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Warum Petitionen keinen Sinn machen

Ein psychologischer Exkurs

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Dank Netz 2.0 sind wir 2016 bei einer Empörungskultur angekommen, die nur noch zum kotzen ist. Es wird gemotzt was das Zeug hält. Und es wird vereinfacht so weit es geht. Die Welt wird schwarz-weiß.
Steht jemand der Flüchtlingskrise gelassen gegenüber, ist er ein Bahnhofsklatscher. Hat er Ängste oder etwas gegen eine Zuwanderung von Millionen Menschen, ist er ein Nazi. (Obwohl das tatsächlich wenige behaupten, außer Wutbürger in Opferrolle.) Versucht jemand vernünftig über Politik zu argumentieren, ist er Schlafschaf. Oder wahlweise ein Wahlschlafschaf.
Differenzierung war gestern, heute wird auf die Kacke gehauen. Mal eben zwischen Mettbrötchen und Bildzeitung in der Frühstückspause seine Wut ins Handy gehauen. Ein bisschen Revolution geht immer.

Demokratie ist scheiße!

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“Demokratie fickt derbe!” Aristoteles

Leider ist das inzwischen auch bei den Vapern nicht nur angekommen, sondern es ist Mode. Da wird auf die Demokratie geschimpft, nur weil man nicht einsehen will dass Vaper schlicht die Minderheit einer Minderheit sind. Nämlich ein verschwindend kleiner Bruchteil von Nikotinkonsumenten.
Niemand behauptet, dass die TPD toll ist. Eigentlich ist sie sogar ein grandioser Griff ins Klo. Aber das kann doch nicht ausreichend sein, gleich eine ganze Staatsform in Frage zu stellen. Wahrscheinlich zücken einige der Leute, die noch eine eingeschworene kleine „Dampfer Community“ glauben, Heugabeln und Fackeln, wenn man sich erkäcket und erdreistet auszusprechen dass die TPD2 auch Gutes zu bieten hat. Beispielsweise eine Bereinigung des Marktes. Damit nicht jeder fusselige Hartz IV Empfänger in der Garage Chemie zusammenschütten und sie als Premium Liquid vertickern kann.
Aber nein, so differenziert wollen wir ja nicht da ran gehen.
Obwohl es doch schon verwunderlich ist, dass wann immer man fragt welche Nachteile Dampfer bis jetzt von der TPD hatten, ausweichende Antworten kommen. Im Zweifelsfall kommt immer das Totschlagargument „Das kommt noch“. Es wird ja alles immer schlimmer, schon seit dem ersten Weltkrieg.

Diejenigen die am lautesten schreien, können meist nicht einmal TPD und deutsches Gesetz auseinanderhalten. Befeuert durch YouTuber, die immer noch etwas von einer TPD faseln, obwohl die seit dem 20. Mai für Deutschland und Österreich schlicht bedeutungslos ist. Und für die Schweiz eh.
Die allermeisten haben das Gesetz nicht einmal gelesen.
Das ist Demokratie 2016: Nicht kapieren was geht, aber hauptsache dagegen.

Ein Abstecher in die Psychologie

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Freimaurer: Ich darf nicht mitspielen, also planen die die Weltherrschaft

Machen wir mal einen kurzen Abstecher in die Psychologie.
In der Psychologie gibt es schon länger den Begriff der Selbstwirksamkeitserwartung. Der Begriff sagt eigentlich schon alles. Er beschreibt, wie sehr jemand davon überzeugt ist, durch eine Handlung eine Wirkung erzielen zu können. Ein Teil davon ist die Kontrollüberzeugung, also in wie weit jemand denkt Dinge kontrollieren zu können.
Wie hoch diese SWE bei jemandem ausgeprägt ist, liegt natürlich auch viel an seiner Erziehung. Aber auch an Erfahrungen die er bis jetzt gemacht hat. Ist jemand als Kind oft gescheitert, zum Beispiel bei Klassenarbeiten oder dem Führerschein, dann prägt das sein Selbstbild. Es prägt, wie er sich und die Welt sieht. Um es vereinfacht zu sagen, es ist ungefähr das, was nicht-Psychologen allgemein als Selbstbewusstsein bezeichnen.

Ein zweiter Aspekt ist mindestens genauso spannend. Nämlich dass die Geschehnisse durch das Zeitalter der Information ganz nah zu kommen scheinen.
Noch vor 30 Jahren hat der Schweißer Eures Vertrauens sehr früh morgens die Stempeluhr gedrückt und ist auf Maloche verschwunden. Ist in der Zeit ein Flugzeug vor Papua-Neuguinea abgestürzt, hat er davon nichts mitbekommen. In der Pause hat er seine Zeitung gelesen und wusste nichts davon. Wenn er nach Hause kam und mit Mutter zu Abend gegessen hatte, hat er sich seine Flasche aufgemacht und die Nachrichten geschaut. Und dort hat er vielleicht davon erfahren, dass irgendwo im Pazifik eine Maschine verschwunden ist. Sonst nichts. Denn die Medien waren ja auch noch nicht so fix. Es hat ihn nicht weiter interessiert. Irgendwann nach Tagen hat er erfahren dass Wrackteile gefunden wurden, vielleicht nach zwei Wochen einmal der Flugschreiber, und nach zwei Monaten stand dann eine Meldung auf der letzten Seite seiner Zeitung dass es ein Triebwerkschaden war.
Es hat seine Lebensrealität überhaupt nicht tangiert. Er war glücklich.
Im Zeitalter der Kommunikation sieht das anders aus. Eine Maschine verschwindet vom Radar, und die Fluggesellschaft twittert 20min später dass die Maschine weg ist. Das geht an die dpa, die bringt eine Meldung raus. Alle Medien hängen sich da dran. Auf den Nachrichtensendern läuft eine Sondersendung im Livestream mit Ticker. Und der muss gefüttert werden. Wer hat wann seinen Schwachsinn dazu gegeben? An welchem Strand wurde eine Unterhose angespült und kann sie aus der Maschine stammen? Wie lange war der Pilot im Dienst und wie wurde die Maschine gewartet? Wir schalten um zu einem Live Interview mit der depressiven, islamischen Mutter der ersten Stewardess.
Eine halbe Stunde nach der Meldung sind Menschen am anderen Ende der Welt tatsächlich erzürnt nicht mehr zu erfahren und wittern eine Verschwörung. Während die Suchteams noch tanken und sich den Hosenstall zumachen.
Wir sind völlig überfordert mit dem Informationsoverflow. Wir können gar nicht mehr trennen, was für uns jetzt wichtig ist und was nicht. Es ist irgendwie ganz nah, obwohl es keinerlei Auswirkung auf unsere Lebensrealität hat.

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Muster erkennen: Optische Illusionen

Das menschliche Hirn neigt dazu Muster zu identifizieren. Das liegt in unserer Natur.
Spielen wir eine Schallplatte rückwärts ab, versuchen wir eine Nachricht zu hören. Sehen wir ein verpixeltes Foto von einem Baumstamm der im Loch Ness treibt, erkennen wir ein Monster. Das Hirn gibt Dinge vor, die wir erwartet haben.
Das blöde am menschlichen Hirn ist nämlich, dass es auch Muster erkennt wo gar keine sind. Und nur um mal richtig auf die Intelektuellenkacke zu hauen: Carl Gustav Jung bezeichnete das als „Synchronizität“. Ein Freund erzählt etwas über Regen, und in dem Moment fängt es an zu Regnen. Es muss eine Vorsehung geben. So erklären sich auch 99,9% aller Religionen. Außer Zen. Zen kennt keinen Gott. Nicht einmal Erklärungen.
Der Mensch ist ganz schön blöd.

Man könnte denken, das DKFZ und die WHO wollten nur unser Bestes. Das ist einfach und reduziert. Das ist aber bereits das erste Fehlurteil, denn eigentlich wollen sie nicht unser Bestes, sondern ihr Bestes. Ihr Erfolg wird gemessen an ihnen, nicht daran ob wir alle 0,2% gesünder sind. Selbst wenn sie unser Bestes irgendwie wollen würden.
Und jetzt beeinflussen sie tatsächlich Politiker -was natürlich unstrittig ist- eine TPD zu beschließen die uns Vapern nicht passt. Es ist naheliegend dort ein Muster zu erkennen. Und dann ist der Wutruf in der Frühstückspause sehr schnell bei der Hand: Bestechung!
Die Möglichkeit, dass Politiker aber wirklich einfach glauben was ihnen da gesagt wird, ist schon viel zu komplex. Denn irgendwie hoffen wir ja insgeheim, dass Politiker alles genau wissen. Wir wollen uns sicher und beschützt fühlen. Es ist viel einfacher einem Politiker Bestechlichkeit zu unterstellen als Doofheit. Denn das wäre beängstigend. Und dass die Idioten von der WHO tatsächlich überzeugt sind von dem was sie tun ist erst recht unglaubwürdig.

Und jetzt kommt noch etwas Zweites hinzu. Nämlich die geringe, erwähnte Selbstwirksamkeitserwartung.
Wir armen Vaper, wir erreichen ja so oder so nix. Wir werden nur von *trommelwirbel* denen da oben *und tusch* als Stimmvieh angesehen. Wir können gar nichts anderes tun um uns zu wehren. Wir armen Menschen, man nimmt uns ja alles weg.
Es gilt als wissenschaftlich nachgewiesen, dass Menschen mit geringer Selbstwirksamkeitswahrnehmung auch deutlich eher zu Verschwörungstheorien neigen. Durch das Kommunikationszeitalter bekommt jeder alles mit, und die mit wenig Selbstwirksamkeitserwartung fühlen sich auf einmal abgehängt. Weil wir unbewusst merken, dass wir doch nichts ändern können.
Der Gerüstbauer aus Bottropp kann nun einmal wenig Sinnvolles gegen islamistische Selbstmordattentate tun. Das ist die traurige Wahrheit des Lebens.
Wir sind durch die Waffenexporte ja für das Chaos mitverantwortlich. Auch wenn erstaunlich wenige IS Kämpfer deutsche Waffen in die Kamera halten. Aber das ist wenigstens eine bessere Erklärung als ein Chaos für das es gar keine einfachen Erklärungen gibt.

Petition gleich Revolution?

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Arischer Rock n’ Roll mit Chullo

Was jetzt aber offenbar einige meinen ist, man müsse nur seine Stimme erheben. Das versucht aber Pegida seit über einem Jahr auch. Und gebracht hat es nix. Denn dazu gehört leider mehr. Und das hat gar nichts damit zu tun, ob die Politiker das nun hören wollen, oder ob die alle fürchterlich bestochen sind. Man muss nämlich so mit jemandem Reden, dass es auch kommunikativ auf seiner Ebene passiert. Oder wie es in der Werbebranche heißt: Man muss Menschen da abholen wo sie sind. Wenn eine Hand voll Desorientierter einmal die Woche spazieren geht ist das keine politische Aussage. Es interessiert keinen. Da kann man in 20 Jahren noch spazieren. (Auch hier muss man differenzieren. Die, die da mitlatschen, und die, die Mitlatschende ausnutzen.)
Man muss von den Gesetzen Ahnung haben die man kritisiert. Mann muss halbwegs geradeaus Deutsch sprechen und schreiben. Man muss die Gesetze kennen, die diese Abläufe regeln. Und wenn eine Kamera auf einen gerichtet ist, sollte man sich nicht gerade in die Jogginghose gepisst haben.

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Das derzeit größte Portal um andere mit eigenen Befindlichkeiten auf den Sack zu gehen

Derzeit grassieren mindestens vier Vaper Petitionen im Netz, die allesamt völlig sinnlos sind.
Petitionen sind erst einmal nichts anderes, als das was Pegida ständig versucht. Sie sind die Erklärung eines Willens gegenüber anderen, den vielleicht möglichst viele mittragen. Also mit unterzeichnen. Petitionen kann man auch an Unternehmen oder Organisationen richten.
Damit das aber politisch etwas bringt, muss es auch rechtlich nach den vorgegebenen Regeln ablaufen. Sonst ist es ein Furz im Orkan. Das ist in Deutschland sehr genau definiert, zum Beispiel dadurch dass innerhalb von einem Monat 50.000 Menschen eine Petition unterzeichnen müssen. Nicht einmal einem Zehntel eines Prozentes aller Wahlbeteiligten. Dann schaut der Petitionsausschuss des Bundestages sich das auch genauer an. Er muss den Petenten, also den der die Petition eingereicht hat, dazu sogar anhören. Und eine Erklärung seines Beschlusses geben. Das passiert nicht nur öffentlich, sondern inzwischen sogar live übertragen. Das alleine ist ein großartiges Verfahren, das relativ einzigartig ist auf der Welt. Mehr Demokratie geht kaum.
Bei dieser Anhörung sollte man natürlich nicht daher stammeln als wenn man einen Presslufthammer in der Hose hat. Man muss da schon Rede und Antwort stehen können. Denn man sitzt dort ja nicht nur Vertretern der Regierung eines Volkes von 80 Millionen gegenüber, sondern Studierten, professionellen Politikern und Vertretern der Gremien, die die kritisierten Gesetze betreffen. Und um es mal ganz deutlich zu sagen, mit einem Hauptschulabschluss und einem Vokuhila wird es da schon schwer.
Man sollte in der Petition auch möglichst sehr konkret etwas benennen, das man umgesetzt haben möchte. „TPD ist doof“ mag zwar zwei Millionen Unterschriften bekommen, aber die Politiker werden dann achselzuckend fragen was sie denn nun ändern sollen.
Und man sollte auch wissen, ob die Bundesregierung überhaupt ändern kann was einen stört. Denn eine Petition “Der Himmel solle rosa sein” hat wenig Erfolgsaussichten. Im Falle der Vaper müsste man dann zumindest unterscheiden können wer die TPD beschlossen hat, wer das Gesetz beschlossen hat, und vielleicht sollte man sogar mal beide gelesen haben. Dann versteht man auch, dass die Regierung die TPD gar nicht ändern kann.

Wer mal wissen möchte wie es nicht funktioniert, sollte sich einfach mal die Farce um die Petition anschauen die 50.000 Unterzeichner erreicht hat, bei der der Vorsitzende der IG-ED ohne juristischen Beistand dann nachher da saß und abgewatscht wurde. Fremdschämen deLuxe.

Ihr wollt etwas für das Dampfen tun? Dann hört auf im besoffenen Kopp idiotische Petitionen zu verfassen, sie inflationär rauszuhauen, Vaper damit aussehen zu lassen wie Vollidioten und eine so grandiose demokratische Einrichtung wie das Petitionsrecht zu missbrauchen. Nur weil Euch ein Furz quer sitzt. Und wenn Ihr denkt die Politiker lachen über Euch, dann ist das wohl auch so. Aber aus ganz anderen Gründen als Ihr Euch einredet.

Tut es doch einfach

Überzeugt Raucher davon zu Dampfen. Geht einfach da raus und tut es. Damit habt Ihr für die Sache weit mehr getan, als mit idiotischen Petitionen auf change.org die von 2000 Wutdampfern unterzeichnet werden. Ihr habt damit aktiv dabei mitgeholfen dass wir immer mehr werden. Das Vaper damit eine lautere Stimme bekommen.
Und wenn Euch das zu abstrakt ist, dann könnt Ihr wenigstens davon ausgehen, dass Ihr bei einem Menschen das Krebsrisiko um das 20 fache gesenkt habt. Dürft Ihr auch gerne ein wenig drauf masturbieren.

Ihr könnt natürlich auch fix Jura studieren, Medien mit ins Boot holen und die Sache richtig aufziehen.
Wie Torch schon vor einem viertel Jahrhundert sinngemäß rappte: Du denkst Bullen behandeln dich scheiße? Dann geh zur Polizei und änder etwas!
Erst sehen was sich machen lässt, dann machen was sich sehen lässt. Aber wenn, dann doch bitte richtig.

Auch wenn wir uns wiederholen. Vapern fehlt das Selbstbewusstsein.
Uns wird das Dampfen keiner mehr nehmen. Dafür muss man sich keine Guy Fawkes Maske kaufen und in Muttis Sutterain einen auf Revolution machen. Es ist einfach so, feddisch.
Hört auf mit Ponyhof und Jammerei. Und sinnlosen Petitionen.
Aber die, die solche Petitionen verfassen, die lesen diesen Artikel eh nicht. Zu lang.

Wir sind Millionen!

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Joey Hoffmann

Begründer und inhaltlich Verantwortlicher bei vapers.guru
Freier Redakteur, zuvor angestellter und selbstständiger Marketingberater und Mediengestalter, Fachbereich Facebook und Wordpress. Mitglied des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes.