Gastbeitrag durch die Lobby: Professor verbreitet Falschaussagen

In einem Gastbeitrag auf Tagesspiegel verbreitet ein Professor Falschaussagen. Erst auf dem zweiten Blick erkennt man, dass es sich um einen Vertreter der Gesundheits- und Pharmalobby handelt.

header-advert

Tagesspiegel Background ist ein kostenpflichtiges Angebot des Tagesspiegels. Dort werden tiefergehende Artikel und Interviews veröffentlicht, die weniger massentauglich sind.
Am 03. März wurde ein Interview mit dem ehemaligen Krebsforscher Dr. Alexander Nussbaum veröffentlicht, der inzwischen für den Tabakkonzern Philip Morris International arbeitet. Seine Aufgabe als Leiter der Abteilung Scientific & Medical Affairs ist es, die Tobacco Harm Reduction zu erklären und bekannt zu machen. Ihm zur Seite stand die Geschäftsführerin Claudia Oeking.
PMI hat unlängst erklärt, sich aus dem Geschäft mit verbrennbarem Tabak zurückzuziehen.
Der Artikel ist hinter einer Anmelde-Barriere verborgen.

Dass dort Vertreter eines Tabakkonzerns zu Wort kommen, konnten einige wohl nicht so stehen lassen. Und so veröffentlichte Prof. Dr. Wulf Pankow am vergangenen Freitag einen Gastbeitrag auf dem gleichen Portal. Der nicht hinter einer Anmelde-Barriere verborgen ist. Unter dem Titel „Sind E-Zigaretten geeignet zur Tabakentwöhnung?“

Dieser Beitrag ist wirklich bemerkenswert. Denn noch nie war das Priming und die bewusste Verzerrung der Lobbyisten so kurz und bündig komprimiert wie hier. Gespickt mit einigen falschen Tatsachenbehauptungen. Oder wie es aktuell heißt: Alternativen Fakten.

Dem dramaturgischen Aufbau geschuldet, gehen wir einmal den Fließtext durch. Dann ist es viel lohnenswerter zu betrachten, wer Prof. Dr. Wulf Pankow ist.

Die Bedeutung von Harm Reduction

Harm Reduction bedeutet, den gesundheitlichen Schaden von Konsumenten abzuwenden, die ein für sie schädliches Verhalten nicht bleiben lassen können oder wollen. Die bekannteste Harm Reduction Maßnahme dürfte wohl das Bewerben von Kondomen beim Aufkommen von AIDS gewesen sein. Auch die Gabe von Methadon an Heroinabhängige ist eine solche Maßnahme.

Prof. Dr. Wulf Pankow, 2020 | Quelle: Screenshot

Bei der Tobacco Harm Reduction beruht alles auf einer simplen, wissenschaftlichen Tatsache: Nikotin ist für sich nicht sonderlich schädlich. Die Gesundheitsschäden durch das Rauchen – vor allem bei Zigaretten – entstehen durch die jahrzehntelange Inhalation der Verbrennungsstoffe, genannt Teer.
Fällt das weg, sind die gesundheitlichen Folgen nahezu ausgeschaltet. Und genau das passiert bei E-Zigaretten, Tabakerhitzern und Snus.

Die britische Gesundheitsbehörde Public Healt England, die dem Gesundheitsministerium untersteht und eine riesige Forschungsabteilung unterhält, hat inzwischen offiziell festgestellt, dass E-Zigaretten mindestens 95 Prozent weniger schädlich als Tabakzigaretten sind. Das Krebsrisiko schätzt sie auf 99,5 Prozent geringer.
Diese Ergebnisse überprüft sie seither jährlich und weist seit Jahren immer bessere Ergebnisse für diese THR-Produkte nach.

Falschaussagen, Priming und Framing

Zunächst stellt Pankow in seinem Gastbeitrag korrekterweise fest, dass Raucher mit diesem Argument zum Umstieg bewegt werden sollen. Doch schon im vierten Satz beginnt Pankow mit dem, was die Psychologie als Priming und Framing bezeichnet.

So behauptet er, die Tabakindustrie setze auf ein „neues Geschäftsmodell“, „um dem Rückgang des Tabakkonsums zu begegnenund sich neue Käuferschichten zu erschließen“.

Das mag naheliegend erscheinen, wenn man sich nicht mit der Materie auskennt.
Tatsächlich ist es aber so, dass der Tabakerhitzer IQOS (I Quit Ordinary Smoking) aus dem Hause PMI gar nicht dazu geeignet ist, „neue Käuferschichte“ (also Nichtraucher, i.e. Nikotinnaive) zu erschließen. Denn er ist teurer als normale Tabakzigaretten. Geschweige denn selbstgestopfte Zigaretten.
Es ist doch absurd zu glauben, ein 14-Jähriger investiere zum Einstieg 50 Euro für ein Gerät plus die eigentlichen „Zigaretten“, um mit dem Rauchen anzufangen. In Deutschland ist das nämlich das durchschnittliche Einstiegsalter in den Konsum.

Zudem wird mit diesem Priming gleich eine zweite Verknüpfung im Kopf der Leser erschaffen. Nämlich zur E-Zigarette. Doch die ist nicht von Tabakkonzernen „erfunden“ worden, sondern von einem chinesischen Apotheker namens Hon Lik. Und gewachsen in einer Grassroot Bewegung von ehemaligen Rauchern weltweit, die sie bekannt und erfolgreich gemacht haben.
PMI stellt derzeit gar keine E-Zigaretten her, die einig bekanntere Marke ist die Vype aus dem Hause British American Tobacco. Nach Umfragen im Fachhandel machen diese Produkte höchstens sechs Prozent des Umsatzes aus. Meist über Tankstellen und Kioske, viele Vape Shops haben diese Produkte gar nicht im Angebot.



Wissenschaft von vor 40 Jahren

Gegen den Ansatz der Tobacco Harm Reduction (Tabak-Schadensminimierung) sprechen aus Pankows Sicht mehrere medizinische Gründe.

Zunächst, so Pankow, sei Nikotin ein „sehr starker Suchtstoff“. Was schlicht unwahr ist. Und nicht wahrer dadurch wird, dass es seit Jahren ständig wiederholt wird. Es gibt weltweit nicht eine verlässliche, reproduzierbare Studie, die Nikotin eine Suchtwirkung nachweist.
Auch dass Politiker – beeinflusst durch Lobbyinteressen – beschlossen haben, es müsse auf Verpackungen gedruckt werden, macht es nicht wahrer. Denn da muss ja auch draufstehen, dass Tabak enthalten ist, wenn gar kein Tabak drin ist.

Zigaretten machen Abhängig, das ist unbestritten. Aber eben nicht Nikotin in Abwesenheit von Tabak. Diese Gleichsetzung stammt aus Zeiten, in denen es Nikotin eben nur im Tabak gab.
Wäre das Nikotin der einzige Grund für Raucher zu rauchen, müssten ja die Ersatztherapien wie Sprays und Pflaster der Pharmaindustrie funktionieren. Die haben aber eine Erfolgsbilanz, die sich nicht relevant vom kalten Entzug unterscheidet. Nur etwa fünf Prozent aller Raucherinnen und Raucher gelingt damit der Ausstieg.

Zudem gibt es auf der Welt Millionen von Konsumenten von Shisha, Pfeife, Kautabak und Snus, die keinerlei Anzeichen einer Abhängigkeit entwickeln. Auch der hochverehrte Suchtforscher Dr. Fagerström hat seinen bekannten Test schon vor Jahren umbenannt, von „Test für Nikotinabhängigkeit“ zu „Test für Zigarettenabhängigkeit“. Weil er festgestellt hat, dass an Zigaretten noch etwas anderes sein muss, als nur das Nikotin.

Pankow schiebt hier also ein Argument unter, dass schon seit Jahren wissenschaftlich nicht mehr haltbar ist.

Lesen Sie weiter:

The following two tabs change content below.

Joey Hoffmann

Begründer und inhaltlich Verantwortlicher bei vapers.guru
Freier Redakteur, zuvor angestellter und selbstständiger Marketingberater und Mediengestalter, Fachbereich Facebook und Wordpress. Mitglied des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes.