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Epidemie: Geheimnisvolle Lungenerkrankung durch E-Zigarette

Jugendliche und junge Erwachsene nach dem Dampfen in Behandlung

  • Mehrere Jugendliche und junge Erwachsene nach dem Konsum von E-Zigaretten mit Atemproblemen in stationärer Behandlung
  • Infektionskrankheit kann ausgeschlossen werden, CDC übernimmt die Untersuchung
  • Andere Ursache wahrscheinlich

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Am vergangenen Wochenende erreichte die nächste Panikwelle aus den USA auch die deutschsprachigen Medien.
In den USA soll es eine Reihe von „Lungenerkrankungen“ bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen gegeben haben. Einige mussten wegen Atemproblemen ins Krankenhaus eingewiesen werden. Die Ärzte scheinen bisher ratlos.

Was sich erst einmal wie der Plot einer Netflix Serie anhört, stellt sich in der Realität etwas differenzierter dar.
Während auch Medien hierzulande nicht mit dramatischen Behauptungen sparen, findet sich am Anfang der Informationskette tatsächlich wenig.

Einige Fälle rund um Wisconsin

Bereits am vergangenen Mittwoch, dem 14. August, berichtete NBC von 22 Menschen, die im nördlichen mittleren Westen der USA aufgrund von Atemwegserkrankungen nach dem Dampfen behandelt werden mussten.
Der 26 jährige Dylan Nelson musste kurzzeitig in ein künstliches Koma versetzt und beatmet werden.

Die Ärzte fanden keinen gemeinsamen Hinweis auf eine Erkrankung. Infektionserkrankungen konnten ausgeschlossen werden.
Die einzige Gemeinsamkeit ist offenbar, dass die Patienten kurz zuvor eine E-Zigarette genutzt hatten.

Aufgrund der Häufung wurde dies offensichtlich zum Ende der vergangenen Woche an das CDC gemeldet.

CDC übernimmt Untersuchung

Die Zentren für Seuchenkontrolle und -prävention (Centers for Disease Control an Prevention, kurz CDC) sind eine Behörde, die zum US-amerikanischen Gesundheitsministerium gehört. Deshalb wird häufig auch kurz von dem Center in der Einzahl gesprochen.
Am vergangenen Samstag veröffentlichte das CDC auf seiner Homepage eine sehr kurze Meldung zu den Vorgängen.

Im Rahmen der Diensthilfe unterstützt das CDC die Gesundheitsministerien von Wisconsin, Illinois, California, Indiana, und Minnesota bei den Untersuchungen zu derzeit ungeklärten Fällen.
In weiteren Staaten soll es Vorfälle gegeben haben, diese sind jedoch noch nicht bestätigt.
Von einigen wurde bereits vorab in der vergangenen Woche berichtet.

Zwischen dem 28. Juni und dem 15. August war es laut CDC zu 94 möglicherweise relevanten Fällen von Atemwegsproblemen bei mehrheitlich Jugendlichen und jungen Erwachsenen gekommen.
Die einzige bisher ausgemachte Gemeinsamkeit: Alle nutzen E-Zigaretten.

Knapp ein Drittel aller Fälle geschah im Bundesstaat Wisconsin.

Die Medien greifen die Meldung auf

Diese Meldung wurde dann wiederum von der Nachrichtenagentur Reuters aufgegriffen.
Seit Samstag überschlagen sich nun die Berichte dazu. Und haben inzwischen auch den deutschsprachigen Raum erreicht.

E-Zigarette
Dylan Nelson, 26, der ins künstliche Koma versetzt wurde, nachdem seine Lunge kollabierte. (Foto: Patrick DeGrave)

Haben die amerikanischen Medien zuvor schon wirksam dramatisiert, scheinen hierzulande durch das Prinzip der Stillen Post sämtliche Hemmungen gefallen zu sein.
Nicht nur von einer „Epidemie“ ist die Rede, der Spiegel sah gleich eine „Lungenerkrankung“ und die Tiroler Tageszeitung machte gar eine „mysteriöse Lungenerkrankung“ aus.

Doch selbst der ins Koma versetzte Dylan Nelson wurde bereits wieder aus dem Krankenhaus entlassen. Keine Spur einer chronischen „Erkrankung“; vermutlich wurde von den deutschen Medien das englische „disease“, was auch akute „Erkrankung“ oder „Leiden“ heißt, einfach fahrlässig übersetzt.
Den Höhepunkt der hektischen Berichterstattung stellte wieder das quasi-Boulevardmagazin Welt dar, das in einem kurzen Video den Namen des erwähnten Dylan Nelson und seines befragten Bruders Patrick DeGrave zu „Dylen DeGrave“ vermischte.

Mehrere Patienten hatten eingeräumt, dass sie die E-Zigarette zum Konsum von THC, dem Wirkstoff von Marihuana, genutzt haben.
Eine Vorstellung des tatsächlichen Auslösers bekommt man, wenn man sich das Statement von Patrick DeGrave vom vergangenen Mittwoch auf NBC betrachtet. In dem er offen zugab, dass sein Bruder die Pods auf der Straße gekauft hatte.

„Leute kaufen sie in Staaten, in denen sie legal sind, und bringen sie in Staaten, in denen sie illegal sind, wie Wisconsin“ so DeGrave. „Du weißt nie, ob Du etwas von einem Durchschnittstypen kaufst, der es aus einer Apotheke hat. Oder von jemandem, der sich daran zu schaffen gemacht hat und eine eigene Mischung rein gemacht hat.“
Die meisten Fälle wurden im direkten Einzugsgebiet nördlich von Illinois berichtet, wo THC legal ist.

„Wir wissen, dass es bei den Fällen gemeinsame Charakteristika gibt. Aber wir konnten noch nicht herausfinden, welcher Aspekt des Dampfens, welches Produkt oder Lösung oder Öl die Erkrankungen ausgelöst haben.“
Dr. Emily Chapman, Chief Medical Officer for Children’s, Minnesota, 14.08.2019, NBC

Diese Aussage bestätigte auch Andrea Palm vom Wisconsin Department of Health Services. „Alle Patienten berichteten davon, vor ihrer Einlieferung gedampft zu haben. Aber wir kennen nicht alle Produkte.“



THC nicht für E-Zigaretten geeignet

Fasst man die Umstände also zusammen, ergibt sich ein etwas anderes Bild.
Offenbar war nicht „die“ E-Zigarette der Auslöser der Vorfälle.

  • Es gibt derzeit keinen Nachweis für eine chronische „Lungenerkrankung“.
  • Es sind derzeit keine dauerhaften Schäden dokumentiert.
  • Es ist unklar, welche Produkte genutzt wurden.
  • Einige Patienten räumten ein, die E-Zigarette auch zum Konsum von THC genutzt zu haben.
  • Das Opfers, über das am meisten berichtet wurde, hatte das Produkt „auf der Straße“ gekauft.

Um korrekt zu sein, muss man einräumen, dass nicht einmal klar ist, ob es sich überhaupt um eine Häufung derartiger Vorfälle handelt. Geschweige denn eine „Epidemie“. Oder ob sie überhaupt zusammenhängen.
Eben das soll das CDC ja nun herausfinden.

Wahrscheinlicher ist, dass viele junge Konsumenten versuchen, THC mit der E-Zigarette zu konsumieren. Oder Substanzen wie beispielsweise Extacy, Spice, Badesalz und andere, so genannte Legal Highs.
Doch dabei gibt es ein sehr grundlegendes Problem. THC, oder Tetrahydrocannabinol, gehört zu den Cannabidoiden. Es kommt vor allem im Harz des Hanfs vor.
Während die Grundstoffe zugelassener Liquids aus Substanzen bestehen, die gut erforscht und zur Inhalation unbedenklich und zum Verdampfen geeignet sind, sind Öle und Harze das nicht.

Es ist nur schwer und aufwändig möglich, THC so zu isolieren bzw. in eine Flüssigkeit zu überführen, dass es überhaupt zum Dampfen nutzbar ist. Daher werden für den Konsum üblicherweise Vaporisatoren verwendet, die auch in Deutschland legal sind. In Ihnen wird das reine Marihuana direkt so erhitzt, dass das THC verdampft.

In einer E-Zigarette werden die Flüssigkeiten jedoch durch Baumwolle an den Heizdraht transportiert. Und durch Temperaturen verdampft, die darauf abgestimmt sind. Fügt man den Flüssigkeiten Öle oder Harze zu, sind die Folgen nicht absehbar.
Im schlimmsten Fall kann durch den Vorgang nicht nur die Watte verglimmen, sondern es können weitere gesundheitsschädliche Substanzen entstehen. Was der Konsument dann natürlich inhaliert.

Es erscheint also wahrscheinlicher, dass die 94 möglichen Fälle – von denen scheinbar keiner mehr in stationärer Behandlung ist – eher daher rühren, dass mit dem Cannabis Konsum oder dem Konsum anderer Drogen durch die E-Zigarette experimentiert wurde.
Das ist aktuell wohlmöglich nur zur Meldung geworden, weil es zu einer kurzzeitigen Häufung von 22 Fällen kam (in einem Einzugsgebiet mit über 30 Millionen Einwohnern), das CDC informiert wurde, eine Presseagentur das aufgegriffen hat und durch das Prinzip des Hörensagens eine Epidemie herbeigeredet wurde.
Derzeit geben die Offiziellen in den USA sich die Klinke in die Hand um vor der Presse nochmals auf die Gefahren durch die E-Zigarette für die Jugend hinzuweisen.

Das CDC hat zwar zugesagt weitere Erkenntnisse zu veröffentlichen. Diese werden aber voraussichtlich weniger Beachtung finden.

Von einer geheimnisvollen Lungenerkrankung durch E-Zigaretten kann indes keine Rede sein.


Die Meldung des CDC: https://www.cdc.gov/media/releases/2019/s0817-pulmonary-disease-ecigarettes.html
Die Meldung auf NBC: https://www.nbcnews.com/health/kids-health/22-people-have-been-hospitalized-vaping-linked-breathing-problems-doctors-n1041851

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Joey Hoffmann

Joey Hoffmann

Begründer und inhaltlich Verantwortlicher bei vapers.guru
Freier Redakteur, zuvor angestellter und selbstständiger Marketingberater und Mediengestalter, Fachbereich Facebook und Wordpress. Mitglied des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes und des Bündnis für Tabakfreien Genuss.
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