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Die Beliebigkeit übersüßter Liquids

Eine Kritik an einer Kritik zu einer Kritik

Ein Kurz-Review von mir zu einem Liquid wurde offenbar nicht von allen verstanden.
Zur Selbstdiagnose und -überprüfung habe ich eine Versuchsreihe und sensorische Prüfung gemacht. Nicht mit Liquids, sondern mit Fertig-Cocktails.
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Ich teste sehr viel mehr an Liquids und Geräten, als wir hier veröffentlichen.

Anfang Februar habe ich auf der Facebook Seite von vapers.guru eine kleine Umfrage gemacht. Ob Interesse daran besteht, dass ich Liquids und Aromen, die ich für mich teste, in einem kurzen Review auf der Facebook Seite vorstelle.
81% der Teilnehmer fanden die Idee gut.

Gesundheitsbedingt hat sich das etwas verzögert, weshalb ich nun gestern erst das zweite vorgestellt habe. Und es nicht gut fand.
Wenige kommentierten, dass sie sich nicht meiner Meinung anschließen. Was völlig ok ist.
Zwar hatte ich erwartet, dass es auch Proteste gibt. Aber offenbar wurde der eigentliche Inhalt meiner Kritik von einigen gar nicht verstanden. Weshalb ich das hier gerne aufgreifen möchte.

Um das zu verstehen und einen Ausgangspunkt zu haben, muss ich aber das Kurz-Review hier kopieren.

Hugo’s Secret von Dash Liquids

Weil viele so von den neu erschienen Dash Liquids geschwärmt haben, habe ich mir per Zufallsauswahl mal eins kommen lassen. Drei (inzwischen fünf) waren mir dann doch zu teuer zum Testen.
Dash Liquids ist offenbar ein neuer Hersteller, der in Kaiserslautern sitzt.

Das Hugo‘s Secrets soll ein „prickelnder Prosecco“ sein (daher wohl auch der gekupferte Name) mit fruchtigen Limettenschnitzen, einem Schuss Holunderblütensirup verziert mit frischen Minzblättern.

Vielleicht war die Auswahl per Zufall schon suboptimal, denn ich hasse Minze.
Menthol ist für mich ok, aber bitte in Maßen. Ich brauche keinen Throat Hit durch Frische-Kick, das erledige ich mit Nikotin. Wenn ich Coolada haben will, lecke ich mein Rasier-Gel.
Limetten finde ich geil, alleine schon wegen der mexikanischen Küche. Aber Limette ist kein Trägeraroma, es kann immer nur andere Aromen unterstützen und Spitzen reinbringen.

Vom Prosecco, geschweige denn von einer Traube, habe ich wenig geschmeckt. Eigentlich nix. Die Minze war so dominant, dass ich die Beschreibung mit der Minz-Deko eher abenteuerlich finde. Vielleicht hat die Limette das auch potenziert.
Die Frische war absolut ok.

Weshalb das Zeug bei mir aber krachend durchgefallen ist – und ich es nach zwei Tanks weitergegeben habe – ist etwas anderes.
Es ist süß. Es hat so gar nichts mit einem frischen Prosecco gemein.
Wenn ein Prosecco mit Hollunder und Limette (und Minz-Deko) Dir sanft die Wange streichelt, läuft Hugo‘s Secret Dir mit Anlauf vor den Kopf.

In den USA sind völlig überwürzte und übersüßte Lebensmittel Gang und Gebe. Ich befürchte langsam, das schwappt herüber. Und dass viele Dampfer zielgerichtet ihre Geschmacksknospen zerschießen.
Zumindest das Hugo’s Secret kam mir vom ersten Zug an vor, wie eins der gerade modernen, gehypten Liquids für eine ganz bestimmte Zielgruppe. Die vielleicht aus großen Geräten wie Tröpfler, Squonker oder Top Coiler noch schmecken mögen. Auf der Suche nach immer mehr Geschmack und kaubarem Dampf.
In Mittelklasse-Geräten oder gar M2L aber einfach rüber kommen wie ein pürierter Obstsalat, den man mit Süße und Frische aufgepeppt hat.
Bei einer solchen Beschreibung habe ich die Erwartungshaltung an einen Prosecco, bei dem die anderen Aromen mitschwingen. Nicht umgekehrt.

Ich verreiße nicht gerne. Und ich möchte auch nicht davon abraten. Aber sorry, so völlig nicht meins.
Wer auf so etwas steht und Nebelwerfer hat, der kann es ausprobieren. Dezentere Dampfer und Backenhörnchen sollten es lieber vorher probieren, bevor sie Geld ausgeben.

Dem aufmerksamen Leser wird auffallen, dass ich eigentlich überraschend wenig zu dem Aroma selber gesagt habe. Und dass meine negative Kritik nichts mit der Minze zu tun hatte, die ich bekennend nicht mag.
Sondern ich habe einen Absatz gemacht und dann sehr klar formuliert, warum das Liquid nicht mein Fall ist.
Meine Erwartungshaltung wurde nicht erfüllt.

Der Selbstversuch

Der befreundete YouTuber Martin „Dampfwolke“ Hartkopf schrieb mir, ich solle mir mal eine Flasche Hugo in einem Supermarkt holen. Ein guter Hinweis, ab da ahnte ich Übles.
Da ich empirisch angehaucht bin, habe ich getan, was ein Wissenschaftler tun würde. Ich habe eine Versuchsreihe gemacht. Eine so genannte sensorische Prüfung mit drei verschiedenen Varianten.

Eigentlich ist Hugo ein Cocktail. Einem Prosecco wird Holunderblüten-Sirup, ein oder zwei Blatt frische Minze und je nach Rezept Limetten zugefügt. Das ganze bitte auf Eis.
In der ursprünglichen Version wird sogar Wasser oder Mineralwasser zugefügt. Die Mischung mit Wasser und Holunderblüte-Sirup wurde in Österreich schon lange als „Kaiser-G’spritzter“ angeboten. Es gleicht also eher einer Weißweinschorle als einem Mojito.

Aus verschiedenen Gründen hat Prosecco hierzulande auch eher den Ruf eines billigen Sekts. Was falsch ist. Das liegt vielleicht daran, dass der Begriff Prosecco lange nicht geschützt war und jeder ein bisschen Kohlensäure in seine Plörre gepresst und es als „Prosecco“ verramscht hat.
Inzwischen hat Prosecco eine DOC-Apellation, darf nur aus einer Rebensorte bestehen und nur aus einem bestimmten Anbaugebiet.

In meiner Versuchsreihe habe ich als erstes den Hugo der Marke Käfer ausprobiert. Mit „Holunderblüte und Limettengeschmack“.
Es riecht wie Beckenstein. Es hat eine angenehme Säure am Anfang und eine deutliche, aber nicht langlebige Säure im Abgang. Eine echte Limette schmecke ich aber nicht heraus. Und es ist rotzesüß.

Ein Blick auf das hintere Etikett verrät mehr. Es enthält Sulfide zur Haltbarmachung und als Antioxidans. Gemäß kurzer Recherche handelt es sich dabei um Schwefeldioxid (E220).
So eine Flasche muss lange lagern können. Sirup neigt aber dazu sich abzusetzen. Weshalb hier mit Aromen gearbeitet werden musste. Darum darf das Zeug auch nicht als Wein oder Prosecco bezeichnet werden, sondern die Texter haben sich den Begriff „aromatisierter, weinhaltiger Cocktail“ einfallen lassen.
Inhaltsstoffe müssen nicht genauer angegeben werden. Aus dem Zuckeranteil hätte man einiges erahnen können. Man darf aber davon ausgehen, dass mit sehr viel Zucker gearbeitet wurde.



Das zweite Produkt war ein Hugo der Marke Vescovino. Da ich meine Aversion gegen Minze herausfordern wollte, habe ich mich für die Variante mit „Hollunderblüten und Minze“ entschieden.
Die Inhaltsangaben waren die gleichen wie bei dem Käfer Produkt.
Allerdings war es noch Süßer. Die Säure fehlte nahezu vollständig.
Es schmeckte auch nicht wirklich nach Minze, sondern die Minznote war nur im Abgang zu schmecken und glich eher einem Pfefferminz Kaugummi, das man schon seit einer halben Stunde auslutscht.

Im Übrigen gab es im gut sortierten Supermercado meines Vertrauens ein ganzes Regal mit solchen hugoesken Produkten. Aus der Wein Abteilung verbannt, ich musste eine Verkäuferin fragen.
Es gab auch Produkte in Dosen und blau gefärbten Flaschen. Prosecco darf aber seit längerem gar nicht mehr in solchen Abfüllungen verkauft werden. Deshalb stand auch nirgendwo ausdrücklich Prosecco drauf.
Ich unterstelle dass nichts, absolut gar nichts, in diesem ganzen Regal etwas mit Hugo zu tun hatte. Das ist vergleichbar damit, dass mache Hersteller Rum und Cola verpanschen, etwas Säure hinzufügen und es als Cuba Libre vertickern.
Wenn das ein Hugo ist, dann kann ich mich dem anschließen: Das oben genannte Liquid hat den Geschmack voll getroffen.

Dash Liquids
Ein Hugo, wie er in einer Cocktail Bar serviert würde.

Als letzten Teil des Selbstversuchs habe ich mir dann einen Hugo gemacht. So zu sagen nach Lehrbuch. Ich habe einen mäßg trockenen Giolano Prosecco DOC Vino Frizzante genommen. Also einen Perlwein, nicht das teuerste auf der Karte. Spumante ist üblicherweise teurer, seine Kohlensäure muss durch Gärung entstanden sein.
Ich habe zwei frische Minzblätter leicht zerdrückt, zwei Esslöffel Holunderblüten-Sirup in ein dünnwandiges Glas getan, zwei Achtel frischer Limetten zugefügt, das Glas mit Eis aufgefüllt und den Prosecco zugegeben. Voilà, ein Hugo.
Eine angenehme, süffige Süße, die aber die Frische nicht überlagert hat. Kein Zuckerrand um den Mund, wie ein Kleinkind das einen Berliner isst. Ich habe sogar den Anteil des Sirups verdoppelt, die Süße kam trotzdem nicht an die anderen Produkte und nicht an das Liquid heran.
Der Holunder kommt deutlich raus, die Limetten geben die Spitzen. Die Minze gibt eine Frische, ohne mit Eigengeschmack zu aufdringlich zu sein.

Übrigens gaben die ausgenudelten Minzblätter in Kombination mit den Limetten im leeren Glas genau das Aroma ab, den ich bei den beiden Produkten vorher festgestellt hatte. Das hat aber mit dem Geschmack der frischen Zutaten wenig zu tun.

Übersüßt, übersalzen, überwürzt

Es gibt einige YouTube Kanäle von Amerikanern, die in Deutschland leben. Das gucke ich mir ganz gerne hin und wieder mal an.
Was viele von ihnen berichten ist, dass sie mit den deutschen Lebensmitteln erstmal wenig anfangen konnten. Weil sie im Vergleich zu vielen amerikanischen Lebensmitteln geradezu ungewürzt sind.
Viele berichten aber auch, dass wenn sie mal wieder in den USA sind, sie vieles nicht mehr mögen oder nicht mehr essen können, was sie vorher gemocht haben.

100 ml Cola enthält 10,6 Gramm Zucker. Das entspricht auf einen Liter etwa 35 Stück Würfelzucker. Wer aber meint, das sei ein Ausreißer, den muss ich enttäuschen.
Heinz Tomaten Ketchup enthält auf 100ml genau 23,7 Gramm Zucker. Also mehr als das Doppelte. Damit kommt das Zeug auf 79 Stück Würfelzucker in einer Literflasche.
Inzwischen wird Heinz auch als „Kids“ Variante verkauft. Es wirbt mit 50% weniger Zucker, die Zutatenliste und die Kalorien sind jedoch identisch. Dafür ist es 40% teurer.

Ziehe ich in die Nähe einer Autobahn, wird das ständige Rauschen der Autos mich anfangs stören. Irgendwann blendet mein Hirn es aber automatisch aus, ich höre es nicht mehr. Genauso verhält es sich mit dem Geschmack.
Und das ist meines Erachtens nach auch der Hauptgrund für die so genannte Vapers-Tongue (Dampferzunge), dem Syndrom bei dem Dampfer plötzlich nichts mehr schmecken.

Liquids
Die gustatorische Wahrnehmung schematisch erklärt.

Jeder kennt das von Chips. Die ersten Chips schmecken. Teilweise sehr intensiv.
Aber spätestens nach der halben Tüte schmeckt man eigentlich kaum noch etwas. Man stopft nur noch rein, das Mundgefühl spielt eine weit größere Rolle als der Geschmack.

Ich habe den Eindruck, viele Liquids gehen gerade den gleichen Weg. Dampfer zerschießen sich ihre Geschmackssinne.

Rauchst du noch oder dampfst du schon?

Fast ausnahmslos alle Dampfer haben vorher geraucht, teilweise jahrzehntelang.
Und seien wir doch einmal ehrlich: Rauchen schmeckt scheiße. Es schmeckt, als ob man auf Zigarettenstummeln kaut. Gestört hat das aber lange keinen.
Deshalb halte ich den Geschmack für einen Umsteiger in den ersten Wochen für vernachlässigbar. Im Gegenteil, viele vermissen bewusst oder unbewusst den ekelhaften Geschmack, denn der Mechanismus ist daran gekoppelt.
Ist die Verhaltensabhängigkeit entkoppelt, kann jeder machen was er will.

Auch ich mag süße Liquids. (Aber die konsumiere ich dann aus großen Geräten. Gleichsam als wenn ich zu Hause in Ruhe eine Pfeife paffen würde oder mir beim Fernsehen eine Zigarre gönne.)
Süße und geschmacksintensive Liquids schmecken nun einmal. Das Problem daran ist, dass der Mensch nicht immer macht, was gut für ihn ist. Sonst gäbe es keine Selbstmordattentäter, keine Trinkspiele und überraschend wenige siebzehnjährige Mütter.
Und deshalb ist – so absurd es erscheint – der Geschmack nur ein Kriterium von mehreren, die in ein Review einfließen.
Fast jeder mag Schokolade. Trotzdem kann man doch Schokolade besprechen. Nach Herstellung, Kakao-Anteil, Preis, Verpackung und vielem mehr.

Auch diese süßen Liquids müssen für mich etwas haben. Beispielsweise bin ich bekennender Fan von Kanzi und Mangabeys von Twelve Monkeys aus Kanada. Aber die waren nicht nur eine der ersten, die mit sowas massiv an den europäischen Markt gegangen sind. Sondern sie haben auch einige neue, ausgewogene und abgestimmte Geschmäcker gefunden. Nicht umsonst wurde Kanzi oft kopiert.
Es gibt auch sehr leckere Käsekuchen Aromen. Obwohl auch die weit süßer sind als es ein echter Käsekuchen ist. Und der strotzt schon vor Zucker.

Die endlose Suche des Dampfers

Ich unterstelle eingen Dampfern, dass sie durch das Dampfen keine volle Befriedigung finden. Dass irgendetwas immer fehlt.
Kein Wunder, denn das Nikotin ist weitestgehend entfallen, der unbewusste Automatismus im Hirn springt aber immer noch an. Sie sind also nicht „so ganz“ weg. (Ich selber übrigens auch nicht.)
Viele versuchen auch aufgrund falscher Informationen möglichst schnell das Nikotin zu reduzieren.
Also versuchen sie das zu kompensieren, zu substituieren. Naheliegend ist, den Throat Hit zu erhöhen. Durch dickere Geräte und mehr Dampf. Oder durch Cooling Agents oder Menthol. Oder sie sind ständig auf der Suche nach neuen Aromen.
Während andere ihr Allday gefunden haben und es kaufen und konsumieren wie Zigaretten, verspricht diesen Leuten das nächste Aroma immer wieder die echte Befriedigung.

Daraus hat sich inzwischen ein Markt entwickelt. Hersteller, die – bewusst oder unbewusst – genau diese Dampfer ansprechen und abholen. Mit immer mehr, immer schneller auf den Markt geworfenen Aromen. So lange bis der Markt gesättigt ist, die Blase platzt und es unrentabel wird.
Dazu bewerben sie ihre Produkte vor allem in der Informationsblase der Online Dampfer. Nicht bei Rauchern, nicht in Shops, nicht in Foren. Bei YouTubern, Influencern und auf Messen.
Und als Sahnehäubchen der Eskalation werden diese Aromen immer Geschmacksintensiver und süßer. Dabei wäre es doch mal wirklich spannend zu hinterfragen, wie viele von dieser Zielgruppe noch nebenbei rauchen. Oder Anfänger, die in eben diese Zielgruppe geraten, rückfällig werden.
Dafür können weder die Dampfer etwas, noch die Hersteller.
Aber es muss erlaubt sein, das zu hinterfragen.

Will ich einen Tomatensalat wie im Urlaub essen, dann hole ich mir Cœur De Bœuf und nicht die billigen Strauchtomaten vom Discounter. (Die vier holländischen Aggregatszustände von Wasser: Eis, Wasser, Gas, Tomate.) Will ich ein Brot, gehe ich zum Bäcker und nicht zum Backautomaten. Will ich ein gutes Steak, dann gehe ich zur Fleischtheke und nicht ans Kühlregal. Und will ich einen Cocktail, dann mache ich ihn selber und kaufe nicht eine Pulle mit aromatisiertem Zeug für drei Euro an der Tanke.

Das Schlimmste ist bei so etwas immer, wenn die Erwartungshaltung nicht erfüllt wird. Das ist ein großes Thema im Marketing.
Bei dem oben benannten Liquid wurde meine Erwartungshaltung nicht erfüllt. Nach meinem Selbstversuch habe ich nichts zurückzunehmen.
Ich hätte es weit böser formulieren können. Wer das Wurstbrot von Jochen Malmsheimer kennt wird eine Vorstellung haben.

Die zwei Pullen Fertig-Hugo habe ich übrigens weggeschüttet. Mit dem restlichen Prosecco werde ich ein Nudelsößchen für frischen Fisch einkochen.


Die Dampferzunge erklärt: https://www.vapers.guru/2016/08/19/warum-schmecke-ich-nix/

Parasiten der Selbstdarstellung

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Joey Hoffmann

Joey Hoffmann

Begründer und inhaltlich Verantwortlicher bei vapers.guru
Freier Redakteur, zuvor angestellter und selbstständiger Marketingberater und Mediengestalter, Fachbereich Facebook und Wordpress. Mitglied des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes und des Bündnis für Tabakfreien Genuss.