus. Und die Mehrheit davon hat zuvor ebenfalls geraucht.
Ähnliche Zahlen gibt es inzwischen aus den USA, vom Bundesamt für Risikobewertung BfR und in der DEBRA Studie aus Düsseldorf.

„Ärzte sollen gesundmachen“

Und dann spielen Sie die Ärztekarte. Ärzte sollen ja heilen, und nicht „nur“ weniger krank machen. Mehr Verzerrung passt kaum in eine Aussage.
In den seltensten Fällen heilt ein Arzt überhaupt. Sondern er unterstützt die Selbstheilung. Gips beim Knochenbruch, Naht bei der Platzwunde, Aspirin bei Kopfschmerzen… Nichts davon heilt. Häufig bekämpft der Arzt nur Symptome.

Dr. Karin Vitzthum, Institut für Tabakentwöhnung und Raucherprävention, Vivantes Klinik Neukölln (Foto: Screenshot)

Sie heilen keine Patienten in der Rauchentwöhnung. Denn sonst würden Sie COPD, Schlaganfälle und Lungenkrebs behandeln. Sie betreiben Prävention. Sinnvoll, nötig, aber eben kein „Heilen“.
Zumal 80 Prozent der Raucher gar nicht aufhören wollen. Erst wenn der Leidensdruck zu groß wird und sich erste Zipperlein in der Lunge oder im Geldbeutel zeigen, denken Raucher darüber nach.

Und natürlich bringen Sie als kleine Schattierung auf dem von Ihnen gemalten Bild noch die „Verwicklungen“. Indem sie Dr. Henkler-Stephanie erwähnen, der gerade vom BfR zum BVTE gewechselt ist. Oder Derek Yacht, der als ehemaliger Direktor der WHO die Foundation For A Smokefree World leitet, was Sie als „PR-Veranstaltung von Philip Morris“ bezeichnen.
Die Sie beide nicht namentlich nennen. Kein Problem, mache ich gerne.

Als Psychologin kennen Sie den Begriff des Confirmation Bias. Sie picken sich das raus, was Ihr Bild bestätigt. Und ignorieren dabei alles andere. Und verkaufen das dann als Wissenschaftlichkeit.
Beispielsweise erzählen Sie genau das Gegenteil von dem, was Dr. Rüther erst am vergangenen Mittwoch bei der Anhörung des Finanzausschusses erzählt hat. (Link unten) Und der leitet nicht nur die Tabakambulanz der Ludwig-Maximilians-Universität München, sondern hat auch die S3 Leitlinien mitgeschrieben, sitzt im Vorstand des Wissenschaftlichen Arbeitskreis Tabakentwöhnung WAT (der übrigens vom Pharmariesen Novartis verdeckt gegründet wurde) und im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin DGS. Also ich hätte Probleme, dem eine Nähe zur Tabakindustrie zu unterstellen.
Aber er ist bei weitem nicht der Einzige, dem Sie widersprechen.

370,- Euro für 8 Sitzungen

Ich erspare es uns beiden und dem Leser, Ihre Aussagen weiter durchzugehen.

Eigentlich bin ich gerne konstruktiv. Mein erster Impuls beim Lesen Ihres Interviews wäre gewesen, Ihnen Informationsmaterial zukommen zu lassen.
Doch so widersprüchlich und moralinsauer, wie Sie Ihre Agenda argumentieren, ist mir innerhalb von wenigen Zeilen die Lust vergangen. Und mit jedem Satz verstärkte sich die Einsicht, dass das keine Unwissenheit sein kann. Eine Ihrer Antworten brachte dann die Erkenntnis.

Sie propagieren die Entwöhnung mit Medikamenten. Produkten der Pharmaindustrie. Und fänden es „ethisch“, diese zur Kassenleistung zu machen. Also genau das, wofür die Gegner der Harm Reduction wie das ABNR kämpfen. Deren Vorsitzende Pötschke-Langer Sie sicher persönlich kennen.
Der Hintergrund ist hinter dem Attribut der Heilerin überraschend banal.

Ein Kurs in ihrem Institut für Tabakentwöhnung und Raucherprävention mit acht Sitzungen in Neukölln kostet 370,- Euro. Bei nur zehn Teilnehmern ist das ein Stundenlohn von 308,30 Euro brutto. Die empfohlenen Nikotinpflaster gibt es in der hauseigenen Apotheke käuflich zu erwerben, zwischen 30,- und 50,- Euro pro Packung. (Nicorette oder Nikotinell, ca. 2,20 Euro pro Stück.)

Nun wissen Sie und ich aber, dass nur klägliche fünf Prozent aller Raucher überhaupt einen ernstzunehmenden Versuch der Entwöhnung unternehmen. Zusätzlich weiß man, dass Raucher etwa fünf bis sieben Anläufe bis zur lebenslangen Abstinenz brauchen. Sie können also eine Menge Geld verdienen.

Genauso hoch ist die Erfolgsquote bei Nikotinersatztherapien; wie Nikotinsprays, -pflastern und -kaugummis. Also unter dem Placebo Effekt. Was nichts anderes bedeutet, als dass die Wirkung wissenschaftlich nicht nachgewiesen ist.
In Verbindung mit einer Therapie steigt das zwar auf 20 Prozent. Aber die erreicht die E-Zigarette mit 19 Prozent und ohne Therapie eben auch. (Hajek et al., Cochrane)

Umsätze im dreistelligen Millionenbereich

Und das legt wiederum nahe, dass es beim Rauchen eben nicht nur um das Nikotin geht. Das nicht einmal krebserregend ist und von vielen Suchtforschern inzwischen irgendwo bei Coffein eingeordnet wird.
Schon 2014 benannte der gottgleich verehrte Suchtforscher Fagerström seinen Test um. Von „Test für Nikotinabhängigkeit“ in „Test für Zigarettenabhängigkeit“. Und da Sie den Test selber anwenden, werden Sie Fagerström sicher nicht „Marketing“ unterstellen wollen.

Nikotin ist selbstverständlich für die Entstehung einer Sucht (mit)verantwortlich. Aber eben nicht für das Ritual. Das wohl mehr einer Verhaltensabhängigkeit gleichkommt. Was immer deutlicher wird, umso mehr zu Nikotin in Abwesenheit zu Tabak geforscht wird. Was es vor diesen schadensminimierten Produkten wie E-Zigarette, Tabakerhitzer und Snus nicht gab. Da war Nikotin immer gleich Tabak.

Menschen in Ihrer Entwöhnungsindustrie winken in Deutschland Umsätze im dreistelligen Millionenbereich, wenn das zur Kassenleistung gemacht wird. Ein erster Schritt dazu soll ja noch vor der Bundestagswahl durchgedrückt werden.
Nicht dass wir uns nicht falsch verstehen: Dagegen habe ich ja eigentlich nichts. Nur sollte man bei den Fakten bleiben.
Wirtschaftsexperten schätzen den boomenden Markt der Nikotinersatztherapien in den kommenden Jahren weltweit auf über 20 Milliarden jährlich. Der Pharmariese Pfizer verdient mit seiner Entwöhnungs-Pille Champix jetzt bereits mehr als das Doppelte, als mit seinem bekanntesten Produkt Viagra. Und der Markt ist laut Pfizer nicht mal voll „erschlossen“.

Konkurrenz für Ihr Produkt

Deshalb sind E-Zigarette, Tabakerhitzer und Snus Konkurrenz für Ihr Produkt. Denn Ihre Kurse sind auch nur ein Produkt. Und deshalb argumentieren Sie, als hätte es die Entwicklung der Schadensminimierung nie gegeben. Sie argumentieren so 2005.

Deshalb argumentieren Sie gegen die E-Zigarette, als würde sie für sich in Anspruch nehmen, eine Hilfe zum Konsumstopp zu sein. Aber genau das soll und will die E-Zigarette ja gar nicht sein.
Das war auch nicht die Idee von Hon Lik, dem chinesischen Apotheker und „Erfinder“ der Technologie des Nikotin-Verdampfens.
Ihr Problem ist, dass wenn die Menschen ohne große Gesundheitsgefahr Nikotin konsumieren, niemand mehr ihre Kurse braucht. Und die von ihnen propagierten Pflaster.

Ihr White Washing mit der Heilerin finde ich verzeihlich. Anrüchig, aber verzeihlich. Auch, dass Sie wirtschaftlich agieren und Werbung für ihre Kurse machen wollen.
Ich verzeihe sogar, dass Sie das „Nervengift“ Nikotin in E-Zigaretten schlimm finden, in Nikotinpflastern aber offenbar gut.
Was mir an ihrer Argumentation aufstößt, sind drei Dinge.



Zum ersten betreiben Sie nur Hilfe für die Bessergestellten. Denn Sie wissen, dass Zigaretten die Genussdroge der Geringverdiener ist. Hartz-IV-Empfänger geben bis zu einem Drittel ihres verfügbaren Geldes für das Rauchen aus. An Gymnasien wird nicht halb so viel geraucht wie an Hauptschulen, das Einstiegsalter liegt in Deutschland derzeit bei 14,7 Jahren.

Diese Menschen erreichen Sie nicht mit einem Kurs, der etwa so viel Kostet, wie einem Hartz-IV-Empfänger für einen ganzen Monat zur Verfügung stehen. Die sehen Sie nicht in Ihren Kursen. Für 370,- Euro kann man leicht einige Monate rauchen.
Und übrigens erreichen Sie die auch nicht mit dem Interview. Wenige werden den Spiegel lesen. Noch weniger werden ein Abo haben, um die Pay Wall zu überschreiten.

Und das ist der zweite Punkt. Sie vertreten die Quit-Or-Die-Mentalität. Entweder jemand schafft den völligen Konsumstopp, oder er soll halt daran verrecken. Die Idee, jemand könnte mit einem frei erhältlichen und nicht von der Pharmaindustrie legitimierten Produkt seinen Gesundheitsschaden reduzieren, widerspricht nicht nur ihrem Geschäftsmodell. Sondern auch ihrem moralisch geformten, geschlossenen Weltbild.
Hexen wurden für weniger verbrannt, als die Kirche nicht zu benötigen.

Sie ignorieren die Idee der Harm Reduction. Sie negieren sie sogar.
Sie widersprechen im Grunde also den Kampagnen zur Benutzung von Kondomen ebenso wie der Abgabe von sauberen Nadeln an Fixer. In Ihrer Welt müssten Risikogruppen für AIDS einfach nur aufhören Geschlechtsverkehr zu haben.

Eigentlich widersprechen Sie sogar der Abgabe von Methadon an Heroinabhängige. Denn, Zitat, Ärzte sollen ja „gesundmachen“. Der Heroinabhängige, der dank Methadon zumindest wieder ein selbstbestimmtes Leben führen kann, wird sich bedanken.

Will jemand auf stark zuckerhaltige Cola verzichten, wäre das naheliegendste, ihm Wasser zu empfehlen. Sie argumentieren aber, auch das Wasser könne Giftstoffe enthalten.
Entwöhnungskurse vom Trinken gibt es dann bei Vivantes in Neukölln. Für 370,- Euro für acht Sitzungen.

Nachweislich falsche Informationen

Das für mich Entscheidende ist aber, dass Sie nachweislich falsche Informationen verbreiten. Von denen Ihnen bewusst sein muss, dass es falsche Informationen sind.
Sie halten damit aktiv Raucher von einem Umstieg auf eine deutlich weniger schädliche Alternative ab.
Was entgegen Ihrer Darstellung längst wissenschaftlicher Konsens ist.

Laut staatlicher Gesundheitsbehörde Public Health England hat die E-Zigarette ein mindestens 95 Prozent geringeres Gesundheitsrisiko als Tabakzigaretten. Und ein um 99,5 Prozent vermindertes Krebsrisiko.
Großbritannien verzeichnet durch seine staatliche Unterstützung des Rauchstopps und der inzwischen beliebtesten Rauchstopp-Methode E-Zigarette den niedrigsten Stand an Rauchern, seit die Zahlen überhaupt erhoben werden. Was für ein Albtraum für jemanden, der seinen Lebensunterhalt mit Entwöhnungskursen verdient.

Daher erspare ich es mir auch, noch weiter zu recherchieren, ob Ihr Institut oder Sie selber Zuwendungen durch Pharmaunternehmen erhalten haben. Die sind ja bewusst wenig transparent.

Sie widersprechen nicht nur der Harm Reduction. Sondern Sie bieten Kurse für Bessergestellte, leugnen wissenschaftliche Ergebnisse und scheinen nicht auf dem Stand der Zeit zu sein.
Sie verweigern Therapiemöglichkeiten. Sie argumentieren auf einem wissenschaftlichen Stand von vor 15 Jahren. Sie wählen Therapieformen nach moralischen Aspekten, nicht nach Wirksamkeit; ebenso wie die Informationen, die Sie als relevant bevorzugen.

Sie ignorieren neue Konsumformen von Nikotin. Verhaftet in einer alten Welt, in der es so etwas nicht gab. Als Unternehmensberater müsste ich Ihnen empfehlen, sich jetzt neu zu orientieren. Denn E-Zigarette, Tabakerhitzer und Snus sind nur andere Konsumformen von Nikotin, losgelöst vom verbrennbaren und schädlichen Tabak. In dem Maße, in dem Sie die Tabakzigarette vom Markt verdrängen werden, werden Sie auch Ihre Entwöhnungsindustrie überflüssig machen.

Also mal ganz ehrlich… Bei Ihnen würde ich keinen Kurs belegen.


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Joey Hoffmann

Joey Hoffmann

Begründer und inhaltlich Verantwortlicher bei vapers.guru
Freier Redakteur, zuvor angestellter und selbstständiger Marketingberater und Mediengestalter, Fachbereich Facebook und Wordpress. Mitglied des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes und des Bündnis für Tabakfreien Genuss.
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