header-advert

Ärzteblatt: E-Zigaretten schädigen die Lunge

Und Ketchup macht doof

Gestern veröffentlichte die Online Plattform aerzeblatt.de einen Artikel zu einer Studie, die nachgewiesen haben soll, dass E-Zigaretten die Lunge schädigen.
Das Besondere an diesem Artikel ist, dass er wohl unbeabsichtigt erahnen lässt, wie zuverlässig die Schlussfolgerung aus der Studie ist.
header-advert

Gestern veröffentlichte aerzteblatt.de einen Artikel zu einer britischen Studie. Diese soll herausgefunden haben, dass E-Zigaretten die Lunge schädigen.
Richtigerweise aber noch nicht einmal das, denn der Artikel behauptet lediglich dass Makrophagen durch den Dampf geschädigt würden.

Das aerzteblatt.de ist das online Derivat des Deutschen Ärzteblatt. Herausgeber sind die Bundesärztekammer (Arbeitsgemeinschaft der deutschen Ärztekammern) und die Kassenärztliche Bundesvereinigung.

Sie vertreten also nicht zwangsläufig alle Ärzte, die Medizin oder die Wissenschaft per se. Sondern diejenigen, die unter anderem auch Umsätze mit Entwöhnungskursen oder Beratungen generieren.
Das soll keine Korrumpierbarkeit unterstellen. Sondern verdeutlichen, dass das Ärzteblatt nicht frei von Eigeninteressen ist.
Es stellt auch keine eigenen Forschungen an, sondern veröffentlicht lediglich Bekanntgaben anderer. Oder eigene, redaktionelle Beiträge.

EurekAlert! …wieder

In dem gestrigen Beitrag geht es um eine wissenschaftliche Studie, die im BMJ (British Medical Journal) in der Sparte Thorax (Brustkorb) erschienen ist.
Zu dieser Studie erschien vorgestern eine Pressemitteilung auf EurekAlert!, der offenen Plattform. Eingestellt von BMJ selber.

Diese Plattform, über die an dieser Stelle bereits mehrfach berichtet wurde, wird auch von Journalisten genutzt. EurekAlert! ist jedoch eine offene Plattform, ähnlich wie ein Forum. Jeder der dort Mitglied ist, kann einen Beitrag einstellen.
Die Beiträge werden inhaltlich nicht weiter überprüft.

aerzteblatt.de
Der Artikel auf aerzteblatt.de (Foto: Screenshot)

Ein Team von Wissenschaftlern der Universität Birmingham, der Universität Swansea und des SUNY Downstate Medical Center Brookly, New York, hat unter der Leitung von Prof. Dr. David R. Thickett die Wirkung von Dampf auf Makrophagen untersucht.

Makrophagen sind so genannte Fresszellen. Es sind Leukozyten, weiße Blutkörperchen, die zum Immunsystem gehören.
Sie bekämpfen Fremdkörper im Lungengewebe. Und nicht nur da.

Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass der Dampf aus E-Zigaretten diese Makrophagen schädigen kann.

Um das zu untersuchen haben sie Makrophagen von gesunden Menschen genommen und sie in Petrischalen gelegt.
Des Weiteren haben sie Dampf aus E-Zigaretten gezogen, um die Zellen damit behandeln zu können.

Besonderer Wert wurde darauf gelegt, dass eine neue Methode verwendet wurde, um den Dampf zu extrahieren. Dieser wurde aus der E-Zigarette gesogen und dann in sechs in Reihe verbundenen Fallen in einem Kältebad aufgefangen.

Die Forscher fanden heraus, dass der Dampf der E-Zigaretten ihre Lebensfähigkeit herab setzt.

„Wichtig ist, dass das Aussetzen der Makrophagen gegenüber dem Kondensat von E-Zigaretten Dampf viele der zellularen und funktionalen Veränderungen in deren Funktion verursachte, wie sie bei Zigarettenrauchern und Patienten mit COPD beobachtet wird.“
Pro-inflammatory effects of e-cigarette vapour condensate on human alveolar macrophages, BMJ, David R. Thickett et. al.

Veraltete Geräte verwendet

Soweit sind die wissenschaftlichen Ergebnisse eindeutig und auf dem Niveau von Laien wenig diskutabel.
Allerdings ergeben sich natürlich einige Probleme, die bei wissenschaftlichen Arbeiten zur E-Zigarette und deren daraus folgende Interpretation bereits recht bekannt sind.
Um diese Probleme zu verstehen, muss man weder Forscher noch Mediziner sein.

Zunächst ist es interessant zu sehen, welcher Aufwand betrieben wurde, um die Samples zu ziehen.
Die Quelle des Dampfes zeigt aber, dass dieses Thema auch nach Jahren der Forschung in dem Bereich der E-Zigarette immer noch erschreckend ignorant behandelt wird.

Erst wenn man in die PDF der Arbeit geht erfährt man, welches Gerät überhaupt verwendet wurde. Und das auch nur durch ein Bild.
Zwar wurde der Hersteller Kanger und die Produktion in Shenzhen benannt, nicht aber das Modell.
Das wäre vergleichbar mit einer Untersuchung zu Autoabgasen oder der Schadstoffbelastung in Fahrerkabinen, und als Quelle gibt man lediglich den Hersteller des Autos an.

Kangertech EVOD
Gutes Umsteigergerät. Vor fünf Jahren. Die EVOD von Kangertech mit 1,8 Ohm Coils.

Für die Untersuchung wurde eine Kangertech Evod verwendet.
Nach Angaben der Wissenschaftler handelt es sich dabei angeblich um ein in Großbritannien sehr beliebtes Gerät. Woher diese Einschätzung stammt ist ein Geheimnis der Wissenschaftler.
Die Bezeichnung der Firma als „Kanger“ und nicht als „KangerTech“ zeigt, dass offenbar nicht einmal das Internet zur Recherche genutzt wurde. Die Angegebenen Informationen finden sich auf der Verpackung.

Die EVOD war sicher eins der besten Einsteigergeräte. Sie ist nämlich bereits Anfang 2013 erschienen. Inzwischen ist längst das nachfolgende Modell EVOD II auf dem Markt. Und selbst das ist inzwischen doch eher betagt zu nennen.

Um bei dem Auto Vergleich zu bleiben wurden hier also nicht alle Autos untersucht. Auch nicht die neusten Modelle.
Es wurde nicht der Golf 8 untersucht, sondern der Golf 2.

Weitere Probleme im Versuchsaufbau

Wie bei solchen Versuchen inzwischen leider üblich, wurden die Sampels nicht so gezogen, wie es der normalen Verwendung des Gerätes entspricht.
Die erfahreneren Dampfer, die solche Geräte noch kennen, werden es bereits erahnen.

Gezogen wurde in 30 Sekunden Intervallen jeweils drei Sekunden lang. Bei Coils mit einem Widerstand von 1,8 Ohm.
Wer ein solches Gerät noch besitzt, kann gerne versuchen das einmal nachzuahmen. Und dabei festhalten, ab wann es verkokelt schmeckt.
Dabei sollte man auch bedenken, wie fest man ziehen muss, um den Dampf durch einen Versuchsaufbau zu ziehen. Der geneigte Nutzer müsste mindestens durch einen Meter Schlauch saugen.

In allen solchen Versuchen wird ignoriert, dass die höchste Schadstoffbelastung auftritt, wenn nicht genug Liquid nachfließt. Wenn es zu einem so genannten Dry Hit oder Dry Burn kommt.
Aber kein Dampfer würde das mehr als einmal inhalieren, weil es zum sofortigen Hustenanfall führt.
Eine Smoking Machine bemerkt das natürlich nicht.

Bis zu zwölffache Dosierung

Das könnte man noch als Nachlässigkeit abtun. Schwieriger wird es dann aber bei der nächsten Ungenauigkeit.
Offenbar war der Ehrgeiz zu Ergebnissen zu kommen bei Thickett und seinen Kollegen so groß, dass sie eine Grenze konsequent überschritten.
Sie verwendeten zwar auch Liquids ohne Nikotin. Wenn Nikotin drin sein sollte, dann aber offenbar richtig.
Das Liquid, welches im Versuch verwendet wurde, enthielt 36mg Nikotin.




Da der Handel mit solchen Liquids in Europa verboten ist, hat man es extra aus Milwaukee in den USA einfliegen lassen.
Die Höchstmenge Nikotin ist durch die Tabakproduktrichtlinie der EU auf 20mg beschränkt. Das bedeutet, die Dosierung des Nikotins war bereits vor Beginn des Versuches fast doppelt so hoch wie hierzulande erlaubt.
Die üblichste Dosierung in Europa sind 3mg bzw. 6mg. Eine Dosierung von 36mg entspricht also dem sechs- bis zwölffachen der meistverkauften Liquids.

Der Versuch enthält darüber hinaus zwei weitere Ungenauigkeiten. Die vielleicht im Rahmen der Untersuchung nicht entscheidend sind. Aber für die Interpretation der Ergebnisse.

Wie viel gelangt in die Lunge?

Zum ersten ist die Frage, wie viele der vermeintlichen Schadstoffe überhaupt aufgenommen werden, nicht geklärt. Dazu gibt es auch wenige bis keine stichhaltigen Untersuchungen.
Die Bronchien liegen nicht schutzlos offen. In ihnen befindet sich das Flimmerepithel, gemeinhin auch gerne als Flimmerhärchen bezeichnet. Zusätzlich befindet sich in ihnen Sekret.
Beides dient dazu, Fremdkörper abzuwehren und abzutransportieren.
Wieviel Dampf also tatsächlich das Gewebe und damit die weißen Blutkörperchen bei der normalen Inhalation erreicht ist keineswegs klar.

Was in der logischen Schlussfolgerung zum nächsten Problem führt. Der Dosierung.
Denn wie auch in allen anderen In Vitro Versuchen („im Reagenzglas“) wird die Dosierung ignoriert.
Das ist nachvollziehbar, geht es doch erst einmal nur darum, überhaupt festzustellen, ob eine Schädigung geschieht.

Wie der Pharmakologe Prof. Dr. Bernd Mayer von der Universität Graz bereits mehrfach betont hat, ist es prinzipiell möglich, Zellen in einer Petrischale so lange zu „malträtieren“, bis ein erwünschtes Ergebnis zustande kommt.
Das hat keinerlei Aussagekraft darüber, wie diese Reaktion in einer üblichen Dosierung in einem lebenden Körper mit entsprechenden Abwehrmechanismen ablaufen würde.

Denn jeder kann sich leicht vorstellen, dass das Kondensat von Dampf, das auf einige Zellen aufgebracht wird, bei weitem nicht der Dosierung entspricht, die beim tatsächlichen Konsum aufgenommen wird.
Ganz zu schweigen vom Liquid.

„Was krebsverursachende Moleküle in Zigarettenrauch betrifft, im Gegensatz zum Zigarettendampf, („cigarette vapour“) findet man sicherlich eine geringere Anzahl an Karzinogenen. Sie sind sicherer hinsichtlich des Krebsrisikos. Aber wenn du 20 oder 30 Jahre lang dampfst und das COPD verursachen kann, dann ist das etwas, was wir wissen sollten.“
David R. Thickett, EurekAlert!, 13.08.2018

Ein anderes Design zur Verdeutlichung

Vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, dass es einigermaßen verräterisch ist, wenn das aerzteblatt.de dazu folgenden Satz schreibt:

„Die Ergebnisse zeigen, dass sowohl die Liquids als auch das Kondensat die Lebensfähigkeit der Makrophagen herabsetzen. Die Effekte waren dosisabhängig, was eine ursächliche Wirkung unterstreicht.“
aerzteblatt.de, E-Zigaretten schädigen Makrophagen in der Lunge, 14.08.2018

Übersetzen wir das einmal auf ein etwas anderes Design.
Wissenschaftlich sicherlich nicht korrekt. Aber gemäß Deduktion und Induktion macht es die Relation für Laien verständlich.

Zunächst entnehmen wir Zellen aus dem Frontallapen eines menschlichen Gehirns.
Als Probe verwenden wir Ketchup.

Wir wissen zwar nicht genau, ob Ketchup jemals die Zellen des Gehirns erreicht. Und wenn, in welcher Dosierung. Aber wir wollen nur herausfinden, ob Ketchup generell Hirnzellen schädigen kann.

Um die Relevanz von Saucen nachweisen zu können, verwenden wir Ketchup mit und ohne Jalapeños.
Und um sicher zu sein überhaupt einen messbaren Effekt abbilden zu können, reduzieren wir den Ketchup um die Hälfte. Wir konzentrieren ihn. So wird der Anteil der Jalapeños um das fast Doppelte gesteigert, was überhaupt erlaubt ist. Das sechs- bis zwölffache der üblichen Dosierung.

Ketchup macht doof!

In diesen Ketchup Samples baden wir nun die Hirnzellen.
Wir können beobachten, dass die Hirnzellen in Ketchup mit Jalapeños schneller absterben als ohne. Und alle schneller als die unbehandelten Vergleichsproben. Die Lebensfähigkeit wird herabgesetzt.
Man hätte es fast ahnen können.

Diese Arbeit veröffentlichen wir dann.
Dazu bringen wir eine Pressemitteilung heraus, in der wir darauf hinweisen, dass Ketchup bei regelmäßigem Konsum das Hirn schädigen könnte. (Konjunktiv!)
Nicht nur unser im Labor getesteter Ketchup, sondern jeglicher Ketchup weltweit.

Das aerzteblatt.de greift einen Tag später diese Mitteilung auf und macht dazu einen Artikel. Mit der Gewissheit in der Überschrift „Ketchup schädigt Zellen im Hirn“.
Ab hier ist der Rest ein Kinderspiel.

Das, und nichts anderes, ist tatsächlich abgelaufen.

In den nächsten Tagen werden die Medien das Thema aufgreifen.
Die Bild Zeitung wird titeln: „Epidemie: Ketchup macht doof!“
Und die Zeitung Welt wird dazu einen Sonderbericht bringen. Mit Gesprächspartnern von der WHO und aus dem Familienministerium.
Konsens wird sein, dass wir noch nichts über die Langzeitschäden von Ketchup wissen. Aber unsere Jugend dringend davor schützen müssen. Zumal Ketchup auch dazu geeignet sein kann, einen Einstieg in andere, teurere und schlechter schmeckende Saucen zu bieten. (Senf ist übrigens ein Gewürz und keine Sauce. Insider.)
Während einige Ärzte Ketchup-Ersatz-Therapien anbieten und Pharmaunternehmen Jalapeño-Sprays entwickeln.

E-Zigaretten müssen nicht „sicher“ sein

„Ich glaube nicht, dass E-Zigaretten schädlicher als normale Zigaretten sind. Doch wir sollten zurückhalten skeptisch sein. Ob sie so sicher sind, wie uns glauben gemacht wird.“
David R. Thickett, EurekAlert!, 13.08.2018

Da muss die Frage erlaubt sein, wer das jemals glauben gemacht hat.
E-Zigaretten müssen nicht „sicher“ sein. Sie müssen nur weniger schädlich als Zigaretten sein.

Public Health England, die staatliche Gesundheitsfürsorge für die auch Thickett 2008 bereits tätig war, schätzt die Schädlichkeit der E-Zigarette mindestens 95% geringer ein, als die der Tabakzigarette. Das Krebsrisiko beziffern sie auf 99,5% geringer.

Die Untersuchung aus Birmingham ändert daran nichts.


Artikel auf aerzteblatt.de: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/97123/E-Zigaretten-schaedigen-Makrophagen-in-der-Lunge
Pressemitteilung auf EruekAlert!: https://www.eurekalert.org/pub_releases/2018-08/b-evd081018.php
Artikel auf BMJ: https://thorax.bmj.com/content/early/2018/07/07/thoraxjnl-2018-211663?rss=1
Und nochmal das Ärzteblatt: https://www.vapers.guru/2018/04/05/aerzteblatt-missinterpretiert-studie/

Giftige Metalle in E-Zigaretten nachgewiesen

The following two tabs change content below.
Joey Hoffmann

Joey Hoffmann

Begründer und inhaltlich Verantwortlicher bei vapers.guru
Vollzeit-Guru, zuvor angestellter und selbstständiger Marketingberater und Mediengestalter, Fachbereich Facebook und Wordpress. Mitglied des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes.
Joey Hoffmann

Neueste Artikel von Joey Hoffmann (alle ansehen)