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Schöne neue Welt der Mittelmäßigkeit

Das Diktat des Durchschnitts

Es hatte nicht erst mit dem Aufkommen der Casting Shows von Privatsendern begonnen. Menschen, die sich im Rausch der Hoffnung auf Bedeutung selber öffentlich zum Idioten machen. Getrieben von der Unfähigkeit, ihr eigenes Können – und das Können anderer – realistisch einschätzen zu können.

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Zu dem, was inzwischen auf Social Media und anderswo stattfindet, gab es jedoch einen großen Unterschied: Den Grund, warum die Menschen zugeschaut haben.
Denn eine Casting Show oder eine Reality Doku zu gucken, hat einen sehr einfaches und doch so grausames Motiv: Die Lust am Scheitern anderer.

Der geneigte Zuschauer kann sich endlich mal wieder integer fühlen, wenn er dabei zusieht, wie Z-Promis kurz vorm Abstieg auf die Müllhalde des medialen Vergessens in einem Dschungel-Gulag selbsterniedrigend Insekten essen. Er kann sich über seine körperlichen Unzulänglichkeiten hinwegtäuschen, wenn er sieht, dass die Brüste, die höchstens halb so alt sind wie ihre Trägerin, auch nicht mehr so straff sind, wie auf den retuschierten Fotos der Boulevard-Journaille. Er kann sich moralisch erheben, wenn er sieht, wie die 18-Jährige dreifache Mutter in einer Talkshow einen Heulkrampf bekommt. Und er kann sich bedeutsamer fühlen, wenn ein sich selbst überschätzender, emotional unreifer Teenager die Jury schief in Grund und Boden plärrt.
Und der Zuschauer muss sich selber nicht hinterfragen oder sich Vorwürfe machen. Denn schließlich sind diese Leute es doch selber schuld, wenn sie sich öffentlich zum Vollpfosten machen.

Doch durch den Faktor Social Media ist inzwischen etwas hinzugekommen. Wer auf seinem Handy auf Instagram, Facebook, YouTube oder Telegram guckt, blickt in den Abgrund der Mittelmäßigkeit. Amateur ist das neue Schwarz, Idiotie ist gesellschaftsfähig geworden.

Das gefährliche daran ist aber, dass viele Menschen verlernen zu unterscheiden. Und verlernen zu hinterfragen.

Es war doch zu erwarten

Gerade wurde ein amerikanischer Präsident abgewählt, der zuvor nicht nur durch deutliche Anzeichen einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung auffällig war. Sondern auch noch eine überraschend lange Liste von Kompetenzen vermissen ließ, die man von einem Staatschef der so genannten aufgeklärten westlichen Welt eigentliche erwarten würde.

In Brasilien ist ein ultrakonservativer Präsident an der Macht, der entgegen jeglicher Rationalität weiterhin riesige Flächen Regenwaldes abholzen lässt, wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorm internationalen Strafgerichtshof angeklagt werden soll und Corona ignoriert.
Und sowohl in Polen als auch in Ungarn wird die Pressefreiheit von nationalistischen Regierungen zu Grabe getragen, was von der EU aus wirtschaftlichen Gründen ignoriert wird, so gut es eben geht.

Seit 2014 gingen völkische und rassistische Rechtspopulisten in Dresden spazieren. Diese wurden inzwischen, befeuert und ausgenutzt durch rechtsradikale Organisationen, durch selbsternannte Querdenker abgelöst. Die allen Ernstes darüber diskutieren, sie wären nicht rechtsradikal, während vorm Brandenburger Tor und auf der Treppe des Reichstages die demokratiefeindliche Reichsflaggen geschwenkt werden. Zum Mitläufer reicht es allemal; spätestens dann, wenn mit Sophie-Scholl-Vergleichen verdreht wird, wer der Widerständler und wer der Mitläufer ist.

Das alles war durchaus zu erwarten. Niemand sollte sich fragen müssen, wie das passieren konnte.
Historiker werden in hundert Jahren sehr nüchtern formulieren, dass die Menschen Angst vor einer immer komplexer werdenden Welt hatten. Und aus reiner Überforderung durch die Revolutionierung unserer Kommunikation nicht mehr in der Lage waren, auf Logik basierende Schlussfolgerungen zu ziehen. Weshalb sie versucht haben, zwanghaft an alten kulturellen Werten festzuhalten.
Die Frage ist nur, ob die Historiker das in hundert Jahren auch sagen können und dürfen.

Durchschnittlichkeit als Maßstab

Die tatsächliche Gefahr geht nicht davon aus, dass Influencer auf Tik Toc oder Telegramm versuchen anderen zu erklären, wie sie ihr Leben zu leben haben. Denn sie werden eh scheitern, sowohl die Influencer wie auch ihre Nachahmer.
Die Gefahr geht auch nicht von den Verschwörungsmystikern aus, die in immer kruderen Phantasien ihre Mitläufer von der Gefahr der Fremdbestimmung überzeugen wollen, die in jeder Gesellschaft zum kulturellen Konsens und Schutz vor der Selbstzerstörung herrschen muss.

Macht man heute Pornhub auf, sieht man dort keine Pornodarsteller mit überdurchschnittlichen primären Sexualorganen. Sondern zumeist sehr unansehnliche Amateure, die in immer skurrileren Spielarten ebenso unansehnlich vor sich hin kopulieren. Was aber nicht dazu führt, dass die Qualität durch Nachfrage gehoben wird, sondern dass immer mehr noch unansehnlichere Amateure sich ermutigt fühlen, ihre schlecht beleuchteten Filmchen zu veröffentlichen.
Das ist nicht schön anzusehen, es ist ein Spiegel unserer Gesellschaft, aber eben auch keine Gefahr.

Die Gefahr sind jene, die verlernen zu hinterfragen. Die sich und ihre gefühlte Wahrheit für gleichwertig mit Fakten halten. Die glauben, ihre eigene Durchschnittlichkeit sei der Maßstab aller Dinge.

Jeder Hat ein Recht auf eine Meinung, aber niemand hat ein Recht auf eine eigene Wahrheit.

Will man über den aktuellen Stand der Meinungsfreiheit diskutieren, ist es unabdingbar, dass man das Gesetz verstanden haben muss, in dem sie verankert ist.
Will man über die Sinnhaftigkeit von PCR-Tests diskutieren, muss man zumindest im theoretischen Ansatz verstanden haben, wie sie funktionieren. Und will man darüber diskutieren, ob positive PCR-Tests dem Infektionsschutzgesetz genügen, muss man sogar beides halbwegs verstanden haben.
Und will man über die Gefahr durch Corona diskutieren, muss man Mutationen und exponentielles Wachstum verstanden haben.

Will man über Flüchtlinge aus Afrika diskutieren, muss man verstanden haben, was Seenotretter tatsächlich tun und wie die Situation in den Ländern ist, aus denen die Menschen fliehen.
Will man über das Klima diskutieren, muss man zumindest den Unterschied zwischen Klima und Wetter verstanden haben.
Und will man über eine Merkeldiktatur diskutieren, muss man zumindest verstanden haben, wie unsere Demokratie funktioniert.



Jeder ist öffentlich

Das ist es, weshalb die Fronten sich verhärten. Warum unsere Gesellschaft sich scheinbar spaltet. (Wobei unsere Gesellschaft sich eigentlich gar nicht wirklich spaltet, sondern ein kleiner Teil sich von einem über Jahrzehnte geltenden Konsens abspaltet.)

Denn durch Social Media ist jeder in die Lage versetzt, sich selber und seine Meinung öffentlich zu machen. Vor 20 Jahren hätte es dafür noch ein Studium oder zumindest rudimentäre Kenntnisse von Web-Editoren gebraucht. Heute bekommt jeder Dahergelaufene die Aufmerksamkeit, die er anders nicht erlangen kann und sich doch so ersehnt.

Nun passiert das, was die eigentliche Gefahr ist: Menschen halten Ihre Meinung, ihr persönliche, gefühlte Wahrheit, für richtig, wichtig und relevant.
Und so muss jede Diskussion scheitern. Denn zu einer konstruktiven und zielführenden Diskussion gehört zwangsläufig, dass die Diskussionsteilnehmer über einen Informationskonsens verfügen. Dass sie zumindest in den Grundlagen wissen, worüber sie und die anderen sprechen.

Doch das ist seit einigen Jahren nicht mehr so.
Denn selbst wenn viele Diskussionen im Netzt freundlich und konstruktiv geführt werden – was eher unüblich ist – läuft es häufig darauf hinaus, erstmal über Informationen zu diskutieren. Überhaupt erstmal einen Stand zu erreichen, diskutieren zu können.
Das muss scheitern. Denn derjenige, der seine Meinung möglichst laut vertritt, will nicht belehrt werden. Eine kommunikative Sackgasse.

Wozu noch zuhören?

Und das ist schwierig denjenigen zu vermitteln, die meist mit einem abgeschlossenen Studium der Geisteswissenschaften in multimedial übertragenen Diskussionsrunden sitzen und dazu auffordern, man müsse den Menschen zuhören. Man müsse dem Rechnung tragen, dass viele sich abgehängt fühlen und Zukunftsängste haben. Man dürfe diese Menschen nicht verspotten oder ausgrenzen.

Abgesehen davon, dass die so Argumentierenden etwas sehr grundsätzliches Vergessen: Diese lauten Social Media Nutzer haben sich ja nicht im stillen Kämmerlein erst einmal belesen oder die Nacht mit Wikipedia verbracht. Diese Menschen haben sich eine Meinung gebildet und beschlossen, sie ohne die lästige Störung durch Fakten öffentlich zu machen.

Man hat diesen Menschen zugehört. Ständig.
Man hat zugehört, als Ungarn einen Zaun gebaut hat und ihnen weiter Geld gegeben. Man hat Polen zugehört, als die Regierung die Pressefreiheit eigeschränkt und Schwangerschaftsabbrüche verboten hat, und sie weiter mit Subventionen belohnt.
Man hat den Nationalisten in den USA zugehört, bis private Milizen wieder auf dem Vormarsch waren und beim Sturm des Capitols zwei Polizisten erschlagen und 56 verletzt wurden.
Man hat zugehört und versucht zu reden, als die Spaziergänger in Dresden „Absaufen“ gebrüllt haben. Und nun ist das Netz voll von Versuchen PCR Tests, Inzidenz und Übertragungswege zu erklären.
All das hat nichts gebracht.

Die Frage ist, warum man erneut versuchen sollte, ein Problem mit den gleichen Mitteln zu lösen, und allen Ernstes ein anderes Ergebnis erwartet.

Wir sind das Problem

Wir alle sind das Problem.

Auf der einen Seite diejenigen, die solchen Menschen durch Aufmerksamkeit überhaupt erst eine Stimme geben. Die Medien konsumieren, in denen Menschen ihre kruden Theorien verbreiten können. Die mit solchen Menschen überhaupt noch diskutieren, wenn sie nicht einmal das nötige Grundwissen mitbringen, um solche Diskussionen überhaupt konstruktiv führen zu können.

Und auf der anderen Seite diejenigen, die ihre fundamentlose Meinung herausposaunen und sich damit Relevanz einreden. Diejenigen, die sich nicht informieren. Diejenigen, die nie gelernt haben sich zu informieren.

Wir leben in großen Zeiten. Denn was gerade stattfindet, ist tatsächlich nichts weniger, als eine Revolution.
Nach der Beherrschung des Feuers, der neolithischen Revolution und der Arbeitsteilung wird diese Revolution erneut die Menschheitsentwicklung dramatisch verändern. Das ist durch nichts aufzuhalten.
Und wir sind dabei, es exorbitant zu verkacken.

Es wächst eine Generation heran, die der Gefahr ausgesetzt ist, nicht mehr zwischen einem professionellen Nachrichtensprecher und einem YouTuber unterscheiden zu können.

Das Informationszeitalter ist angebrochen. Wir konsumieren Informationen. Jeder muss für sich selber entscheiden, was er konsumiert.
Aber Casting-Shows, Influencer auf Instagram, Verschwörungsmystiker, Esoterikvideos, angebliche Wissenschaftler auf YouTube und anderer Abfall der Informationsgesellschaft sind ein denkbar schlechter Start.


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Joey Hoffmann

Joey Hoffmann

Begründer und inhaltlich Verantwortlicher bei vapers.guru
Freier Redakteur, zuvor angestellter und selbstständiger Marketingberater und Mediengestalter, Fachbereich Facebook und Wordpress. Mitglied des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes und des Bündnis für Tabakfreien Genuss.