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arte uncovered – Teil 3

Wie ein Lobbyfilm ins Fernsehen kam


Dies ist der dritte Teil eines dreiteiligen Themenschwerpunkts. Die weiteren Teile sind unten verlinkt.


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Als nächstes ist die Firma Juul an der Reihe.
Diese wurde hier bereits durch die Medien getrieben. Denn sie war der Verdächtige Nummer eins, als in den USA eine angebliche Nikotin-Epidemie unter den Jugendlichen losbrach.

Tatsächlich hat es aber nie eine solche Epidemie gegeben. Die Zahlen wurden von der Regulierungsbehörde breit angekündigt und alarmierende Kennzahlen wurden veröffentlicht. Beispielsweise sei der Konsum bei Jugendlichen um 600 Prozent gestiegen und jeder vierte Jugendliche würde „juulen“. (Vielleicht stammt daher die Behauptung im Film, die Zahl der Dampfer habe sich versechsfacht.)

Tatsächlich waren die Zahlen nach oben geschnellt. Aber nur in dem Maß, in dem die Zahlen der Tabak rauchenden Jugendlichen gefallen waren. Die Gesamtzahl der Nikotinkonsumenten ist sogar gefallen, wie übrigens auch in Deutschland.
Das wurde aber auch nicht aus den aufbereiteten und nach langem Zögern durch die FDA veröffentlichten Zahlen klar. Sondern durch allgemeine Erhebungen des jährlich durchgeführten Surveys.

Die Juul, das einzige Produkt der Juul Labs aus San Francisco, ist eine ganz normale E-Zigarette der ersten bzw. zweiten Generation. Die beiden Unterschiede sind, dass sie sehr ausgefeilt ist und vermarktet wurde wie auch Tabakunternehmen ihre Produkte vermarkten.
Und so wird Juul auch in der arte Dokumentation als „Konzern“ bezeichnet. Was schlicht absurd ist. Juul Labs hat derzeit 1500 Mitarbeiter und stellt lediglich ein Produkt her. Zum Vergleich: Philip Morris International hat knapp 75.000 Mitarbeiter und Produziert weltweit verschiedene Produkte.

Der Philip Morris Mutterkonzern Altria hat sich zwar spektakulär bei Juul eingekauft. Aber eben nur zu 35 Prozent. Juul ist weit davon entfernt ein Konzern zu sein.

Die Dokumentation versucht, Juul auf ein Level mit Tabakkonzernen zu heben. Und dass Juul trickst. Und so wird zu dramatischer Musik gezeigt, dass Juul andere Pods in Europa auf dem Markt hat. Mit denen laut Filmemacher angeblich erreicht wird, dass die Juul mehr Flüssigkeit und damit mehr Dampf abgibt. Ohne dass der Nutzer es bemerkt.
Damit würde Juul versuchen, Konsumenten schneller süchtig zu machen, so die implizierte Unterstellung.

Das ist eine völlige Verdrehung.
Die Juul ist in ihrer Bauweise für die Nikotinmenge in den USA ausgelegt. Diese überschreitet aber die europäische Norm. Also empfanden die Nutzer die europäische Version als zu wenig befriedigend, weshalb Juul die abgegebene Dampfmenge erhöht hat.
Der WDR hat für eine Reportage einmal messen lassen, wie viel Nikotin die Juul tatsächlich abgibt. Die Menge entsprach einer „sehr sehr leichten Zigarette“.

Es ist also kein „Trick“ der Hersteller, den die Nutzer nicht bemerken. Wie im Film behauptet. (Im übrigen spricht man von Nikotin Selbsttitration: Ein Konsument nimmt automatisch nur die Menge zu sich, die er braucht.) Sondern es geschah auf Verlangen der Nutzer. Die das selbstverständlich an der Dampfmenge bemerken.
Das sollte ganz sicher nicht geheim gehalten werden. Im Gegenteil.

Viele Experten raten sogar zu einer hohen Dosierung. Nicht weil der Konsument dann mehr Nikotin aufnimmt, sondern weil er stattdessen weniger konsumiert. Und beim Rauchen dadurch weniger Schadstoffe aufnimmt.
Dies ist bei der E-Zigarette in Europa jedoch nicht möglich.

Man kommt nicht dagegen an

Ich könnte lange so weiter machen. Fast zu jeder Aussage der Dokumentation könnte ich einen Absatz erklären. Aber es würde die Geduld jedes Lesers überstrapazieren.
Genau das ist das perfide an derartigem Framing: Man kommt argumentativ kaum dagegen an.

So wird das gleiche Argumentationsmuster auf den Tabakerhitzer IQOS von Philip Morris kopiert: Man wolle mehr Menschen süchtig machen. Dass PMI in Deutschland selber bereits vor Jahren aus der Plakatwerbung ausgestiegen ist wird ebenso ignoriert wie die Tatsache, dass die Forschung an Tabak ohne Verbrennung begonnen hat, bevor es E-Zigaretten gab.

Der ehemalige Direktor der WHO Derek Yach, der sich erdreistet die Verbotsstrategie der WHO in Frage zu stellen und sogar Geld von Philip Morris akzeptiert hat.

Es war auch zu erwarten, dass Vertreter der Campaign for Tobacco-Free Kids zu Wort kommen. Die im Abspann auch ausdrücklich als Informationsgeber genannt wurden. Und deren Sprecher bereits Modells um die 30 für “jugendaffine Werbung” hält.
Doch was für viele andere Stimmen in der Dokumentation gilt, gilt auch für diese Organisation.
Das ist kein armer Verein, der sich für die öffentliche Gesundheit einsetzt. Sondern er wurde von der Johnson & Johnson Stiftung gegründet. Genau wie das Center in San Francisco, das bis vor kurzem von Stanton Glantz geleitet wurde. Dem selbstzufriedenen Ingenieur aus Teil 2.
Alleine im Jahr 2016 erhielt die Campaign von dem Pharmakonzern 45 Millionen Dollar. Plus 38 Millionen Dollar für einen „Action Fund“.

Und erwähnen möchte ich noch Derek Yach und die von ihm gegründete Foundation for a Smoke-Free World.
Der ehemalige Direktor der WHO hatte diese Organisation gegründet, um gegen den Tabakrauch vorzugehen. Es kam einem Skandal gleich, dass die Organisation 80 Millionen von Philip Morris angenommen hat. Auszahlbar in 12 Jahren, also nicht einmal sieben Millionen pro Jahr. Weniger als die Einrichtung des Centers in San Franzisco gekostet hat und nur ein Bruchteil dessen, was Johnson & Johnson jährlich in die Tobacco-Free Kids steckt.
Unerwähnt bleibt regelmäßig, dass der einzige Unterschied zwischen der WHO und der Foundation darin besteht, dass sie Produkte der Tobacco Harm Reduction für vielversprechend hält. Während die WHO sie verbieten will.

Bemerkenswerte Zufälle und Verbindungen

Um zu verstehen, wie es zu einem solchen Propagandafilm kommt, muss man ein wenig betrachten, was zuvor passiert ist.

Bereits 2015 wurde im ZDF im Format Frontal21 ein Bericht zur E-Zigarette veröffentlicht. Ebenfalls (u.a.) von Bärbel Merseburger-Sill.
Die „wissenschaftlichen“ Stimmen des Beitrags kamen von Dr. Martina Pötschke-Langer und dem Pneumologen Prof. Dr. Robert Loddenkemper.

Zum damaligen Zeitpunkt war Pötschke-Langer noch die Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Diese hatte sie zur „Kollaborationsstelle“ der WHO gemacht. Inzwischen ist Pötschke-Langer Vorstandsvorsitzende des ABNR und Loddenkemper der Schatzmeister.
Das Aktionsbündnis Nichtrauchen ist ein Lobbyverband der Gesundheitsindustrie, der stringent den Vorgaben der WHO folgt. Inzwischen kämpft er darum, dass die Rauchentwöhnung zur Kassenleistung wird.

Das bedeutet, die E-Zigarette durchkreuzt die ideologischen und finanziellen Interessen dieses Lobbyverbandes. Denn wer eine mindestens 95 Prozent weniger schädliche Alternative hat, der braucht keine teuren Entwöhnungskurse mehr. Und auch keine Nikotinpflaster und -kaugummis der Pharmaindustrie.

Nichtraucherfrühstück 2016, von links: Die ehemalige Drogenbeauftragte Marlene Mortler (CSU), Burkhard Blienert (SPD), Dr. Maria Flachsbart (SPD), Lothar Binding (SPD), Dr. Katrin Schaller, komissionarische Nachfolgerin von Pötschkle-Langer beim DKFZ

Und so ist es sicher auch kein Zufall, dass der Abgeordnete der SPD Lothar Binding zu Wort kommt, um von den Umtrieben der Tabaklobby zu erzählen.
Die ehemalige Drogenbeauftragte der Bundesregierung Marlene Mortler hat ein regelmäßiges Nichtraucherfrühstück veranstaltet. Das wird inzwischen offenbar von Binding veranstaltet, der dort regelmäßig zu Gast war. Dort ebenfalls regelmäßig zu Gast waren Vertreter der Abteilung des DKFZ, das von Pötschke-Langer geleitet wurde.
Es ist auch bekannt, dass Pötschke-Langer einen sehr direkten Draht zu Mortler hatte. Diese hatte bei ihrer Rede zum Tabakerzeugnisgesetzt im Bundestag Pötschke-Langer ausdrücklich gedankt.

Die Regisseurin Merseburger-Sill hat keine medizinische oder empirisch-wissenschaftliche Ausbildung. Sie hat Sprache und Gesang studiert und verdingt sich als Synchronsprecherin. Als freie Filmemacherin hat sie Themen wie „Entschlacken mit Detox“ oder „Hormontherapie in den Wechseljahren“ bearbeitet.

Es ist überraschend, wie genau der Film der Argumentation des ABNR und der WHO folgt.
Es wurde nicht nur nicht hinterfragt. Es wurde so einseitig berichtet, dass man nicht anders kann, als Absicht zu unterstellen.



Wie man einen Propagandafilm macht

Für mich ergibt sich ein anderes Bild. Das ist spekulativ, aber ich möchte einmal einen Perspektivwechsel vorschlagen.

Die unabhängige Filmemacherin Merseburger-Sill kam im vergangenen Jahr auf das Thema E-Zigarette. Entweder sie ist durch die dramatische Berichterstattung in und aus den USA selber auf das Thema gekommen, oder sie wurde auf das Thema aufmerksam gemacht.
Netzwerken ist wichtig, und in ihrem Adressbuch fanden sich mindestens die Namen Pötschke-Langer und Loddenkemper.

Da sie selber höchstens laienhafte medizinische Kenntnisse hat und bereits vor vier Jahren ablehnend über die E-Zigarette berichtet hat, hatte sie bereits einen gewissen Tunnelblick. Nämlich genau den, der in dem Film als Grundton argumentiert wird.

Alles Filmmaterial aus den USA ist mutmaßlich vom vergangenen Jahr. Die herbeigeredete Nikotin Epidemie und Stanton Glantz (der inzwischen in Rente gegangen ist), die EVALI Krise und Daniel Ament, die Studie von Moon-Shong Tang und auch die Debatte um Derek Yach. All das hat ab September 2019 stattgefunden.
Offenbar wurden nur ein Jahr alte Informationen aufgearbeitet. Vielleicht sogar Filmmaterial aufgekauft.

Daraus wurde dann im Schneideraum eine aktuell erscheinende Dokumentation. Man macht einige eigene Aufnahmen (Lothar Binding, Prof. Dr. Yves Martinet, die deutschen Sprecher von BAT und PMI, eine Vape-Shop Besitzerin in Paris), schneidet etwas Stock Footage und Werbetrailer hinein, unterlegt das ganze mit bedrohlicher Musik und fertig ist der aufwendig recherchiert erscheinende Beitrag.

Was dabei herauskommt, ist genau die Kernaussage, die der Filmemacherin vorher eingeflüstert wurde. Ob sie selber daran glaubt oder „Unterstützung“ erhalten hat, kann ich nicht beurteilen.

Doch es ist signifikant, wie wenig Fachwissen tatsächlich abgebildet ist, wenn man mal genauer hinschaut.
Keine Wissenschaftler, keine Experten der öffentlichen Gesundheit, niemand der irgendetwas positives über Tobacco Harm Reduction sagen könnte. Keine aktuellen Informationen zum Aromenverbot in den USA oder das Werbeverbot in Deutschland.

Eine Chance wird vertan

Wie der Titel der Dokumentation verheißt, ist Nikotin natürlich die Droge der Zukunft. Aber aus völlig anderen Gründen, als dargestellt wird.

Nicht, weil Tabakkonzerne mit der vermeintlich neuen E-Zigarette neue Süchtige züchten. Sondern, weil knapp 60 Prozent der Weltbevölkerung in Asien leben. Und es werden immer mehr. Dort ist die Aufklärung noch lange nicht so weit wie in Europa und Nordamerika.
Die neuen Süchtigen müssen nicht aufwändig gezüchtet werden, sie wachsen nach.

Indem diese Lobbyisten gegen die E-Zigarette als vermeintlich schwächstes Glied vorgehen, unterstützen sie den Kreislauf aus Tabak und Tod.

Die Pharmaindustrie beweist mit der Opioidkrise in den USA eindrücklich, dass die Aktienkurse mehr zählen als die Gesundheit der Menschen. Sie haben ein Interesse daran, weiterhin Medikamente und Mittel zur Rauchentwöhnung zu verkaufen. Und an den gewinnträchtigen Behandlungen gegen Krebs.
In Deutschland sind etwa 4500 Fachärzte Mitglied der Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin. Die meisten von ihnen wären ohne Tabakzigarette arbeitslos.
Pharmaindustrie und Gesundheitslobby profitieren von Rauchern.

Und die moralinsauren Gesundheitswächter und Politiker verstehen nicht, dass sie die Tabakindustrie unterstützen. Sie halten sich krampfhaft an der Illusion fest, das Rauchen aus der Welt schaffen zu können und feiern sich für ein paar Promille Rückgang.

Die Filmemacherin Bärbel Merseburger-Sill

Die Geschmacksvielfalt ist ein wichtiger Faktor für den Umstieg auf die deutlich weniger riskante Alternative des Dampfens. Wird dies beschnitten, woran gerade europaweit gearbeitet wird und was in den USA heranbrechende Realität ist, werden die wenigen Produkte der Tabakindustrie gefördert. Denn ein wichtiger Anreiz zum Umstieg entfällt.
Die Menschen werden dadurch nicht weniger Nikotin konsumieren, sie werden gefährlichere Produkte konsumieren.

Auch die Filmemacherin Bärbel Merseburger-Sill wird nicht verstanden haben, was sie da eigentlich mit ihrer Dokumentation gemacht hat.
In dem Traumbild Jugendliche vom Rauchen abzuhalten, hat sie das genaue Gegenteil erreicht. Sie hat keinen einzigen Jugendlichen von irgendetwas abgehalten. Dafür hat sie Millionen Rauchern 90 Minuten lang erklärt, dass es keinen Unterschied macht, wenn sie weiterhin rauchen anstatt eine nachgewiesen weit weniger schädliche Alternative zu wählen.

Jedes Jahr sterben alleine in Deutschland 120.000 Menschen an den Folgen des Rauchens. Geschätzte acht Millionen weltweit.
Wir haben nicht so viele Pfeile im Köcher, um etwas dagegen tun zu können.
Anstatt aber eine Harm Reduction Alternative freudig anzunehmen, wird aufgrund von finanziellen Interessen und moralischen Wunschvorstellungen eines der vielversprechendsten Mittel zerstört.

Unterstützt durch falsche und manipulative Propagandafilme wie diesem. Bezahlt von den Menschen, die manipuliert werden.
Zur Prime Time verzehrfertig geliefert in die Wohnzimmer und Köpfe der Zuschauer.

„Die E-Zigarette könnte jedes Jahr fünf Millionen Menschenleben retten. Mehr als an Aids, Malaria, Tuberkulose und Meningitis zusammen sterben. Die E-Zigarette könnte die größte medizinische Erfindung seit der Impfung sein.“

Prof. Dr. David Nutt, Psychiater, Psychopharmakologe, Suchtforscher und Berater der britischen Regierung, Tagesspiegel, 01.03.2014

Themenschwerpunkt: arte uncovered

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Joey Hoffmann

Joey Hoffmann

Begründer und inhaltlich Verantwortlicher bei vapers.guru
Freier Redakteur, zuvor angestellter und selbstständiger Marketingberater und Mediengestalter, Fachbereich Facebook und Wordpress. Mitglied des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes und des Bündnis für Tabakfreien Genuss.