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Eine E-Zigarette enthält so viel Nikotin wie eine Schachtel…

Nur weil man etwas ständig wiederholt wird es nicht wahrer

Sobald es um die Juul geht, wird von Reportern wieder und wieder der gleiche Satz benutzt: Ein Liquid Pod enthält so viel Nikotin wie eine Schachtel Zigaretten.
Dabei ist das falsch. Auf mehreren Ebenen.
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Durch einen DampfTuber (Gruß an Roman Dampft) wurde ich gestern Abend auf einen Beitrag in der 3Sat Mediathek aufmerksam.
In dem Beitrag geht es wieder einmal um die Juul, die kurzerhand mit allen E-Zigaretten gleichgesetzt wird.

Dass ausschließlich über die Messwerte aus den USA gesprochen wird, ist nur einer der Fehler des Berichtes. Denn die Juul Pods enthalten in den USA etwa die dreifache Konzentration dessen, was in Europa überhaupt zulässig ist.
Doch es gab noch einen größeren Fehler.

In sehr vielen Berichten, in denen es um die Juul geht, kommt immer wieder die gleiche Behauptung.
Ein Juul Pod, die kleine Kapsel mit der zu verdampfenden Flüssigkeit, enthält angeblich so viel Nikotin wie eine Schachtel Zigaretten.
Der Beitrag von 3Sat steigert das noch. Aus unerfindlichen Gründen ist nun auf einmal in einem Pod so viel Nikotin enthalten wie in drei bis vier Schachteln Marlboro.

Seit langer Zeit wird auch unter Dampfern immer wieder gerätselt, wieviel Nikotin sie nun eigentlich zu sich nehmen. Und ob sie es reduzieren sollten.
Ich möchte einmal erklären, wie das Verhältnis wirklich ist, warum die Umrechnung niemals klappt und warum diese Aussage zur Juul schlicht und ergreifend falsch ist.

12 Milligramm pro Zigarette

Eine Zigarette enthält im Durchschnitt etwa 8 mg bis 20 mg Nikotin. Man geht im Mittel von etwa 12 mg aus. Diese Zahl findet man in den meisten Quellen.

Die werden jedoch nicht aufgenommen. Im Körper landen davon tatsächlich nur 1 mg bis 3 mg pro Zigarette. Das dürfte aber beim Dampfen nicht anders aussehen.
Die Aufnahme ist von sehr vielen Faktoren abhängig. Beispielsweise vom Lungenvolumen, von der Beschaffenheit der Lunge, von der Intensivität der Inhalation, der Art des Rauchens und vielem mehr.

Die Angaben auf der Schachtel (bzw. heute von Händlern) verwirren Leute oftmals. Denn sie geben eben nicht an, wieviel Nikotin in einer Zigarette ist. Sondern im Rauch eines Zuges.
In einem genormten Verfahren wird maschinell gemessen, wie viel Nikotin in einem Zug der Zigarette transportiert wird. Die Angaben auf der Schachtel sind inzwischen sogar verboten. Es gilt schockieren statt aufklären.

Milligramm pro Volumenprozent pro Zug

Doch damit ist die Verwirrung noch nicht beendet.
Denn in den USA wird die Konzentration des Nikotins immer in Prozent des Gewichts angegeben. Ähnlich wie Alkohol in Volumenprozent. In Europa aber in Milligramm pro Milliliter.

Das kann man nicht einfach umrechnen. Denn das Gewicht des Liquids, also worauf die Angaben sich beziehen, ist ja ebenfalls unterschiedlich. Einfach weil die Inhaltsstoffe Propylenglykol, Glycerin, Wasser und Aroma ein unterschiedliches Gewicht haben. Es kommt also auch noch auf die Zusammensetzung des Liquids an.

Das sieht man sehr einfach bei den Pods der Juul in Europa. Sie enthalten 20 mg pro ml. Was dann aber eben nicht zwei Prozent entspricht, sondern 1,7%.
Also enthält ein Juul Pod in den USA mit 5% Nikotingehalt etwa 59 mg pro ml.



So viel wie in einer Schachtel Zigaretten?

Der Rest ist einfacher Dreisatz und dürfte jedem einleuchten.
In einem Juul Pod befinden sich 0,7 ml Liquid. Was also ca. 41,3 mg Nikotin entspricht.

Wenn eine durchschnittliche Zigarette etwa 12 mg Nikotin enthält, entsprechen 41,3 mg Nikotin 3,5 Zigaretten. Nicht einer Schachtel Marlboro. Und schon gar nicht drei bis vier Schachteln, was etwa 20 mal so viel wäre. In Europa ist es nur etwas mehr als eine Zigarette. (14 mg)
In einer Schachtel Zigaretten sind im Durchschnitt etwa 240 mg Nikotin enthalten.

Das Magazin Aktuelle Stunde des WDR hatte zu Beginn dieses Jahres einen Beitrag des jungen Teams „reporter“ veröffentlicht. Für den hatten sie tatsächlich eine Juul in ein Labor gegeben. Das erste mal, das so etwas überhaupt medial gemacht und berichtet wurde.
Das Ergebnis war, dass eine Juul mit der hier zulässigen Höchstkonzentration sehr viel weniger Nikotin im Dampf hat als eine normale Zigarette im Rauch.

„Aber vorab, man muss sagen, für unseren Vergleich gibt es kein standarisiertes Verfahren. Was man aber machen kann ist den Nikotingehalt im Rauch und im Dampf jeweils zu messen und das Ganze dann zu vergleichen. Und das haben wir auch gemacht.
Joah, und dabei kam ein überraschendes Ergebnis heraus, nämlich dass die Juul sehr viel weniger Nikotin im Dampf hat als eine normale Zigarette. Ja selbst sehr viel weniger als eine sehr leichte Zigarette und damit auch weniger, als Juul selbst behauptet.
Ben Bode, reporter für WDR Aktuelle Stunde, 06.02.2019

Gezieltes Framing für markige Aussagen

Doch selbst wenn ein Pod so viel Nikotin enthalten würde wie eine Schachtel Zigaretten, wird mit dieser Aussage Framing betrieben. Es wird im Kopf besorgter Eltern das Bild erschaffen, die Kids würden mit wenigen Zügen ein ganzes Päckchen wegziehen.
Doch ein solcher Pod soll ja tatsächlich eine ganze Schachtel ersetzen. Er reicht auch mit 0,7ml deutlich weiter als der Akku überhaupt durchhält.

Juul
Eine Gegenüberstellung der beinhalteten Nikotinmenge pro Füllung. (Volle Auflösung auf Klick)

Es macht für umsteigewillige Raucher also Sinn, so viel Nikotin dort hinein zu packen.
Und wie die Zahlen von Juul zeigen, scheint das Konzept zu funktionieren. Über 50% der Raucher, die auf die Juul umgestiegen sind, haben gemäß eigener Angaben innerhalb von drei Monaten das Rauchen aufgegeben.

Erst im Februar hatten schweizer Gesundheitsexperten die Anhebung der zulässigen Nikotinmenge um das Fünffache gefordert. (Link unten)
Daher empfehle ich Rauchern grundsätzlich mit einem M2L Gerät und der Höchstmenge von 20mg umzusteigen. Reduzieren oder das Gerät wechseln kann man danach immer noch. Wenn der Umstieg geschafft und das Suchtverhalten entkoppelt ist.

Mangelhafte Medienarbeit – wiedermal

Es ist denkbar, dass Händler zum Verkaufsstart der Juul damit geworben haben, dass ein Pod eine Schachtel Zigaretten ersetzt.
Dieses Argument wurde offenbar im Sinne des Framings umgedeutet. Scheinbar aus dem Dunstkreis der Kampagne Tobacco Free Kids. Diese Kampagne wurde von der Johnson & Johnson’s Robert Wood Johnson Foundation ins Leben gerufen. Und die wurde, wie der Name schon sagt, von dem Pharma Riesen Johnson & Johnson gegründet. Dem Weltmarktführer von Nikotinersatztherapien.

Und in Europa wird es einfach übernommen. Obwohl weder der Vergleich stimmt, noch die tatsächliche Konzentration.
So oft wie das Argument wiedergegeben wird, ist es ein weiterer Beweis dafür, dass eigentlich keiner der Medien und keiner der Redakteure hingeht und diese Informationen einmal überprüft.
Alles was man dazu benötigt ist Google und ein Taschenrechner.

Und noch etwas sehr wichtiges wird bei dieser schmissigen Aussage völlig ignoriert. Die so genannte Selbsttitration.
Ein Raucher merkt, wenn sein Nikotinspiegel im Blut sinkt. Denn dann bekommt er Lust auf eine Zigarette. Nimmt er zu viel Nikotin zu sich, wird ihm schwindelig, er bekommt Kopfschmerzen und ihm wird schlecht.
Das bedeutet es ist völlig egal, wie viel Nikotin in einer Tabakzigarette oder E-Zigarette enthalten ist. Hat ein Jugendlicher eine Überdosis, wird er sich maximal herzlich erbrechen und dann weiß er für das nächstemal Bescheid. Das kann ihm bei einer Juul passieren, bei einer Tabakzigarette oder auch bei einer offenen E-Zigarette.

Nochmals: Ein Pod der Juul enthält in den USA ungefähr so viel wie 3,5 Zigaretten. In Europa etwas mehr als eine Zigarette. Nicht so viel wie eine Schachtel.


Hundert Sekunden Unfug zur E-Zigarette: https://www.vapers.guru/2019/04/08/11686/
Nachgewiesen – Es gibt keinen Gateway: https://www.vapers.guru/2019/04/04/weltweit-groesste-analyse-es-gibt-keinen-gateway/

Gesundheitsexperten fordern fünffache Nikotinmenge

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Joey Hoffmann

Joey Hoffmann

Begründer und inhaltlich Verantwortlicher bei vapers.guru
Freier Redakteur, zuvor angestellter und selbstständiger Marketingberater und Mediengestalter, Fachbereich Facebook und Wordpress. Mitglied des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes und des Bündnis für Tabakfreien Genuss.
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