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Völlig überschätzt: Die Zahl der Dampfer in Deutschland

Nix genaues weiß man nicht

Immer wieder werden Zahlen von Dampfern genannt. Die häufig völlig überzogen sind.
Es ist sinnvoll, das einmal sachlich zu hinterfragen.

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Nutzer von E-Zigaretten nennen sich „Dampfer“. Doch streng wissenschaftlich ist das kein faktischer Begriff. Übrigens ebenso wenig wie „Raucher“.
Denn wann ist jemand ein „Raucher“? Wenn er einmal an einer Zigarette zieht? Wenn er einmal am Tag eine Zigarette raucht? Wenn er Abhängigkeitssymptome hat, oder selbst wenn er gar keine hat? Und ist „Genussraucher“ mehr als ein Marketing-Neologismus von Zigarrenherstellern?

Die Antwort ist sehr einfach: Man muss es definieren.
Und das gilt auch für Dampfer. Jede Studie muss definieren, was für sie ein Dampfer ist. Und diese Definition steht dann auch in jeder Studie drin.

Beispielsweise berufen sich viele Schlagzeilen von horrenden Zahlen von Jugendlichen, die in einer angeblichen „Nikotin-Pandemie“ mit Dampfen anfangen, auf Erhebungen. Schaut man dann in diese Erhebungen, ergibt sich ein anderes Bild. Denn dort werden dann Nutzer als so genannte „ever user“ angegeben. Also alle, die jemals an einer E-Zigarette gezogen haben.
Was dann natürlich enorm ist. Denn Jugendliche probieren viel aus. Alkohol, Drogen, Zigaretten und eben auch E-Zigaretten. In der Suchtforschung, Soziologie und Psychologie spricht man von „Probierkonsum“.

Seriösere Studien, vor allem aus Großbritannien, definieren „Dampfer“ aber anders. Meist nach einer so genannten Prävalenz innerhalb eines Zeitraums. Also beispielsweise, wie häufig jemand innerhalb der vergangenen drei Wochen eine E-Zigarette genutzt hat. Und dann sind die Zahlen plötzlich überhaupt nicht mehr dramatisch.

Noch weniger dramatisch und noch zuverlässiger wird es dann, wenn man sich die Zahlen über längere Zeiträume anschaut. Also beispielsweise wie viele Jugendliche über die vergangenen Jahre angegeben haben, innerhalb der letzten Wochen gedampft und geraucht zu haben. Da zeigt sich dann, dass der Konsum von Nikotin insgesamt weiter rückläufig ist. Keine „Nikotin-Pandemie“ weit und breit.

3 Millionen Dampfer?

Natürlich wollen viele wissen, wie viele Dampferinnen und Dampfer es in Deutschland gibt.

Eine Zeit lang war es so, dass der Händlerverband VdeH Zahlen veröffentlicht hat. Da war dann schnell einmal von mehreren Millionen die Rede.
Doch ein Händlerverband kann das nur angeben, indem er seine Mitglieder fragt: „Wie viele Kunden habt ihr?“ Und dann schätzt man den Rest.
Das ist natürlich sehr ungenau. Denn viele Kunden werden bei mehr als einem Unternehmen etwas bestellen. Würden also doppelt gezählt. Und dann ist noch die Frage, wie man daraus dann eine Gesamtmenge errechnet.

Das gilt nicht nur für die E-Zigarette. Gesundheitsorganisationen bemühen immer wieder solche Umfragen. Um zu zeigen, wie erfolgreich ihre Arbeit ist und wie weit die Raucherzahlen zurückgegangen sind.
Man darf es ruhig sagen: Die Bemühungen dieser Organisationen haben in den vergangenen Jahren kaum – um nicht zu sagen keinerlei – Erfolg gezeigt. Deutschland gehört in Europa nach wie vor zu den Spitzenreitern bei den Rauchern.

Inzwischen gibt es aber die DEBRA Studie (Deutsche Befragung zum Rauchverhalten). Die eigentlich keine „Studie“ ist, wie man sie erwartet. Sondern eine fortlaufende Erhebung mit regelmäßigen Befragungen.
Diese finden seit 2016 statt und bietet damit natürlich eine Menge Material. Und gelten als sehr zuverlässig. DEBRA ist der Gold-Standard in diesem Bereich.
Durchgeführt wird diese Erhebung durch ein Team unter der Leitung von Prof. Dr. Daniel Kotz an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf.



Es sind viel weniger

DEBRA gibt aktuell an, dass 2 Prozent der 2000 Befragten im Befragungszeitraum eine E-Zigarette genutzt haben. Zu den Befragten zählen alle Erwachsenen ab 14 Jahren. Das müsste man auf die Gesamtbevölkerung dieser Altersgruppe umlegen. Laut Statistischem Bundesamt (Destatis) in Wiesbaden wären das bundesweit 72,7 Millionen Menschen.

Das heißt, dass aktuell 1,4 Millionen Menschen eine E-Zigarette nutzen.
Dabei sollte man aber beachten, dass diese Selbstauskünfte stark schwanken. Im Herbst 2019, während der so genannten Evali Krise in den USA, waren es nur 0,5 Prozent der Befragten. Das wären also nur 363.500 Dampferinnen und Dampfer in ganz Deutschland.

Die Schwankungen sind auch dadurch zu erklären, dass darunter natürlich auch alle Jugendlichen und junge Menschen fallen, die nur mal die E-Zigarette ausprobiert haben.
Und es fallen auch die so genannten Dual User darunter. Also die, die sowohl E-Zigaretten nutzen, als auch konventionelle Tabakzigaretten, Shisha oder andere Produkte. Und je nach Befragung sind das tatsächlich recht viele. Bis zur Hälfte und darüber hinaus.

Geht man also von der derzeitigen Spitze von 1,4 Millionen Nutzer aus, ist es sicher vertretbar, von 800.000 Dampferinnen und Dampfern auszugehen. Also jenen, die ausschließlich und regelmäßig E-Zigaretten nutzen.
Man muss aber deutlich anmerken, dass das sehr hoch gegriffen und zugunsten der Dampfer ist. In der Realität werden es weit weniger sein.

Die Nutzer der Tabakerhitzer, also der IQOS von Philip Morris International und der Glo von British American Tobacco, werden mit 0,4 Prozent angegeben. Wobei das hauptsächlich Nutzer der IQOS sein dürften, da die Glo gerade erst an den deutschen Markt geht.
Das wären dann knapp 300.000 Nutzer. Was für ein bzw. zwei einzelne Produkte natürlich sehr viele sind. Die Nutzer der E-Zigarette teilen sich ja unter tausenden verschiedenen Produkten auf.

Quelle: https://www.debra-study.info; Oktober 2021

Ein völlig anderes Bild

Diese Zahlen werfen ein deutlich anderes Licht auf die Nutzer und vor allem auch auf die Online-Echokammer der Dampferinnen und Dampfer.
Nicht nur, dass es nicht so viele sind. Wie oftmals die Nutzerzahlen der Social Media Plattformen, vor allem YouTube, implizieren. Sondern dass es auch eine sehr hohe Fluktuation gibt.

Es gibt auch eine Ahnung davon, warum die Tabakkonzerne verstärkt auch in diesem Markt Fuß fassen wollen und können. Denn ihre Produktpolitik zielt eben nicht auf flexible, offene Systeme und einen vielfältigen Markt. Sondern auf eine hohe Kundenbindung an wenige, lange gleichbleibende Produkte. Damit bedienen sie heute bereits einen großen Teil der Nutzerinnen und Nutzer, die sich für weniger schädliche Produkte interessieren.

Wichtig ist dies auch für die politische Interessensvertretung für die E-Zigarette und andere Tobacco Harm Reduction Produkte. Denn nur etwa 20 Prozent der Raucherinnen und Raucher wollen während ihrer lebenslangen Konsumkarriere überhaupt aufhören. Die Maßnahmen und Programme der Politik und Gesundheitsorganisationen zielen jedoch nur darauf, diese Menschen zu erreichen. Konsumstopp ist einziges Ziel, im Englischen spricht man von „Quit Or Die“.
Laut DEBRA rauchen aktuell 33,6 Prozent. Das sind über 24 Millionen Menschen.
Auch der aktuelle Bericht der Drogenbeauftragten der Bundesregierung spricht sehr klar von „aufhörwilligen“ Rauchern.

Damit werden die vielen Raucherinnen und Raucher ignoriert, denen weniger gesundheitsschädliche Produkte eine Alternative im Sinne der öffentlichen Gesundheit bieten könnten, ohne den Konsum einstellen zu müssen.


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Joey Hoffmann

Begründer und inhaltlich Verantwortlicher bei vapers.guru
Freier Redakteur, zuvor angestellter und selbstständiger Marketingberater und Mediengestalter, Fachbereich Facebook und Wordpress. Mitglied des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes.