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arte uncovered – Teil 2

Wie ein Lobbyfilm ins Fernsehen kam


Dies ist der zweite Teil eines dreiteiligen Themenschwerpunkts. Die weiteren Teile sind unten verlinkt.


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Das Stakkato der Manipulation wird fortgesetzt.
Das ist ein bewusstes, psychologisches Mittel, um den Zuschauer erst einmal in die „richtige Denke“ zu bringen. Damit er zugänglicher für spätere Argumente wird und für das Bild, das man in seinem Kopf erschaffen will.

So behautet der Sprecher aus dem Off, es sei nicht das erste mal, dass Tabakkonzerne ihre Produkte als unbedenklich bezeichnen.
Es ist richtig, dass die Konzerne bis in die 1970er in Europa und Nordamerika versucht haben, ihre Produkte als unbedenklich darzustellen. Weshalb im Film auch nur alte schwarz-weiß Ausschnitte aus Werbespots gezeigt werden konnten.
Diese Zeiten sind längst vorbei.

Und es trifft nicht auf die E-Zigarette zu.
Mir ist kein Unternehmen bekannt, dass seine Produkte jemals als unbedenklich bezeichnet, geschweige denn beworben hätte. Als Werbung wäre es eh verboten gewesen und hätte zu einem öffentlichen Aufschrei geführt.
So etwas nennt man ein Strohman Argument. Man unterstellt eine Behauptung, die niemand getätigt hat.

Wie bereits verdeutlicht soll die E-Zigarette ein Substitut sein, ein Hilfsmittel und Ersatz für die weit schädlicheren Zigaretten.

Stopping Tobacco Organisations and Products

Doch genau dieses Framing übernimmt auch der erste Interviewte Jorge Alday von Stopping Tobacco Organisations and Products.
Die Tabakindustrie bringt die E-Zigarette um neue Nikotinsüchtige heranzuzüchten. Können wir deren Versprechen vertrauen?

Die Organisation Stopping Tobacco Organisations and Products (STOP) wird vor allem finanziert von Bloomberg Philantropies. Und dahinter steht die mindestens als interessant zu bezeichnende Persönlichkeit des Michael Bloomberg.

Forbes listet Bloomberg auf Platz neun der reichsten Menschen dieses Planeten. Er ist Herr über ein Medienimperium. Auch viele Nachrichten, die wir hierzulande lesen, kommen von der Bloomberg Presseagentur.

Einer der reichsten Menschen der Welt und Financier von STOP: Michael Bloomberg mit Donald Trump

Seine moralische Flexibilität kann man daran ablesen, dass er als langjähriger Demokrat 2000 zu den Republikanern wechselte, um den parteiinternen Vorwahlkampf zu umgehen. Kurz darauf wurde er tatsächlich zum Bürgermeister von New York gewählt, wo er auch als Republikaner weiterhin demokratische Politik betrieb.

Im Jahr 2018 wechselte er dann wieder zu den Demokraten, um sich als Kandidat für die Präsidentschaft aufstellen zu lassen.
Und da vor allem die Demokraten den Kampf gegen die E-Zigarette als vielversprechendes Wahlkampfthema entdeckt haben, hat er inzwischen 160 Millionen Dollar für diesen Kampf gespendet. Unter anderem an Stopping Tobacco Organisations and Products.
STOP ist also keine kleine Vereinigung von Kämpfern für die öffentliche Gesundheit, sondern eine millionenschwere Lobbyagentur.

Nikotin ist wie Heroin?

Im Weiteren erklärt die Dokumentation dem Zuschauer ausführlich, wie böse und hinterhältig die Tabakkonzerne waren. Was aber niemand wirklich bestreiten will. Am wenigsten die Millionen Dampfer, die durch die E-Zigarette ihrer Abhängigkeit vom Tabak entkommen konnten.

So wird behauptet, Light Zigaretten seien verboten. Was schlicht unwahr ist.
Es ist inzwischen lediglich verboten Produkte so zu bewerben, dass beim Verbraucher der Eindruck entsteht, sie seien weniger schädlich. Philip Morris bringt nach wie vor seine Light Produkte auf den Markt. Die Marlboro Lights heißt nur inzwischen Marlboro Gold. Und jeder weiß, was gmeint ist. Die Definition eines unsinnigen Gesetzes.

Aussagekräftig ist jedoch das Interview mit der Suchtmedizinerin Dr. Anne-Laurance Le Faou. Die behauptet, die Suchtwirkung von Nikotin sei vergleichbar mit dem von Heroin.
Was wohl die größte Falschaussage des gesamten Films sein dürfte.

Denn dem widersprechen inzwischen fast alle Suchtforscher. Die Nikotin eher bei der Suchtwirkung von Coffein einordnen.
Prof. Dr. Fagerström hat den nach ihn benannten „Test für Nikotinabhängigkeit“ – den auch Dr. Le Faou kennen muss – längst umbenannt in „Test für Zigarettenabhängigkeit“.

Prof. Dr. Fagerström, Pionier der Suchtforschung, bezweifelt die Suchtwirkung von Nikotin.

Es scheint eher so zu sein, dass das Nikotin durch seine Ansprache des Belohnungssystems hilft eine Abhängigkeit zu etablieren und aufrecht zu erhalten. Es ist aber nicht alleine dafür verantwortlich.
Dagegen spricht beispielsweise, dass im arabischen Raum Millionen Menschen Shisha konsumieren, darüber hinaus aber keinerlei Abhängigkeitssymptome entwickeln. Ebenso wie viele Zigarrenraucher.
Selbstverständlich sind Zigarettenraucher, und nach dem Umstieg auch Dampfer, abhängig. Aber diese Abhängigkeit ist sehr viel differenzierter. Die Verhaltensabhängigkeit wird von vielen Medizinern bis heute gerne ignoriert. Weil es ihren Fachbereich übersteigt.

Das mit einer Heroinabhängigkeit zu vergleichen ist schlicht absurd.
Ein Raucher hat nach acht Stunden Schlaf keine relevante Menge Nikotin mehr im Kreislauf. Er verschläft den Entzug in jeder Nacht. Was bei Opioiden schlicht unmöglich wäre. Der Entzug von Heroin führt zu Schmerzen, Krämpfen und kann tödlich enden.

Die Regisseurin hätte dies durch einfaches googeln herausfinden können. Wenn sie denn gewollt hätte.

Anschließend wird die recht bekannt gewordene und oft zitierte Aussage von Vertretern der Tabakkonzernen vor dem Amerikanischen Kongress gezeigt. In der sie beteuern Nikotin für „nicht süchtigmachend“ (not addictive) zu halten. Dies wird von den moralinsauren Gesundheitskämpfern seither als Lüge und Beweis für die Unehrlichkeit zitiert.
Tatsächlich entspricht das aber inzwischen den Erkenntnissen aus der Forschung. Bis heute gibt es keinen eindeutigen Nachweis.
Man hätte Fragen sollen, ob sie Zigaretten (!) für „süchtigmachend“ halten. Dann hätte die Antwort korrekterweise „Ja“ lauten müssen.

Lobbyistenkritik durch Lobbyisten

Als nächstes wird der dauerhaft selbstzufrieden erscheinende Prof. Dr. Glantz interviewt. Der in Medien häufig als Mediziner vorgestellt wird.
Stanton Glantz ist inzwischen in der wissenschaftlichen Community berüchtigt. Und er ist kein Mediziner, sondern Ingenieur.

Seit 1972 spendete der Pharmakonzern Johnson & Johnson über seine Stiftung 160 Millionen Dollar an die Universität von Kalifornien. Und sie spendeten mehrere Millionen an die von Glanz gegründete Initiative „Americans for Nonsmokers‘ Rights“.
Im Jahr 2002 zahlte Johnson & Johnson alleine 10 Millionen für die Einrichtung eines „Center for Smoking Cessacion“ (Zentrum für Rauch-Entwöhnung) an der Universität. Das zunächst auch von dem Präsidenten der Pharma-Stiftung geleitet wurde.
Drei Jahre später wurden diese beiden dann zusammengebracht, Glantz wurde an das Zentrum berufen und erhielt einen Lehrstuhl an der Medizinischen Fakultät. Zuvor hatte er bei der NASA Rechenmodelle u.a. für das menschliche Herz entworfen.
Glantz hat noch nie durch eigene Untersuchungen am Menschen irgendetwas erforscht.

Johnson & Johnson ist der weltweite Hersteller der Nicorette.
An diesen Nikotinersatztherapien verdient die Industrie derzeit etwa 23 Milliarden im Jahr; mit enormen Zuwachsraten. Es boomt.
Da fallen zehn Millionen für ein solches Zentrum – steuerlich absetzbar – nicht weiter ins Gewicht. Dafür kann man einen lupenreinen Lobbyisten in einer Position platzieren, die den Anschein von wissenschaftlicher Unabhängigkeit verspricht.

Prof. Dr. Stanton Glantz, Leiter des von Johnson & Johnson gegründeten Zentrums (Foto: Screenshot)

Das ist genau das, was in der arte Dokumentation später den Tabakkonzernen vorgeworfen wird. Die Regisseurin entlarvt vermeintlich Lobbyisten, indem sie andere Lobbyisten zu Wort kommen lässt. Ohne diese auch als solche zu benennen.

Nur um mal ein Beispiel dieser Lobbyarbeit zu geben:
Glanz veröffentlichte im Juli eine Studie, in der er behauptete, E-Zigaretten würden zu Herzinfarkten führen. Diese wurde als Pressemitteilung an alle großen Medien ausgesendet und es wurde ausführlich darüber berichtet.
Dazu hatte er Zahlen aus einer regelmäßigen Erhebung herangezogen. Aus diesen Zahlen ging nicht nur nicht hervor, wie viele der Menschen tatsächlich regelmäßig dampfen oder zuvor geraucht haben. Die Herzinfarkte lagen teilweise so weit zurück, dass es damals noch nicht einmal E-Zigaretten gab.
Es wurden Statistikspielereien absolviert, um eine gewünschte Aussage zu erhalten.

Nach weltweiten Protesten von Wissenschaftlern wurde die Studie inzwischen durch das veröffentlichende Journal zurückgezogen. Was für einen Wissenschaftler eigentlich einer dauerhaften Diskreditierung gleich kommt.
Dennoch gibt die Regisseurin Glantz die Gelegenheit, diese nachgewiesene Falschaussage vor laufender Kamera zu wiederholen.



Die gefährdete Jugend und EVALI

Nachdem Bärbel Merseburger-Sill den Zuschauer nun 25 Minuten psychisch auf die Formel vorbereitet hat, wird das ganze emotional verstärkt.

Der Sprecher fragt eindringlich, ob man schon genug über E-Zigaretten wisse.
Das ist eine rhetorische Frage. Diese Technik wird gerne von Populisten oder Verschwörungsmystikern angewendet. Die Antwort soll der Empfänger sich selber geben. Man ist versucht aufzuspringen und „nein“ zu rufen.

Gezeigt wird Daniel Ament aus Detroit, dem angeblich nach der Benutzung einer E-Zigarette beide Lungenflügel transplantiert werden mussten. Seine Träume zur Navy zu gehen sind damit natürlich hinfällig, was mit Familienfotos emotional untermalt wird.
Dazu erklärt der Sprecher, Daniel wäre an EVALI erkrankt. Einer Krankheit, die mit E-Zigaretten in Verbindung gebracht würde. Es folgen dramatische Bilder von Daniel im Krankenhaus und nach der Transplantation.

Daniel Ament aus Detroit, Gast vieler Medien. (Foto: Screenshot)

Hauptgrund für die „Krankheit“ soll das Vitamin-E-Acetat gewesen sein, mit denen „Flüssigkeiten illegal gestreckt worden waren“. Woraufhin noch ein Interview mit der Mutter beim Pillenabzählen und Kommentare einer Pneumologin gezeigt wird.

So dramatisch das für den 17-jährigen Daniel sein mag, so anders stellt es sich dar, wenn man die Hintergründe kennt.

Im August vergangenen Jahres traten mehrere Fälle dessen auf, was später EVALI genannt wurde. (e-cigarette, or vaping, product use associated lung injury)
Dabei handelt es sich nicht um eine Krankheit, sondern ein Syndrom. Opfer wurden überwiegend Menschen unter 35 und überwiegend Männer. Inzwischen wurden 2807 stationäre Behandlungen und 86 Tote gemeldet.

Die Fälle traten bis September ausgehend vom Bundesstaat Michigan auf. Genau dem Bundesstaat, in dem auch Daniel lebt. Sie breiteten sich dann über die angrenzenden Bundesstaaten aus.
Dieses Muster ist ungewöhnlich. Denn es wäre zu erwarten, dass solche Fälle gleichmäßig verteilt auftreten. Im angrenzenden Kanada wurde jedoch nur ein Fall gemeldet, in Europa ist gar keiner bekannt.

Illegale Drogen der Auslöser

Man kam sehr schnell auf die Lösung. Die Opfer hatten THC Liquids gedampft.
Tetrahydrocannabinol ist der Wirkstoff des Cannabis. Da dieser in Michigan und den angrenzenden Bundesstaaten höchstens zur medizinischen Anwendung legal ist, hatten die jungen Leute sich das Zeug illegal besorgt.
Um es deutlich zu sagen: Sie haben den Akku einer E-Zigarette benutzt, um zu kiffen. Etwas, von dem sie nicht wussten, was drin ist.

Diese illegalen Produkte hatten die Dealer mit einem Öl gestreckt. Dem erwähnten Vitamin-E-Acetat oder Tocopherylacetat. Und da das nicht wasserlöslich ist, kann es zu einer Lipidpneumonie führen, die bis zum Lungenversagen führen kann. Und das sieht dann genauso aus, wie die Aufnahmen, welche die Pneumologin im Film zeigt.

Orginal und Fälschung: Eine Kartusche mit zugelassenem THC Liquid und ihr illegales Imitat.

Der bedauernswerte Daniel aus dem Bericht ist indes gern gesehener Gast in allen Medien, die eine Story suchen oder vor den Gefahren der E-Zigarette warnen wollen. Man muss den Namen nur googeln: abc, CBS, Time, die Liste ist lang.
Und während die Ursache in den USA sogar den Behörden (FDA, CDC) recht schnell klar war, wurde hierzulande noch über den „Tod durch E-Zigarette“ berichtet.

Das Ganze hat also nicht nur nichts mit der handelsüblichen E-Zigarette zu tun. Die tatsächliche Ursache wird von der Regisseurin verschwiegen.

Die E-Zigarette ist ein Gerät, ein Werkzeug, eine Form der Verabreichung. Sie dafür verantwortlich zu machen, dass einige Leute damit illegale Drogen konsumieren, ist gleichbedeutend, als würde man Ärzte und Diabetiker vor Spritzen warnen, weil Heroinsüchtige daran sterben.

Dies in einer Dokumentation über Nikotin und E-Zigaretten überhaupt zu erwähnen zeugt davon, dass hier eine emotionale Nachricht vermittelt werden soll. Es muss ganz bewusst eingesetzt worden sein.

Das krebserzeugende Nikotin

Spricht ein Wissenschaftler etwas in eine Kamera, so glaubt man ihm. Umso mehr, wenn er es in einem weißen Kittel in einem Labor tut. Das wissen die Psychologen und die Werbeleute; und das weiß natürlich auch die Filmemacherin Merseburger-Sill.

So wurde Prof. Dr. Moon-Shong Tang von der New York University interviewt. Der im vergangenen September eine Studie zur E-Zigarette veröffentlicht hat.
Ein Jahr lang wurden Mäuse täglich vier Stunden dauerhaft bedampft. Bei neun von 40 Versuchstieren entstand Lungenkrebs.
Das reicht der Regisseurin aus, um im Weiteren davon auszugehen, dass Nikotin eben doch Krebs verursacht.

Die zitierte Studie von Prof. Dr. Moon-Shong Tang wurde von mehreren Wissenschaftlern kritisiert. (Foto: Screenshot)

Aber wie wäre das erklärbar? Immerhin wird seit Jahrzehnten weltweit geforscht. Und plötzlich ein Ergebnis, das allen anderen widerspricht?

Zunächst muss man erwähnen, dass für solche Versuche bestimmte Mäuse verwendet werden, die besonders krebsanfällig sind. Die Übertragbarkeit auf den Menschen ist daher aber mehr als fragwürdig.
Zumal die Mäuse so massiv bedampft wurden, dass mehrere von ihnen dabei starben.

In einem Interview sagte Dr. Lion Shahab vom University College London im Oktober, ein Kollege hätte spaßeshalber einmal nachgerechnet und sei dabei auf eine Menge gekommen, die ein Dampfer in 450 Jahren inhaliert.
Der Direktor des UK Centre for Tobacco & Alcohol Studies der Universität von Nottingham, Prof. Dr, John Britton, schrieb dazu: „Der Vergleich zwischen Mäusen die Dampf einatmen und Mäusen die Luft einatmen ist statistisch nicht signifikant. […] Es gibt keine Neuigkeit für die Öffentlichkeit – Ich befürchte diese Ergebnisse sind schlicht Lärm.“

„Die Forscher schreiben die beobachteten Effekte krebserregenden Nitrosaminen zu – aber Nitrosamine wurden bereits in menschlichen Dampfern gemessen und es ist bekannt, dass die Mengen in Dampfern entweder unbedeutend oder nicht vorhanden sind.“

Prof. Dr. Hajek, Direktor der Abteilung für Tabakabhängigkeit, Queen Mary University of London

Themenschwerpunkt: arte uncovered

arte uncovered – Teil 1
arte uncovered – Teil 2
arte uncovered – Teil 3

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Joey Hoffmann

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Begründer und inhaltlich Verantwortlicher bei vapers.guru
Freier Redakteur, zuvor angestellter und selbstständiger Marketingberater und Mediengestalter, Fachbereich Facebook und Wordpress. Mitglied des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes und des Bündnis für Tabakfreien Genuss.